„Nein“, sagte er, „wie geht’s bei dir?“
„Mir fällt auf, dass alle Leute die du hier beim Frühstück beschimpfst hast, kurz darauf große Schwierigkeiten bekommen haben.“
Er sah sie erstaunt an, wobei er für einen Moment glaubte, sie betrachtete ihn wie ein lästiges Insekt, wie einen seltenen Käfer, von dem sie nicht so recht wusste, wie sie ihn aus ihrer Wohnung entfernen sollte. Auf eine unbestimmte Weise fühlte er sich, als stände er auf der Roten Liste der bedrohten Arten.
***
Jakob saß auf dem unbequemen Stuhl in seinem Büro und war mit sich und der Welt sehr unzufrieden. Gut, es war ihm gelungen zwei Verbrecher aus dem Verkehr zu ziehen, die bis dahin – unbehelligt von Polizei und Justiz – in diesem Land ihr Unwesen trieben. Aber was war das schon? Dadurch hatte er im Grunde nicht das Geringste bewirkt. Alles würde so weiterlaufen wie bisher. Sollte irgendwo ein Machtvakuum entstanden sein, wäre es längst wieder mit neuer krimineller Energie gefüllt. Er musste etwas tun, das sich nachhaltiger auf die gesellschaftliche Ordnung auswirkte und sie positiv veränderte. Das funktioniert tatsächlich nur, überlegte er, wenn ich mich mit den Leuten beschäftige, die für die Organisation und den Ablauf des Zusammenlebens aller Bürger in dieser Republik verantwortlich sind. Die Politiker, welche die Geschicke des Landes bestimmen. Eigentlich sollten sie ja Diener des Staates, also der Bevölkerung sein. Einmal im Besitz der Macht führten sie sich jedoch wie Despoten auf. Lediglich vor anstehenden Wahlen gaben sie sich volksnah und tätschelten kleinen Kindern die Köpfe. Achtzig Prozent aller Deutschen halten ihre Volksvertreter für korrupt, hatte er neulich irgendwo gelesen. Auch er selbst hatte früher oft Louise mit seinen Ansichten über die Unfähigkeit herrschender Bundes- und Landesregierungen und ihrer nachgeordneten Behörden gelangweilt. Er konnte stundenlang aufzählen wozu die Staatsvertreter einfach nicht fähig waren. Sie konnten beispielsweise nicht verantwortungsvoll mit dem Geld ihrer Bürger umgehen. Sie verschwendeten Milliarden um sich und ihre Partei in ein besseres Licht zu stellen oder um unsinnige Wahlversprechen einzulösen. Und sie bereicherten sich selbst schamlos.
Das wird mein nächster Fall, Jakob war sich jetzt sicher. Er hatte ursprünglich auch noch an den Kampagnenjournalismus krimineller Chefredakteure großer Boulevardzeitungen gedacht, die durch gezielte Stimmungsmache bewusst das Leben von Zielpersonen und ihrer Familien zerstörten. Sie bedienten sich dazu einer Hinhaltetaktik, bei der Informationen nach und nach veröffentlicht wurden, um die sogenannte Berichterstattung über einen längeren Zeitraum hinweg aufrecht erhalten zu können. Die haltlosen Beschuldigungen gegen einen Bundespräsidenten waren ein gutes Beispiel dafür. Nachdem der Mann zurückgetreten und seine Ehe zerstört war, hatten sich sämtliche Vorwürfe in Luft aufgelöst. Es gab jedoch keinerlei Gerichts- prozesse gegen diese verleumderischen Veröffentlichungen. Alles wurde entschuldigt und legitimiert mit der heiligen Kuh dieser heimlichen Diktatoren, der Pressefreiheit. Was für ein dekadentes System. Erst einmal hatte ein Minister den Mut bewiesen gegen eines dieser volksverhetzenden Organe öffentlich vorzugehen und war kläglich gescheitert.
Doch das musste warten. Die Korruption hatte Vorrang. Oder hing beides sogar zusammen?
***
Die Drei standen in enger Umarmung in Ulrikes Wohnzimmer. Turnusmäßig wäre Elfriede dran gewesen, aber sie wollten vermeiden, dass durch fröhliches Gelächter und Jubelschreie im Trauerhaus, die Nachbarn misstrauisch wurden. Elfriede weinte vor Glück. Sie hatte ihren beiden Freundinnen detailliert berichtet, wie das Wochenende am Schöneberger Strand verlaufen war. Einfach phantastisch, viel besser noch als geplant. Der Sadist, so dachte sie nur noch über ihren verstorbenen Ex-Mann, hatte sich das Curry-Huhn gierig einverleibt und war nach knapp einer Stunde mausetot. Die Symptome waren exakt so eingetreten wie Louise sie vorausgesagt hatte. Nur ging alles viel schneller, weil der Sadist eben schwer herzkrank war. Der Notarzt zeigte keinerlei Bedenken, als er die in Tränen aufgelöste und völlig verzweifelte Elfriede sah. Sie hatte ihm noch, während sie von der schweren Krankheit ihres Mannes berichtete, die Adresse des behandelnden Herzspezialisten gegeben. Natürlicher Tod durch Herzversagen, hatte er schriftlich attestiert. Selten so eine klare Todesursache gehabt, dachte er, während er zu seinem Fahrer in den Wagen stieg um sich auf den Weg zu einer, von der Treppe gestürzten, älteren Dame in Probsteierhagen zu machen.
