FK beteuerte verzweifelt seine Unschuld. Er berichtete von den zwei Männern, die ihn in seiner Wohnung überfallen und ausgeplündert hatten. In seiner Not berichtete er sogar von seinem Konto auf den Cayman Inseln. Dass man ihn, unter Androhung entsetzlicher Folter, gezwungen hatte fünfzehn Millionen Euro auf deren Konten zu transferieren. Er erzählte jedes Detail von dem Leid, das ihm widerfahren war. Da FK die teuersten Anwälte beschäftigte, ging man seinen Behauptungen gewissenhaft nach. Man ermittelte in alle Richtungen, obgleich der Einwand mit dem unbekannten Dritten nun wirklich nicht mehr neu war. Die Spurensicherung fand in der Wohnung jedoch keinerlei Anzeichen die auf einen gewaltsamen Überfall durch angebliche Eindringlinge schließen ließen. Das angegebene Konto bei der First Caribbean Bank existierte nicht, dafür aber andere Schwarzgeldkonten, die vom Verdächtigen nicht angegeben worden waren und von denen aber auch niemand Geld abgehoben hatte. Diese wurden an eine andere Staatsanwaltschaft weitergeleitet, die sich mit den Klagen der von Kleinmüller Geschädigten befasste.
Bei der Befragung des Umfelds von Kleinmüller gab eine gewisse Cora Cobretti zu Protokoll, dass FK, wie sie ihn nannte, ein brutaler Kerl sei, der sie mit körperlicher Gewalt, einen Tag vor der Bluttat, aus der Wohnung geworfen hatte. „In gewisser Weise bin ich ihm jetzt sogar dankbar dafür, sonst wäre ich vielleicht diejenige gewesen, die…“ Sie beendete den Satz nicht, aber jeder wusste was gemeint war.
Die Überprüfung der Vermisstenmeldungen ergab drei abgängige weibliche Personen, von denen zwei die Sechzig bereits überschritten hatten. Bei der dritten handelte es sich um ein achtjähriges Mädchen, das sich nach einigen Tagen auch wieder einfand. Der Fall blieb mysteriös
Kleinmüllers Anwälten gelang es nicht ihren Mandanten aus der Untersuchungshaft zu befreien. Die Polizei ermittelte weiter, die Staatsanwaltschaft wartete auf neue Beweise um Anklage erheben zu können, und der Beschuldigte beteuerte seine Unschuld. Dafür war FK jetzt häufiger in Presse, Funk und Fernsehen präsent, als er das früher je geschafft hatte. Der Mord ohne Leiche war seit Wochen das Thema überhaupt. Da die Medien sich mehr Umsatz versprachen wenn sie ihn als Monster darstellten, wendete sich auch die Stimmung in der Bevölkerung gegen ihn. Ein Aufschrei ging durchs Land als die für den Normalbürger unvorstellbar großen Summen auf den diversen Schwarzgeldkonten bekannt wurden. Kleinmüller stand jetzt stellvertretend für den geldgierigen Betrüger, der sein Vermögen auf dem Rücken unglücklicher kleiner Leute gemacht hatte. Öffentlicher Druck baute sich auf. Man verstand nicht warum trotz erdrückender Beweise und lückenloser Indizienkette FK sich nicht vor Gericht verantworten musste. Es verfestigte sich der Eindruck, dass die Reichen wieder einmal nicht bestraft würden. Diese Spannung löste sich erst als die Staatsanwaltschaft bei der großen Strafkammer des Landgerichts Hamburg, Anklage erhob.
***
Sie hockten zwischen Touristen und Schulklassen auf einer Bank hinter dem Unilever Haus am Strandkai und blickten auf die Elbe.
„Wie viel habt ihr ihm abgenommen?“ erkundigte sich Jakob ohne sie anzusehen.
„In feinen Kreisen redet man nicht über Geld“, konterte Bianca, „das hat man.“ Sie hatte sich für dieses Treffen wieder bürgerlich geschminkt und angezogen, so dass sie wie all die anderen Frauen aussah, die sich nach der letzten Mode kleideten und dadurch in der namenlosen Masse untergingen.
„Ja, genau wie Hämorrhoiden“, grinste Jakob. „Nein ernsthaft, ich war der Tippgeber. Du bist mir eine Antwort schuldig.“
„Fünfzehn Millionen, verteilt auf drei Konten, von denen das Geld sofort nach Eingang wieder abgezogen wurde. Danach hat man sie gelöscht. Es gibt also keinerlei Beweise für die Behauptungen unseres Patienten , besonders da…“ Sie lachte als wäre ihr eine komische Geschichte in den Sinn gekommen.
