Stattdessen kletterten wir südlich davon den Steilhang hinab und machten einen Umweg. Falls man am Morgen unsere Spuren fand, sollte niemand ahnen, wie nahe bei der Königsburg sich unser Ziel befand.
Eine halbe Stunde später waren wir zwischen den Wohnhäusern unterwegs. Wir nahmen die Stoffmasken ab. Wenn uns jetzt jemand sah, konnten wir Betrunkene spielen, die auf dem Weg nach Hause waren. Die Gefahr war überstanden.
Bald genug erfuhr ich jedoch, dass ich mich irrte.
Der erste Mensch, dem wir begegneten, war ein Bettler, der zusammengesunken in einer dunklen Ecke hockte. Er hatte sich in einen alten, fleckigen Umhang gewickelt und hielt einen langen Stab in der Hand, der ihm wohl als Stütze diente. Ein Blick genügte, um zu wissen, dass von ihm keine Bedrohung ausging. Vielleicht war er ein Krüppel, der nicht mehr richtig gehen konnte. Bei Tage hätte ich ihm eine Münze zugeworfen, aber jetzt hoffte ich, dass er schlief und uns nicht bemerkte.
Als sich uns drei Kerle in den Weg stellten, hielt ich das für einen Zufall. Wer nachts in den Straßen von Dongarth unterwegs war, musste mit unangenehmen Zeitgenossen rechnen. Zwar hatte ich diesmal meinen Degen nicht dabei, aber Merion stand neben mir. Jeder Ganove in der Stadt kannte und respektierte ihn.
Zunächst lief alles ab, wie man es bei solchen Begegnungen erwartete. Der größte der Halunken trat vor und machte damit deutlich, wer das Sagen hatte.
„Was hast du da?“, fragte er und deutete auf den Tragesack mit den zwei Folianten. „Ist das nicht zu schwer für dich? Gib her!“
Er streckte die Hand aus, als meine er es ernst.
Einer der beiden anderen ergänzte: „Gebt uns alles, was ihr dabei habt. Auch eure dicken Geldbörsen.“
Bisher hatten sie ihre Waffen nicht gezogen. Da Merion klein war und wir keine Anstalten machten, uns zu wehren, hielten sie uns für ungefährlich.
Das änderte sich, als ich den Büchersack einfach fallenließ und mich anders hinstellte: Die Füße einen halben Schritt auseinander, den linken nach vorne; ganz leicht in die Knie gehen und dabei mit einer kurzen Bewegung sicherstellen, dass der Umhang nicht stört, falls ein schnelles Zuschlagen erforderlich ist.
Das verstanden die drei so, wie es gemeint war: Ich war bereit zum Kampf!
„Die wollen unsere Hilfe nicht“, sagte der Anführer zu den beiden anderen. „Ist das unhöflich oder kapieren die nur nicht, um was es geht?“
Er zog sein Kurzschwert und fuchtelte damit herum. Immerhin tat er das so, dass es nicht wie ein Angriff aussah. Noch wusste er nicht, wie gut oder schlechte Merion und ich bewaffnet waren.
„Moment mal!“, rief der Kerl, der bisher nichts gesagt hatte. „Ist das nicht der ...“ Er wandte sich seinem Anführer zu und flüsterte ihm etwas ins Ohr.
Ich dachte, ihnen wäre nun aufgefallen, dass sie Merion gegenüber standen. Kein Gauner in Dongarth würde es wagen, die Hand gegen den Herrn der Diebesgilde zu erheben. Doch zu meiner Überraschung starrten die drei nun nicht meinen Begleiter an, sondern mich.
„Aron von Reichenstein“, sagte der Anführer langsam. „Ich will verdammt sein! Da suchen wir alle Kneipen der Stadt nach ihm ab, und nun kommt er uns einfach so entgegen.“
„Was wollt ihr von mir?“, fragte ich und gab damit zu, dass ich Aron war.
„Eigentlich nichts“, lautete die Antwort. „Was ist das da, und wer ist der da?“ Dabei zeigte er zuerst auf den am Boden liegenden Sack und dann auf Merion.
„Ihr stammt also nicht aus Dongarth“, sagte ich. „Sonst wüsstet ihr, wie gefährlich es ist, sich mit meinem Begleiter anzulegen. Jemand hat euch Geld gegeben und losgeschickt, ohne euch zu warnen. Wer war das?“
„Nun halt mal den Mund“, lautete die Antwort. „Ich muss nachdenken.“
Was mich an dieser Begegnung beunruhigte, war Merions Verhalten. Er stand da, als ginge ihn das alles nichts an. Nun starrte er sogar gedankenverloren an den drei Männern vorbei in die Dunkelheit der nächsten Seitenstraße.
