„Damit zielen und feuern sie. Klappen sie ihr Visier am Helm herunter, Agent Lärpers, die Zieleinrichtung befindet sich in der Scheibe. Ich aktiviere jetzt das Waffensystem!“ Der Pilot legte einen Schaler um und in meinem Visier erschien ein Fadenkreuz, das sich mit dem Knüppel bewegen ließ. Das Ganze erinnerte mich an ein Videospiel, doch dies hier war blutiger Ernst.
Die Personen am Boden flüchteten in ihre Fahrzeuge und ich bewegte das Kreuz auf die Wagen. Dann hielt ich meinen Daumen fest auf den roten Knopf gedrückt. Zu dem Rotorenlärm gesellte sich das charakteristische Tackern der Kanone. Am Boden blitzten Feuerbälle auf und auf dem Hof zerbarsten die Autos, die dort standen. Ich schwenkte vorsichtig den Steuerknüppel herum, doch meine Bewegung fiel ein wenig zu heftig aus und Mauerwerk und Glasscheiben spritzten über den Platz. In der Wand des Autohauses klaffte ein großes Loch und der nächste Schuss ging direkt hindurch und löste in dem Gebäude eine Explosion aus.
Der Pilot nickte mir zu und machte das ‚Daumen-hoch‘ Zeichen. „Mauser BK-27“, schrie er über den Lärm hinweg, „Kaliber siebenundzwanzig in einer Spezialversion. Bis zu tausendsiebenhundert Schuss pro Minute! Da muss man sich erst mit einschießen ...“
Ich nickte und folgte den Fahrzeugen mit dem Fadenkreuz. Immer noch hielt ich den Daumen fest auf dem Knopf. Der schmale Weg wurde in Staub und Feuer gehüllt und Sandfontänen spritzen dort auf, wo die Geschosse auf den Boden trafen. Dann zerplatzte der erste Wagen in einem riesigen Feuerball. Wieder hielt der Pilot grinsend den Daumen hoch.
Und dann war alles ganz schnell vorüber. Die restlichen Wagen explodierten ebenso spektakulär, wie der erste. Trümmer und Flammen übersäten den Boden und schufen ein bizarres Bild der Apokalypse. Der Pilot flog eine Schleife und das Autohaus geriet in unser Blickfeld. Es brannte lichterloh und aus der Ferne näherten sich Fahrzeuge mit blinkenden Blaulichtern. Wir hatten unsere Arbeit getan und noch einmal hielt der Pilot mir seinen erhobenen Daumen entgegen. Ich streckte ihm die flache Hand hin und wir klatschten uns ab.
Doch plötzlich schrillte der Alarm los und als ich erschreckt zum Piloten aufblickte, verschwamm erst dessen Gesicht, dann der ganze Körper und selbst der Helikopter löste sich auf.
Müde öffnete ich die Augen und ärgerte mich über das Telefon, das mich mit seinem schrillen Läuten aus dem Schlaf gerissen hatte. Wer um alles in der Welt rief mich um diese Zeit an? Ein Blick auf die Uhr zeigte mir, dass es schon nach Feierabend war.
„Jonathan Lärpers, Detektei Argus“, meldete ich mich, obwohl ich ja eigentlich nach Dienstschluss nicht mehr ans Telefon gehen wollte.
„Hallo Jonathan, Kyle hier“, hörte ich den Schwarzen und ich konnte mir vorstellen, wie er jetzt an der Rezeption des Krav Maga Studios stand und Jennifer anlächelte, so dass sie seine weißen Zähne bewundern konnte.
„Kyle, ja schön. Was gibt es?“
„Nimmst du mich zum Hotel mit? Ich meine, wenn du Feierabend machst? Kannst du mich dann hier abholen?“
Ich nickte. „Ja sicher. Ich komme gleich rüber.“ Schnell schaltete ich den Computer aus und verließ die Detektei. Zwei Minuten später stand ich vor der Tür des Krav Maga Studios und drückte auf die Hupe.
„Soll ich sie erst zum Hotel bringen, oder kommen sie noch mit zum Autohaus?“, fragte ich Maangj, nachdem er auf dem Beifahrersitz Platz genommen hatte. Ich wollte einen Blick von dem schmalen Weg durch den Zaun werfen und sehen, ob schon neue Wagen geliefert wurden. Danach würde sich entscheiden, ob wir die Nacht über das Autohaus observieren mussten.
