„Warum beklagst du dich bei mir? Ich arbeite doch nicht für den Staatsanwalt.“
„Vielleicht steht die Anklage auf zu schwachen Füßen“, fuhr Jakob unbeirrt fort. „Nur ein Messer und ein bisschen Blut hier und da. Keine Leiche, nicht mal eine vermisste Person. Mich wundert‘s, dass er nicht schon wieder frei herumläuft.“
„Eine Leiche gibt es nicht“, sie schüttelte den Kopf und winkte nach dem Ober. „Zumindest keine, die zu dem Blut in der Wohnung passt.“
Ein junger Kellner, der vor einigen Augenblicken die aufsehenerregende Szene ebenfalls beobachtet hatte, hastete eilfertig herbei und starrte bewundernd auf Biancas schwarzen Slip, da sie es bisher nicht für nötig befunden hatte, ihren Reißverschluss wieder hochzuziehen.
„Pass bloß auf, dass dir der Sabber nicht gleich auf die Hose tropft“, bemerkte sie mütterlich, bevor sie ihre Bestellung aufgab.
Der Typ wischt sich doch tatsächlich über den Mund, durchfuhr es Jakob ungläubig. Sie muss über eine beträchtliche Suggestivkraft verfügen, wenn es ihr gelingt spielend leicht Männer zu manipulieren.
„Aber mit einer Vermissten könnten wir aushelfen“, ergänzte Bianca, die diesen kleinen Zwischenfall bereits wieder vergessen zu haben schien. „Meinst du, das würde genügen?“
„Wenn es stimmige DNA-Spuren gibt…“ Sie nickte so überzeugend, dass er sich selbst unterbrach. „Aber warum dann keine…ich meine tote Person?“
„Weil es keine gibt. Das verwendete Blut entstammt einer freiwilligen Spende“, erklärte sie gelangweilt. „War‘s das nun?“
„Ja“, sagte er resignierend. „Wie geht’s dir sonst?“
„Natürlich gut. Danke der Nachfrage. Das sagt man doch in deinen Kreisen, oder?“
„Was weißt du von meinen Kreisen?“ ereiferte sich Jakob, der immer wütend wurde wenn man ihn ungefragt der konditionierten Verhaltensweise einer bürgerlichen Mehrheit zuordnete. Er hatte bereits einige scharfe Bemerkungen auf der Zunge, als ihm plötzlich bewusst wurde, dass er genau so reagierte wie der junge Ober. Dem lief der fiktive Speichel aus dem Mund, ihm stieg die Zornesröte ins Gesicht. Sie beeinflusst dich nach Belieben, wie auch jeden anderen mit dem sie Kontakt hat, überlegte er. Sie kreiert Gefühle bei dir und versetzt dich nach Belieben in Stimmungen, die ihren Absichten dienlich sind. Wach auf Jakob, du bist sechzig und sie ist eine Nutte. Warum sitzt du hier eigentlich? Wenn du noch einen Rest Verstand hast, stehst du jetzt auf und verschwindest.
„Ist alles in Ordnung“? fragte sie nach einer Weile besorgt, da er in sich versunken vor sich hin döste.
„Na klar“, schreckte er hoch, „warum fragst du?“
„Weil ich dich zu meinem Geburtstag einladen möchte.“
„Oh“, war alles was ihm dazu einfiel.
„Zu meinem fünfundzwanzigsten.“
Er sah sie ungläubig an.
„Ich begehe seit zwei Jahrzehnten diesen Jahrestag. Ist es nicht völlig egal, welchen man feiert? Da nehme ich doch gleich einen, an dem meine Titten noch stramm und knackig waren. Würdest du kommen?“
Er hörte seine Stimme wie aus der Ferne: „Gerne, wenn du mir sagst wann und wo.“
„In vierzehn Tagen in der Vulva. Beginn ab zweiundzwanzig Uhr. Ich erwarte etwa hundert Gäste.“ Sie sah ihn fragend an.
„Also eine Zusammenkunft von Kiezgrößen aus sämtlichen Berufsgruppen. Zuhälter, Killer, Spieler, Stricher, Nutten, Schläger, Messerstecher, Trickbetrüger und was weiß ich noch alles.“
„‘n paar Hoteliers und Rocker sind auch noch dabei“, ergänzte sie seine Aufzählung.
„Ich komme trotzdem“, sagte er, völlig gegen seine Überzeugung.
