Irgend so ein eloquentes dummes Arschloch, das die Politik gesellschaftlich hochgespült hatte, und das nur seinem Gewissen verantwortlich war, und dem, falls es keines besaß, alle Wege offenstanden. Es muss einer dieser Gutmenschen sein, der die Welt retten will und vorsorglich bei sich damit beginnt. Jakob beugte sich über eine Liste auf seinem Schreibtisch. Zurzeit schickte Hamburg dreizehn Bundestagsabgeordnete nach Berlin; fünf Direktgewählte und acht über die Landesliste. Er sah sich die Lebensläufe seiner Kandidaten an. Neben altgedienten Hasen gab es auch einige Newcomer, die er aber mangels potentieller Einflussnahme nicht weiter berücksichtigte. Schließlich wählte er zwei der Langgedienten aus, deren Fotos auf ihn den unangenehmsten Eindruck hinterließen und deren Vitas sie am häufigsten in der Nähe von Industrie, Banken und Handel zeigten.
Diese beiden würde er bearbeiten. Wenn sie aber gar nicht korrupt waren, fragte er sich zweifelnd. Diese Möglichkeit kannst Du vernachlässigen, beruhigte er sich. Bestechlich sind sie alle, schließlich glaubt das auch achtzig Prozent unserer Bevölkerung, und da wir in einer Demokratie leben, hat die Mehrheit immer Recht.
Jakob war natürlich bewusst, dass er mit legalen Mitteln keinerlei Chancen hatte diesen Sumpf auszutrocknen. Vor allem schon deswegen, weil Korruption eigentlich überhaupt nicht verboten war. Denn als eines von ganz wenigen Ländern wie Tschad und Nordkorea, hatte Deutschland die UN-Konvention gegen Korruption bis heute nicht umgesetzt, da viele Abgeordnete auf die ihnen garantierte, gesetzliche Unabhängigkeit pochten, die ihnen durch so ein Gesetz genommen werden würde.
So macht sich ein Lobbyist zwar strafbar wenn er einem MdB Geld gibt, damit dieser in seinem Sinne abstimmt, aber gibt er es ihm erst nach der Abstimmung, ist das straffrei, und zwar unabhängig von der Höhe des Betrages. Überreicht er das Geld einem Dritten, wie zum Beispiel der Ehefrau des Politikers, bleibt das ebenfalls ohne rechtliche Folgen.
Als Jakob erstmals davon erfuhr, war er so empört, dass er mit Louise darüber gesprochen hatte. „Es werden heutzutage schon Arbeitnehmerinnen entlassen“, hatte er gesagt, „weil sie vom übriggebliebenen Buffet gegessen haben, und diese Typen stopfen sich unbehelligt die Taschen voll.“ Aber Louise war, wie so oft in letzter Zeit, völlig desinteressiert und beschäftigte sich seltsamerweise nur noch mit ihrer Freundin Elfriede, deren Ehemann nach langer Krankheit, plötzlich aber nicht unerwartet, verstorben war.
Jakob beschloss diesen käuflichen Betrügern so zuzusetzen, dass sie an ihrer gesetzlich garantierten Unabhängigkeit erstickten. Er würde mit illegalen Methoden auf den Busch klopfen, und er wusste auch schon wie.
Er begann damit die Profile dieser beiden Mandatsträger auszuarbeiten und zwar auf eine andere Art und Weise als sie von der Bundestagsverwaltung veröffentlicht wurden. Er kon- zentrierte sich voll auf die Punkte, die in den öffentlichen Verlautbarungen fehlten, da keine Transparenz der Abgeordneten- tätigkeiten existierte.
1. Hans Jäger (Hamburg) MdB, CDU/CSU
Einstellung zur Korruption: Hält nach eigener Aussage Bestechlichkeit für unverzichtbar. „Ich bin nicht weisungsgebunden. Ich bin nach Artikel 38 des Grundgesetzes ein frei gewählter Abgeordneter. Ich habe Kontakte zu halten zu Interessengruppen. Das wäre alles nicht mehr möglich. Politik würde nicht mehr funktionieren können.“ (Eine weitverbreitete Ansicht unter den Abgeordneten aller Parteien)
Mitgliedschaften und Ämter im Bundestag: Ausschuss für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, Verteidigungsausschuss, Unterausschuss Neue Medien,
Funktionen in Unternehmen: Offiziell angegeben sind drei Mitgliedschaften in Aufsichts- und Beiräten gemeinnütziger Unternehmen.
Der Öffentlichkeit unbekannt sind fünf weitere Nebentätigkeiten in Form von Aufsichtsratssitzen in DAX-Unternehmen. Da der Beruf eines MdB Jäger zeitlich nur wenig in Anspruch nimmt, geht er also weiteren Beschäftigungen nach und kassiert Geld von nicht genannten Auftraggebern. Bei dieser Fülle von Tätigkeiten ist sein Bundestagsmandat wahrscheinlich nur ein Nebenjob, für den er aber die vollen üppigen Bezüge erhält.