„Fahren sie ruhig zum Autohaus, Jonathan“, entgegnete der Schwarze. „Ich habe es nicht eilig, ins Hotel zu kommen.“
„Gut, dann schauen wir einmal, ob der Herr Wolpensky schon eine Autolieferung bekommen hat.“
Hatte er nicht. Als wir langsam den Weg zwischen dem Autohaus und dem Schrottplatz entlangrollten, genügte mir ein kurzer Blick durch den Maschendrahtzaun. Die verbrannte Stelle auf dem Hof lag leer und verlassen da. „Gut“, konstatierte ich, „dann wird es eine ruhige Nacht. Ich bringe sie jetzt zum Hotel, Kyle und hole sie morgen Früh dann wieder ab.“
Am Dienstag erfolgte wieder keine Lieferung von Fahrzeugen und ich fragte mich, ob uns Wolpensky überhaupt korrekt informiert hatte. Doch die Woche begann ja gerade erst und wer konnte schon wissen, wann die Luxusautos geliefert wurden.
Das war dann endlich am Mittwoch der Fall. Wieder ließ ich den Mercedes langsam den Weg entlangrollen, als mir diesmal die drei hochwertigen Wagen sofort ins Auge fielen. Ein dunkelroter Porsche stand neben zwei schwarzen Mercedes SUV.
Maangj grinste mich an und deutete auf die Wagen.
„Ja, die habe ich gesehen“, kommentierte ich seinen Hinweis. „Dann bereiten wir uns mal auf eine lange Nacht vor. Sobald es einigermaßen dunkel wird, werden wir die Sache hier beobachten.“ Ich hoffte den Täter heute zu schnappen, damit wir uns nicht allzu viele Nächte um die Ohren schlagen mussten. „Halb elf Uhr hole ich sie wieder ab, Kyle“, informierte ich den Neger, als er vor dem Hotel aus dem Wagen stieg. Bis dahin würde ich mich noch ein wenig aufs Ohr legen.
Kyle Maangj wartete schon an der Straße auf mich. Diesmal trug er keinen seiner kostbaren Anzüge, sondern eine schwarze Trainingshose und ein schwarzes, langärmeliges T-Shirt. Außerdem hielt er in der Hand eine Sturmhaube. Ich musste schmunzeln, denn ebenso wie er, war auch ich ganz in schwarz gekleidet. Nur dass ich einen unserer Overalls trug, die wir bei Kampfeinsätzen immer benutzten. Und auch ich führte eine Sturmhaube mit, sowie meine Beretta 92 FS, die ich vergangenes Jahr gegen meinen Revolver getauscht hatte.
Den Wagen parkte ich diesmal zwei Straßen weiter und im Schutz der aufkommenden Dunkelheit schlichen Maangj und ich auf dem schmalen Weg zum Hof des Autohauses. Alles schien ruhig und verlassen. In dem Gebäude brannte kein Licht, offensichtlich befand sich dort niemand mehr.
Wir erreichten ungesehen den Zaun, zogen die Sturmhauben über den Kopf und überkletterten wortlos den Drahtzaun. Dann suchten wir uns ein Versteck, in dem sich bequem die Nacht verbringen ließ. Ich zeigte auf eine Stelle hinter den Gebrauchtwagen, doch Maangj schüttelte den Kopf. Er ging gebückt zu dem Wagen, der den Luxusautos am nächsten stand und fingerte am Türschloss herum. Dann öffnete er leise die Tür und stieg auf den Fahrersitz. Zwei Minuten später ließ ich mich neben ihn auf den Beifahrersitz fallen.
„Sehr gut, Kyle“, lobte ich ihn und ärgerte mich ein wenig, denn auf die Idee hätte ich auch selber kommen können. Hier im Wagen ließ es sich sehr gut auch längere Zeit warten. Ich probierte den Hebel an der Sitzseite und fuhr die Lehne langsam in Liegeposition. Dann grinste ich Maangj an, erinnerte mich aber daran, dass er das nicht sehen konnte, da wir ja Sturmhauben trugen.
„Teilen wir uns die Wache. Ab Mitternacht übernehme ich. Wecken sie mich, Kyle, wenn sich etwas ergeben sollte.“ Ich wartete seine Antwort nicht mehr ab, sondern drehte mich leicht zur Seite in eine bequeme Lage.
Der Afrikaner rüttelte leicht an meiner Schulter, als ich gerade mit der Blonden in mein Schlafzimmer gehen wollte. Ein wenig unwirsch, aus meinem Traum gerissen worden zu sein, knurrte ich: „Was gibt’s denn?“
„Es tut sich etwas“, gab Maangj zurück. „Schauen sie selbst, Jonathan.“ Er war schon fleißig dabei, mit seinem Handy zu filmen und Fotos zu machen. Ich konnte zunächst mit der Szene, die sich auf dem Autohof abspielte, nicht viel anfangen. Dies war nicht der Täter, der die Wagen anzündete. Vielmehr fuhr jetzt Wolpensky mit zwei anderen Männern zusammen die Luxuswagen vom Hof.
„Waren das die Käufer?“, meinte ich enttäuscht. Kein Wagen war angezündet worden und alles sah eher danach aus, als hätte der Autohändler seine Ware korrekt ausgeliefert.
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