Auf meinem Weg durch die nächtliche Stadt achtete ich noch intensiver als sonst auf die dunklen Ecken, in denen sich Menschen verbergen konnten. Ich hoffte, noch einmal einem der jungen Bettler zu begegnen. Zu gerne hätte ich einen ausgefragt.
Obwohl ich aufmerksam auf jedes Geräusch und jede Bewegung in der Dunkelheit lauerte, stand von einem Augenblick auf den nächsten ein Mann vor mir, ohne dass ich sah, woher er kam. Er streckte seine Hand aus, um mich am Ziehen der Waffe zu hindern, und grinste mich an.
Es war Merion.
„Du wirst nachlässig“, rügte er mich leise. „Ich hätte dir die Kehle durchschneiden können.“
„Es gibt nur wenige Menschen in Dongarth, die es schaffen, sich mir zu nähern, ohne von mir bemerkt zu werden, und alle sind meine Freunde“, behauptete ich.
„Eine dumme Ausrede“, befand er. „Komm mit.“
Wir verließen die Straße und gingen durch eine Gasse zum Ufer der Reena. Dieser schmale Fluss kam von den Hängen des Berges Zeuth herunter und floss durch Dongarth, bevor er sich in den schmutzigen Donnan ergoss. Sein Wasser war kalt und klar, es stank nicht so erbärmlich wie das des großen Stroms.
Wir setzten uns an einer Stelle, wo wir vor Lauschern sicher waren, ins Gras.
„Ich werde für einige Zeit die Stadt verlassen“, begann Merion.
„Weil Cham Corram hinter dir her ist?“
Er lachte. „Nein, ich muss die Hauptstädte der Provinzen besuchen. Warum sollte der Wachhauptmann hinter mir her sein?“
„Die Zahl der Diebstähle ist stark angestiegen. Als Kopf der Diebesgilde steckst du entweder dahinter, oder du weißt zumindest, wer die Täter sind.“
Noch einmal lachte er leise in sich hinein, bevor er eine Weile schwieg.
„Du hast dich bereit erklärt, auf die Bibliothek mit ihren Schreibern aufzupassen“, sagte er schließlich. „Seit wann hast du literarische Ambitionen?“
„Du weißt, dass es nicht um normale Bücher geht“, konterte ich. „Man will das Wissen der Ringlande an einem Ort zusammenfassen. Die Eröffnung der Bibliothek ist ein Vorwand. Aber ich verstehe noch nicht, was der eigentliche Grund dafür ist. Du?“
„Womöglich ist es ein Machtkampf, der vorläufig noch im Verborgenen geführt wird.“
„Zwischen wem?“
„Jetzt könnte ich antworten, zwischen den Kurrethern und den Ringlanden. Aber das wäre nicht ganz richtig. Denn unsere Heimat wird offiziell vertreten von der Königin-Witwe, und die ist nicht an dem Konflikt beteiligt. Also wähle ich die persönliche Ebene: Es ist ein Kampf zwischen Rat Geshkan und Hohepriester Echterion. Weltliche Macht und göttliche Macht stehen sich unversöhnlich gegenüber. Die Bibliothek ist ein wichtiger Punkt im Plan des Hohepriesters - ein ausgesprochen raffinierter Plan, übrigens. Derzeit sieht es so aus, als wäre Geshkan in vielen Bereichen auf dem Rückzug.“
„Warum habe ich bisher nie etwas von diesem Konflikt gehört?“, wollte ich wissen. „Gewöhnlich erfahre ich alles, was in den Straßen Dongarths an Gerüchten in Umlauf ist.“
„Es gibt keine Gerüchte. Beide Seiten sind vorsichtig, was das betrifft. Jeder könnte versuchen, die Bevölkerung aufzuwiegeln und auf seine Seite zu bringen. Aber das gemeine Volk ist schwer zu steuern, wenn es erst einmal erregt ist. Niemand will sich seinen Unwillen zuziehen.“
„Ich bin sicher, alle Bürger würden sich hinter den Tempel des Einen Gottes stellen“, sagte ich. „Wer ist schon bereit, den Kurrethern zu helfen?“
„Du täuschst dich“, tadelte mich Merion. „Der Eine Gott wird mehr gefürchtet als geliebt. Man opfert, um nicht von ihm gestraft zu werden. Hilfe und Beistand erbittet man dagegen von den niederen Gottheiten, und auch das nur, wenn man muss. Dem entsprechend sind die einfachen Priester beliebter in der Bevölkerung, als es der Hohepriester ist. Nimm den Menschen die vielen kleinen Tempel, von denen Fannas bis zu denen von gar nicht anerkannten Göttern wie zum Beispiel der Weingöttin, und sie werden lautstark protestieren. Sie hoffen auf den Segen dieser Gottheiten. Nimm ihnen den Tempel des Einen Gottes und sie murren, weil sie seine Rache fürchten.“
„Du willst sagen, dass Geshkan und Echterion beide keine Unterstützung haben, wenn sie gegeneinander antreten?“
„Oh, doch, die haben sie! Geshkan manipuliert die Königin-Witwe, damit sie, ohne sich dessen bewusst zu sein, seine Pläne unterstützt. Echterion zählt Fürst Borran und Magi Achain zu seinen Helfern. Aber all das geht an der Bevölkerung der Stadt und der ganzen Ringlande vorbei. Außer, sie werden Opfer von unbeabsichtigten Nebeneffekten, wie dem Erdbeben neulich.“
„Wie bitte?“ Ich wäre beinahe aufgesprungen vor Überraschung.