„Hast du das Sachet und die Essensreste auch wirklich gut entsorgt?“ fragte Louise besorgt. Sie hatten es sich inzwischen in den bequemen Sesseln der kuscheligen Sitzecke gemütlich gemacht und stießen mit dem Champagner an, den Elfriede spendiert hatte.
„Macht euch keine Sorgen, ich habe, nachdem der Sadist von einem Bestattungsunternehmen abgeholt worden war, auf dem Rückweg nach Hamburg, von einer Brücke alles in die Stör geworfen.“
„Du bist wirklich zu beneiden. So glücklich und befreit habe ich dich noch nie erlebt. Als hättest du unsichtbare Fesseln abgeschüttelt.“ Ulrike seufzte und nahm noch einen kräftigen Schluck.
„Da ist noch etwas, das ich bisher nicht erzählt habe“, Elfriedes Augen leuchteten. „Es gibt eine Lebensversicherung zu meinen Gunsten, von der ich absolut nichts wusste.“ Sie zögerte einen kurzen Moment. „Ich lade euch beide, wenn das hier alles vorbei ist, für eine Woche nach Mallorca ein.“ Erst als sie die bedröppelten Gesichter ihrer Freundinnen sah, fiel ihr ein. „Ach, ihr könnt ja gar nicht. Kochen, Putzen, eheliche Pflichten verbieten jede Abwesenheit.“
„Du bist undankbar“, beschwerte sich Ulrike gekränkt. „Du verspottest uns, obgleich du ohne Louise auch heute noch verprügelt worden wärst.“
„Hört auf damit“, mischte sich Louise ein, „noch ist die Aktion nicht beendet. Was steht als nächstes auf dem Programm?“
„Das ist ja das Wunderbare. Ich muss mich um Nichts kümmern. Alles erledigen andere. Eingeäschert ist er auch schon. Ich muss zum Schluss nur die Rechnung bezahlen.“
„Aber es gibt ja wohl eine Beerdigung.“
„Ja, eine Urnenbestattung auf dem Bramfelder Friedhof. Nächsten Freitag um elf Uhr dreißig in der Kapelle. Ihr kommt doch?“
„Natürlich. Teilen wir uns ein Gesteck, Ulrike?“
„Einverstanden. Ich übernehme das.“
„Wird eine Rede gehalten?“
„Ja, ein Pastor. Der war schon bei mir. Ich habe ihm erzählt was für ein liebevoller und treusorgender Ehemann dieser Sadist war.“ Elfriede entkorkte eine weitere Flasche.
Ulrike stieß einen weiteren tiefen Seufzer aus. „Hast du noch etwas von dieser Knolle, Louise?“
„Ich bitte dich, meine Liebe, wir wollen doch nichts überstürzen. Aber ich verspreche dir, der Tag wird kommen an dem wir Drei gemeinsam nach Mallorca fliegen.“
***
Jakob war sich im klaren darüber, dass bei einem Feierabendparlament wie der Hamburgischen Bürgerschaft, das nur zweimal monatlich tagte, meistens Nachmittags am Mittwoch, nicht viel zu holen war. Natürlich gab es hier auch umtriebige Lobbyisten, die sich mit Kisten guten Weins, teuren Abendessen oder Urlaubsreisen für erwiesene Gefälligkeiten erkenntlich zeigten. Selbst gut honorierte Beraterverträge ohne entsprechende Gegenleistung wurden von einflussreicheren Bürgerschaftsabgeordneten der großen Parteien angenommen. Doch am wirklich großen Rad wurde in Berlin gedreht. Je weitreichender die Entscheidungen, desto höher auch die Bestechungssummen.
Jakob erhob sich von seinem wackeligen Stuhl und wanderte in seinem winzigen Büro vom Schreibtisch zur Tür und zurück. Vier Schritte hin, vier Schritte her. Was er brauchte war ein einflussreiches MdB, ein Mitglied des Deutschen Bundestages, das per Direktmandat oder über die Landesliste seiner Partei gewählt worden war. Keinen namenlosen Hinterbänkler, ein wichtiger Mensch musste es sein, der Ausschüsse und Arbeitsgruppen leitete, sowie wichtige Funktionen in Wirtschafts- unternehmen innehatte.
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