Er sah sie an. „Nun sag schon.“
„Unsere Leute haben sich seine Geheimnummer gemerkt und später den Rest von dem Konto auch noch abgeräumt, bevor sie es gelöscht haben.“
Jakob musste ebenfalls lächeln. „Wie viel?“
„Nochmal gute sechs Millionen. Willst du was ab?“
„Nein Danke. In meinen Jahren ist der Finanzbedarf nicht mehr so groß. Schließlich bin ich ein alter Mann, der nur noch seinen Träumen nachhängt.“ Jakob verlagerte sein Gewicht auf die andere Seite. Die harte Holzbank schien ihm Schwierigkeiten zu bereiten. „Mich würde vielmehr interessieren, wie viel du verdient hast.“
„Gib nicht so an. Du hast weit mehr Energie als viele junge Leute die ich kenne.“ Sie legte eine streichelnde Hand auf seinen Oberschenkel.
Er beschloss dieser professionellen, körperlichen Kontakt- aufnahme keine weitere Beachtung zu schenken. „Na, was denn nun?“
„Fünf Prozent“, sie lächelte verschämt.
„Wirklich? Das hätte ich nicht gedacht. Dann bist du jetzt ja Millionärin und kannst dich zur Ruhe setzen.“
„Und? Soll ich mir vielleicht zuhause vor dem Fernseher den Arsch wundsitzen und mir die Serien reinziehen? Mein Leben findet im Puff statt.“ Sie sah sich um, ob auch niemand ihren Ausbruch mitbekommen hatte. „Im Bordell bin ich groß geworden“, flüsterte sie dann. „Außerdem haben sie mir gesagt, sie hoffen auf weitere gute Zusammenarbeit.“
Jakob lief es eiskalt über den Rücken, als ihm klar wurde was ihre Ansage bedeutete. „Das heißt doch, sie wollen mich kennenlernen und dann zwingen, Ihnen weitere Patienten zuzuführen. Werden wir jetzt schon beschattet oder wissen sie längst wer ich bin und wo ich wohne?“
Bianca zog die Hand zurück. „Wie kannst du nur so etwas denken? Ich dachte wir wären…“
„Wolltest du vielleicht Freunde sagen?“
„Ja, oder ist das zu intim für dich?“ Sie sah demonstrativ in die von ihm abgewandte Richtung.
Jakob spürte es sofort, sie hatte ihre Strategie geändert. Sie verzichtete darauf die Aktive zu sein; er sollte kommen. Das konnte nur auf die Mitleidsmasche hinauslaufen, die er zur Genüge von Louise kannte. Herzloser Mann tritt weibliche Gefühle mit Füßen.
„Niemand ist mir gefolgt, oder glaubst du wirklich ich könnte mich nicht unbemerkt vom Acker machen? Verpfeifen könnte ich dich auch nicht, weil ich selbst nicht weiß wer du bist. Warum verdächtigst du mich also? Dabei habe ich immer gedacht wir…“
„Hör auf damit!“ unterbrach er sie, ohne auf seine Umgebung zu achten, „sonst zerfließt du gleich noch in Tränen.“
„Du bist wirklich der blödeste Kerl den ich kenne.“ Bianca war wieder sie selbst.
„Immerhin habe ich dich zur reichen Frau gemacht.“
„Ich hatte auch vorher schon Geld.“
„Na, wie schön. Wir gehen jetzt beide unserer Wege. Jeder in seinen eigenen Puff.“ Er sah sie fragend an.
Sie nickte teilnahmslos. „Wenn du möchtest.“
„Sollte sich etwas Neues ergeben, ruf ich dich an.“ Er erhob sich schwerfällig und ging grußlos davon. „Du hast mein Leben neu aufgemischt“, murmelte er, ohne dass sie es hören konnte.
***
Jakob biss herzhaft in die Weißwurst, ein Benehmen das Louise aus tiefstem Herzen zuwider war, da sie es vorzog bei diesem Produkt deutscher Schlachterkunst erst die Pelle zu entfernen, bevor sie sich das Brät in kleinen Häppchen mit Messer und Gabel einverleibte.
„Wie war dein Tag?“ fragte sie trotzdem uninteressiert, ohne wirklich eine Antwort zu erwarten. Sie kostete von dem süßen Senf, der neuerdings bei Edeka angeboten wurde.
„Ich trage jetzt mehr Verantwortung“, antwortete er überraschend.
„Gut“, sagte sie und führte ein winziges Stückchen Wurst zu Mund. „Dann fällt dir ja auch alles nicht mehr so schwer.“
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