„Nachdenken ist schwer, wenn man es nicht gewohnt ist“, provozierte ich. „Da ihr so nett seid, eure Hilfe beim Tragen anzubieten, biete ich euch nun an, beim Denken zu helfen. Erzählt einfach, wie ihr in diese Falle getappt seid. Vielleicht finden wir gemeinsam einen Weg, wie ihr lebend wieder herauskommt.“
Das war dick aufgetragen, aber eben deshalb verfehlte es seine Wirkung nicht. Der Anführer trat einen Schritt zurück und sah sich misstrauisch um. Er vermutete, dass wir irgendwo Verstärkung hatten, weil ich es wagte, so vorlaut aufzutreten.
„Werd nicht frech“, forderte er schließlich, aber es klang nicht besonders selbstbewusst. „Wer seid ihr beiden und warum treibt ihr euch mitten in der Nacht hier herum?“
„Hast du mich nicht eben Aron von Reichenstein genannt?“
„Bist du es?“
„Er hat keinen Degen!“, sagte nun der Gauner, der meinen Namen gesagt hatte. „Er kann es nicht sein. Dieser von Reichenstein ist ein Angeber, der immer seinen wertvollen Degen bei sich hat.“
„Stimmt“, gab der Anführer zu. „Haben wir also Pech gehabt. Wir müssen weitersuchen.“
„Was wollt ihr denn von diesem Adeligen?“, fragte nun Merion.
Mich als Adeligen zu bezeichnen, war an sich korrekt, aber irreführend. Ich verfügte zwar über adelige Vorfahren, aber leider weder über Geld noch Einfluss. Da die drei offenkundig nicht aus der Hauptstadt stammten, wussten sie das möglicherweise nicht und dachten, sie müssten nach einem wohlhabenden jungen Mann suchen.
„Wir wollen herausfinden, wo er ist“, lautete die Antwort. „Kennt ihr ihn?“
„Ich habe ihn schon gesehen“, behauptete Merion. „Er ist ein ausgezeichneter Kämpfer. Wenn ihr ihn überfallen wollt, solltet ihr Verstärkung mitbringen. Mit euch dreien wird er problemlos fertig. Warum sucht ihr nach ihm?“
„Was wir von ihm wollen, geht dich nichts an.“ Der Anführer dachte nach, was ihm wirklich schwerzufallen schien, deshalb tat er es halblaut. „Ihr seid nachts unterwegs, in schwarzen Umhängen, und habt einen schweren Tragesack bei euch. Aber keine Waffen. Vermutlich, weil sie euch behindert hätten. Also habt ihr etwas gestohlen. Gut so! Gebt es her, dann lassen wir euch gehen.“
Nun hielten alle drei ihre Schwerter in Händen. Da es sich um kurze, breite Waffen handelte, vermutete ich, dass die Kerle aus dem Südwesten der Ringlande kamen. Es war nicht unüblich, Gauner aus Kleinstädten anzuheuern, wenn man in Dongarth einen schmutzigen Auftrag zu vergeben hatte. Die hier ansässigen Verbrecher wussten, mit wem sie sich nicht anlegen durften. Sie hätten niemals einen Auftrag angenommen, der sich gegen Merion richtete.
Es ist schwierig, Angreifer mit Schwertern abzuwehren, wenn man selbst nur einen kleinen Dolch als Waffe hat. Man muss versuchen, sofort mit dem Gegner in Körperkontakt zu kommen, denn dann ist der Vorteil des Schwerts dahin. Da wir nur zu zweit waren, sie aber zu dritt, war es in diesem Fall aussichtslos. Blieb die Möglichkeit, einen von ihnen auszuschalten, bevor sie zuschlugen. Das konnte gelingen, indem ich mein Messer als Wurfwaffe benutzte. Das Werfen hatte ich von meinem Freund Serron gelernt, einem Meister in dieser Kunst. Nun würde sich zeigen, ob wie gut ich war.
Anstatt also der Aufforderung nachzukommen, unseren Besitz den dreien zu geben, schob ich das Bündel mit den beiden Folianten mit dem Fuß weiter weg. Es durfte mich beim Kampf nicht behindern. Diese Bewegung genügte den Gaunern, um anzugreifen. Im nächsten Moment hatte der erste von ihnen mein schwarzes Messer im Hals stecken. Der Wurf war gelungen. Ich wich einem ungezielten Schwerthieb des Anführers aus und hechtete auf ihn zu, um ihn zu umklammern. Auch das klappte wie geplant.
Allerdings merkte ich umgehend, dass dieser Mann erfahren genug war, um richtig zu reagieren. Er ließ sein Schwert fallen und packte mit beiden Händen zu. Und er verfügte über kräftige Pranken. Wir rangen ein paar Sekunden miteinander, ohne dass ich eine Chance bekam, ihm an die Gurgel zu gehen oder ihn im Gesicht zu verletzen - gewöhnlich der einfachste Weg, um ein Handgemenge schnell zu beenden. Natürlich tat ich gleichzeitig alles, um ihm ebenfalls keine Gelegenheit zu geben, mich außer Gefecht zu setzen.
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