In sieben von zehn wichtigen Abstimmungen fehlt er im Bundestag.
2. Dirk Kurz (Hamburg) MdB, SPD
Einstellung zur Korruption: Vertritt schon aus Parteiräson eine leichter vermittelbare Antihaltung, was ihn jedoch nicht davon abhält eine Reihe lukrativer Nebenjobs auszuüben.
Mitgliedschaften und Ämter im Bundestag: Ausschuss für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, Verteidigungsausschuss, Unterausschuss Neue Medien, (Jakob konnte bisher nicht richtig einschätzen, aus welchem Grund zwei Hamburger MdB aus unterschiedlichen Parteien in den gleichen Ausschüssen tätig waren)
Funktionen in Unternehmen: Keine, Offiziell angegeben sind einige ehrenamtliche Tätigkeiten in Körperschaften, Vereinen und Stiftungen, (Randnotiz Jakob: Ein echter Saubermann)
Tatsächlich hat Kurz jedoch Zeit gefunden für achtzig Vorträge in drei Jahren vor Vertretern von Wirtschaftsunternehmen, die ihm Jahreshonorare in Millionenhöhe einbringen. Im Erstberuf ist Kurz Management Consultant, dazu mehrfach hochdotierter Verbandsvertreter, sowie Teilhaber einer Consultingfirma.
Für beide Kandidaten gilt zusätzlich, dass Urlaubsreisen, Hotelaufenthalte etc. regelmäßig auf Kosten von Privatfirmen stattfinden. Welche Beträge an Schwarzgeldern im Umschlag fließen, ist auch nicht ansatzweise feststellbar.
Jakob beschloss diese Fakten zusätzlich noch phantasievoll auszuschmücken, wobei er hoffte mit seinen begrenzten Vorstellungen nicht unbeabsichtigt unter der wahrscheinlichen Realität zu bleiben.
Als er nach einigen Tagen sein umfangreiches Dossier vervollständigt hatte, fiel ihm auf, dass er inzwischen intensiver arbeitete als zu seiner aktiven Zeit. Als Geschäftsführer eines Industrieunternehmens hatte er vorwiegend Aufgaben delegiert und für deren Ergebnisse die Verantwortung übernommen. Jetzt musste er alles selbst machen. Er beschloss daher, sich nach dieser Aktion eine Pause zu gönnen.
Da er nicht sicher wusste, ob eine E-Mail zurück zu verfolgen war, druckte er seinen Bericht aus, wobei er Papier verwendete, das er bisher noch nicht berührt hatte. Mit Gummihandschuhen, die er in einer Drogerie gekauft hatte, legte er alles in die vorbereiteten Umschläge. Selbst die Briefmarke befeuchtete er nicht mit der Zunge, wie er es sonst immer tat, sondern mit einem Schwamm. Am Hauptbahnhof warf er die beiden Sendungen in einen Briefkasten. Sie waren an die Redaktionen zweier überregionaler Tageszeitungen gerichtet, die zwar von sich behaupteten unabhängig und überparteilich zu sein, aber eindeutig mit unterschiedlichen politischen Lagern sympathisierten.
Jetzt musste er nur noch warten.
***
Hans Jäger hatte sich von seiner Familie verabschiedet und ging zu dem auf ihn wartenden Taxi. Er besaß ein denkmalgeschütztes Haus im Blankeneser Treppenviertel, in dem er seiner Frau und zwei entzückenden Kindern lebte. Sein dichtgedrängter Terminplan, den seine Sekretärin für ihn führte, zwang ihn diese Woche wieder durch das gesamte Land zu reisen. Es begann in Berlin mit einer Verkehrsausschuss-Sitzung, an der er unbedingt teilnehmen musste, da um die Höhe der Bundesmittel für die Ortsumgehung Finkenwerder gestritten wurde. Danach würde er mit dem Vorsitzenden eines neu gegründeten Medienverbandes zu Mittag essen, der erst seit kurzem in die vom Präsidenten des Deutschen Bundestages geführte öffentliche Liste über die Registrierung von Verbänden und deren Vertretern, die sogenannte Lobbyliste, aufgenommen worden war.
Am frühen Nachmittag musste er sich dann mit den Insassen eines Touristenbusses unterhalten, die von seiner Partei zu sehr günstigen Konditionen, regelmäßig zum Sightseeing nach Berlin gekarrt wurden. In knapp zwei Jahren gab es wieder Wahlen, da war Bürgernähe angesagt. Wie es danach weiterging wusste er schon nicht mehr so genau, aber seine Sekretärin hatte Frankfurt und München erwähnt.
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