Erneut sprang Kyle auf, nahm Haltung an und sprach: „Ich grinse nicht boshaft, sondern ich lächle sie lediglich freundlich und ehrfurchtsvoll an. Mir gefällt ihr Auftreten, das ist so ... so ... selbstbewusst.“
„Quatsch“, schrie die Unruh und hieb erneut auf den Schreibtisch. „Sie wollen sich über mich lustig machen. Aber das wird ihnen noch vergehen!“
Maangj ließ sich wieder auf den Stuhl fallen und unterdrückte mühevoll sein Lächeln. Ihm schien das alles hier einen Riesenspaß zu bereiten, während ich mich darüber ärgerte, mit dieser Frau meine Zeit zu vergeuden. Aber wie hatte der Oberstaatsanwalt noch gesagt? Maangj solle auch unsere Polizeiarbeit kennenlernen. Nun, hier fand er das beste Beispiel dafür, warum es in Deutschland an allen Ecken und Enden hakte.
„Frau Kommissarin Unruh“, versuchte ich zu erklären und vermied es, zu lächeln oder zu freundlich auszusehen. Doch ich kam nicht weit.
„Kriminalhauptkommissarin“, plärrte sie. „Und sie reden nur, wenn sie gefragt werden.“
Eine Weile herrschte Schweigen. Die Unruh sah uns abwechselnd an, schüttelte hin und wieder den Kopf und schien in ihren Gedanken versunken zu sein. Maangj unterdrückte mühsam das Lächeln und fixierte einen Punkt auf ihrem Schreibtisch.
„Warum zünden sie immer Autos an?“, fragte die Kommissarin schließlich.
Kyle Maangj schien entschieden zu haben, dass die Polizei in Deutschland allgemein eine Lachnummer war und antwortete: „Sehen sie, Frau Hauptkriminalkommissarin, die Nächte sind so kalt, da kann ein wärmendes Feuer doch nicht schaden.“ Jetzt grinste er auch wieder und sah mich Beifall heischend an. Ich schüttelte unmerklich den Kopf.
Die Unruh dagegen nickte leicht. „Wenn ihnen kalt ist, dann brauchen sie doch keine Autos anzuzünden. Wir haben doch Obdachlosenheime, da lässt es sich bequem übernachten. Wo kommen sie überhaupt her?“
„Kapstadt“, grinste Maangj und fügte erklärend hinzu: „Südafrika, deswegen auch South African Police Service.“
„Ja, bleiben sie mir vom Leib mit ihrem Kauderwelsch. Ich kann ja verstehen, dass sie kaum Deutsch können, doch auch als Flüchtling dürfen sie nicht mal eben so Autos in Deutschland anzünden. Das macht man einfach nicht, denn sonst wird man bestraft.“ Sie hob drohend den Zeigefinger und wedelte damit in der Luft herum. „Hier in Deutschland herrschen noch Recht und Gesetz, mein Lieber. Aber es ist schon merkwürdig, dass ein Schwarzer und ein Weißer aus Südafrika in Mönchengladbach einfach so Autos anzünden. Auch wenn ihnen kalt ist!“
Sie blickte mich jetzt an, überlegte erneut und bemerkte: „Ihr Gesicht kommt mir irgendwie bekannt vor. Bestimmt von einer der Fahndungslisten. Das typische Verbrechergesicht. Wie heißen sie?“
Jetzt sprang ich auf und legte die Hände an die Hosennaht. „Jonathan Lärpers, Frau Kriminalhauptkommissarin. Und ich komme nicht aus Südafrika, sondern aus Mönchengladbach. Ich bin Privatdetektiv und wir ha...“
„Was sie sind, frage ich später“, unterbrach mich Elisabeth Unruh, während ich immer verzweifelter wurde. Wir jagten einen Brandstifter und mutmaßlichen Versicherungsbetrüger und die Unruh hielt uns hier mit ihrer inkompetenten Art nur auf. „Also, was sind sie für einer?“, fragte sie nun doch. Gut, dass ich noch vor dem Schreibtisch stand, so musste ich nicht erneut aufspringen.
„Privatdetektiv. Ich habe den Auftrag, den Brandstifter, der am Autohaus Wolpensky immer wieder die Luxuswagen anzündet, dingfest zu machen.“ Es war das erste Mal, dass sie mich einen längeren Satz zu Ende sprechen ließ und ich nutzte die Gelegenheit aus. „Wir haben den Täter überführt, als er letzte Nacht wieder Fahrzeuge anzündete und alles auf Video aufgezeichnet.“ Langsam sank ich auf den Stuhl zurück. Jetzt müsste die Unruh doch endlich schalten, schließlich ließ sich doch alles überprüfen.