„Im Berg Zeuth ist die mächtigste Magie gebunden, die die Welt kennt. Versucht man, sich ihr zu nähern, muss man mit Reaktionen rechnen. Aber ich merke, du bist nicht in alles eingeweiht, was derzeit vor sich geht. Hör also auf mich und ...“
Merion unterbrach sich und starrte in die Dunkelheit, hinüber ans andere Ufer der Reena. Es dauerte einen Moment, bis ich ebenfalls eine Stelle entdeckte, die dunkler war als die Umgebung. Dort stand ein Mensch, der sich auf einen langen Stab stützte und uns trotz der Entfernung aufmerksam zuzuhören schien.
Ich wollte losrennen zur nächsten Brücke, was natürlich ein dummer Impuls war, denn der Fremde hätte mehr als genug Zeit zu verschwinden, bevor ich bei ihm war. Merion hielt mich am Umhang fest.
„Lass ihn!“, forderte er. „Ich habe inzwischen etwas über diese seltsamen Gestalten herausgefunden. Sie stehen auf der Seite Echterions. Ignoriere sie, wenn du ihnen begegnest.“
„Aber wer sind sie?“, wollte ich wissen.
„Du wirst es herausfinden. Hör mir nun gut zu: Ich werde Dongarth für einige Zeit verlassen. Kümmere du dich um die Bibliothek. Die Sicherheit der Dokumente dort und die der Schreiber ist wichtig. Die Diebstähle in der Stadt, von denen du berichtet hast, gehen dich nichts an. Zügle deine Neugier, sonst kann es geschehen, dass du Geshkan hilfst, ohne es zu wollen. Sag das auch deinen Freunden. Und jetzt geh. Wir sehen uns in einigen Wochen wieder.“
Merions Tonfall machte klar, dass jede weitere Frage meinerseits und jedes Zögern zu einem seiner seltenen Zornesausbrüche führen würde. Ich kannte ihn lange genug, um das zu fürchten.
„Viel Glück bei was auch immer du vorhast“, sagte ich daher. „Melde dich, falls du Unterstützung brauchst.“
Er nickte nur und sah mir nach, während ich ein Stück das Ufer entlang ging. Der Schatten auf der gegenüberliegenden Seite bewegte sich zum ersten Mal und verschwand dann in der Dunkelheit.
Ich beschloss, gleich am Morgen der Bibliothek einen Besuch abzustatten.
10
Ich befand mich in einem großen Kellerraum des ehemaligen Handelshauses Prehm, also der neuen Bibliothek. Entlang der Wände standen leere Regale, gefertigt aus massiven Holzbrettern. Auf eisernen Gestellen waren Sturmlampen im Raum verteilt. Aber man hatte die Lampen nicht einfach dorthin gestellt, sondern mit den Gestellen verschraubt.
„So können sie nicht herunterfallen“, erklärte Leviktus, der oberste Schriftleiter des Tempels des Einen Gottes. „Sie haben große Tanks und brennen Tag und Nacht, damit man hier nicht mit Feuer hantieren muss, um sie zu entzünden. Wenn sie neu befüllt werden oder die Dochte auszutauschen sind, kommen drei Männer. Einer mit dem Öl und den Dochten, einer mit einer Löschdecke und einer mit einem Eimer Wasser. Sicherheit ist oberstes Gebot in unserem Haus.“
„Für welche Bücher sind diese Kellerräume gedacht?“, fragte ich.
„Für diejenigen, die wir schreiben oder kopieren werden. Deshalb sind die Regale noch leer. Über uns, im Erdgeschoss, wird die öffentliche Bibliothek eingerichtet. Dort befinden sich bereits Dutzende von Bänden, die wir gekauft haben. Die Decke des Kellers wurde verstärkt und ist gesichert gegen Feuer und Einbruch.“
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