„Toll, dann solltest du dich vielleicht…wie soll ich sagen…etwas anlassgerecht kleiden. Mit dem was du bisher immer anhattest, entsprichst du voll dem Opferprofil meiner Gäste und das stempelt dich automatisch zum Beutetier. Jeder würde dann nur daran denken, wie er dich ausnehmen könnte. Und besonders an meinem Geburtstag möchte ich vermeiden, dass man sich mit geschäftlichen Problemen auseinandersetzt. Das versaut die Stimmung.“
„Du meinst also wirklich, ich sollte mir schwarz-weiße, hochhackige Lackschuhe, einen Seidenanzug, ein pinkfarbenes Hemd und ´nen weißen Schlips besorgen?“
Sie strahlte ihn an. „Jetzt verstehen wir uns Jakob.“
„Ich könnte dich erwürgen, du, du… Vielleicht darf‘s auch noch etwas Gelatine im Haar sein?“
Jetzt leuchteten ihre Augen. „Total stylisch. Ich liebe es, wenn du so redest. Das zeigt mir, dass ich zu dir durchdringe und dir nicht gleichgültig bin.“
Jakob beschloss das Thema nicht weiter zu vertiefen. „Gibt’s noch Ärger mit der Pistole“, fragte er ausweichend.
„Was für eine Pistole meinst du?“ Sie zuckte mit den Achseln und zog ihren Reißverschluss hoch.
***
Ilana Dimitrova, bulgarische Staatsbürgerin und Sexarbeiterin, erschien völlig aufgelöst im Polizeikommissariat 15, der St. Pauli Davidwache, um das spurlose Verschwinden ihrer Freundin Binka Filipova zu melden. Sie teilte dem diensthabenden Beamten mit, einige Zeit in ihrer Heimat gewesen zu sein und nach ihrer gestrigen Rückkehr, ihre Kollegin und Zimmernachbarin nicht mehr vorgefunden zu haben. Daraufhin wurde umgehend der Revierleiter informiert, da von ganz Oben die Anweisung bestand, besonderes Augenmerk auf vermisste weibliche Personen zu legen. Der herbeigerufene Dienststellenleiter konnte sich aus dem nur bruchstückhaften Deutsch der Dimitrova keinen rechten Reim machen und forderte einen Dolmetscher an, mit dessen Hilfe dann sinngemäß folgende Aussage zu Protokoll genommen werden konnte.
Nach ihrer Rückkehr aus Sofia hatte Ilana Dimitrova ihre Kollegin Binka Filipova nicht mehr vorgefunden. Dies war insofern unverständlich, da deren gesamtes persönliches Eigentum sich noch in ihrem Zimmer befand. Merkwürdig war auch, dass die Abgängige kurz vor der Abreise ihrer Freundin noch mitgeteilt hatte, das große Los gezogen zu haben, da sie einen reichen Deutschen kennengelernt hatte, der sie liebte und heiraten wollte. Diese Aussagen brachten den Revierleiter dazu, die SOKO Kleinmüller einzuschalten.
Die Durchsuchung des Zimmers lieferte wesentliche Hinweise und Erkenntnisse. Da der Pass der Filipova gefunden wurde, war es unwahrscheinlich, dass diese aus freien Stücken eine Reise unternommen hatte. Weiterhin fand sich im Kleiderschrank ein maßgeschneidertes, seidenes Herrenhemd, mit einem eingestickten FK am Kragen. Der Vergleich mit Hemden in Kleinmüllers Penthouse ergab, dass es von derselben Größe und Machart war, sowie die gleichen Initialen trugen. Hersteller war eine Maßschneiderei in der Düsseldorfer Königstraße, die bestätigte diese Hemden angefertigt zu haben und bereits seit Jahren für Kleinmüller zu arbeiten.
Der endgültige Durchbruch für die Anklage ergab sich jedoch aus dem Abgleich der im Zimmer vorgefundenen DNA-Spuren mit dem Blut in der Wohnung des Angeklagten. Der genetische Fingerabdruck war identisch.
Damit war der unwiderlegbare Beweis erbracht, die Filipova hatte sich in Kleinmüllers Wohnung aufgehalten. Er war ihr reicher Deutscher, der sie heiraten wollte. Franz Kleinmüllers Schicksal war besiegelt. Als einer seiner Anwälte ihn von dieser Wendung im Prozess unterrichtete, erlitt er einen Nervenzusammenbruch und musste in die psychiatrische Abteilung des Universitätskrankenhauses Eppendorf eingeliefert werden.
***
„Es war doch wirklich eine schöne Beerdigung“, schwärmte Ulrike. „Auch wie gefühlvoll der Pastor gesprochen hat. Einfach ergreifend fand ich das.“
Sie saßen, wie immer zu Dritt, in Elfriedes Wohnzimmer und ließen die vergangenen Stunden noch einmal Revue passieren.
„Ich habe genau so empfunden“, bestätigte die glückliche Witwe, „fast tut es mir schon leid, dass ich einen so wundervollen Menschen ins Jenseits befördert habe.
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