Es dauerte einige Minuten, in denen die Kommissarin angestrengt nachdachte. „So, so“, gab sie schließlich von sich. „Da haben sie sich ja eine schöne Räuberpistole ausgedacht. Wenn sie wirklich über Beweise verfügen würden, dann wüsste ich doch davon. Meine Beamten hätten sie mir doch schon längst vorgelegt!“
„Wir wurden weder vernommen, noch konnten wir in der Nacht etwas erklären“, gab ich von mir und stand diesmal nicht auf. „Sie können sich gerne die Fotos und Videos ansehen.“
„Das sind doch Fakes“, grummelte Elisabeth Unruh. „Jedes Kind weiß, wie man solche Aufnahmen manipuliert. Da setzen sie sich an ihren Computer, nehmen das Programm XY und schon ...“
„Hallo?“, warf ich ein und wurde jetzt wirklich wütend. „Wir haben die Nacht in der Zelle verbracht, da gab es keinen Computer, um solche Videos herzustellen.“ Wie sehr sehnte ich mich jetzt nach Albert Pöting Junior, mit dem wir wenigstens einigermaßen vernünftig hätten reden können. Dann kam mir eine Idee, die diese ganze Farce abkürzen würde, sollte mir die Ausführung gelingen. Unauffällig bedeutete ich Kyle jetzt zu schweigen, dann erhob ich mich langsam.
„Frau Kriminalhauptkommissarin Unruh“, begann ich. „Mein Partner und ich sind bereit, alles zu gestehen. Es sollte lediglich der Oberstaatsanwalt Herrmann Eberson anwesend sein. Dann erfahren sie alles zu den Bränden und können endlich den Fall abschließen. Und eine Belobigung oder Beförderung für sie wird vermutlich auch noch dabei herausspringen!“ Ich hoffte, dass Eberson die Frau zur Fußstreife befördern würde, doch noch mehr hoffte ich, dass sie sich auf den Handel einließ. Es genügte ja schon, wenn sie mit Eberson telefonisch sprach.
„Ohne Herrn Oberstaatsanwalt Eberson sagen wir kein Wort mehr!“ Ich verschränkte publikumswirksam die Arme vor der Brust und setzte einen trotzigen Gesichtsausdruck auf. Kyle tat es mir nach und nickte grinsend.
Hauptkommissarin Elisabeth Unruh brauchte erneut eine ganze Weile, um in Ruhe nachzudenken, dann nickte sie widerstrebend. „Gut, darauf kann ich mich einlassen. Und dann wandert ihr Burschen für eine lange, lange Zeit hinter Gitter!“ Sie griff zum Telefonhörer. „Ja, Kriminalhauptkommissarin Elisabeth Unruh hier“, sprach sie schließlich hinein. „Ich möchte, dass sie mich umgehend mit dem Oberstaatsanwalt Herrmann Eberson verbinden. Es geht um die Fahrzeugbrände in diesem Autohaus.“ Sie lauschte einen Moment, dann nickte sie. „Ja, die beiden Gefangenen. Sagen sie Eberson, dass ich den Fall aufgeklärt habe und die Männer zu einer Aussage bereit sind. Und dann stellen sie ihn zu mir durch. Verstanden?“
Sie warf den Hörer auf die Gabel und betrachtete uns zufrieden. „So, jetzt haben wir euch! Mein lieber Freund Eberson ist ein knallharter Brocken, da haben sie sich für ihre Lügen den Falschen ausgesucht. Wir werden euch Brüder ins Kreuzverhör nehmen, bis die Schwarte kracht!“
„Wir sind keine Brüder“, klärte ich das nicht bestehende Verwandtschaftsverhältnis zwischen Kyle und mir auf. „Kyle Maangj heißt doch ganz anders als ich und ist außerdem ein Schwarzer. Ich bin Weißer, also können wir doch keine Brüder sein. Maximal Halbbrüder, wenn unsere Mutter mit ...“
„Papperlapapp“, unterbrach sie mich. „Setzten sie sich hin und quatschen sie nicht. In der heutigen Zeit ist alles möglich! Und jetzt Ruhe, sonst überhöre ich noch das Klingeln, wenn der Oberstaatsanwalt anruft.“
Wieder entstand eine längere Pause, die wir schweigend verbrachten. Meine Gedanken wanderten zu Curry-Erwin und dessen letzter Kreation mit der schwarzen Frikadelle. ‚Schwarzer Frikaner‘. Ein gelungener Name. Aber beim nächsten Essen musste Maangj unbedingt den Teller ‚Lärpers Spezial‘ probieren. Dann endlich schrillte das Telefon und erschreckt fuhr ich auf. Der laute Ton konnte Tote erwecken.
Süffisant grinsend ließ die Kommissarin es einige Male klingeln, dann hob sie ab: „Kriminalkommissarin Elisabeth Unruh. Gut, verbinden sie.“ Ein paar Sekunden herrschte Stille, dann hob die Unruh einen Daumen in unsere Richtung. „Guten Morgen, Herr Oberstaatsanwalt. Ja, ich habe die Täter gefasst. Ein Schwarzer und ein Weißer. Die Namen?“ Sie deckte den Hörer mit einer Hand ab und sah uns fragend an. „Ihre Namen“, fragte sie dann leise.
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