So sah sich Franz genötigt wieder einmal die harte Tour zu fahren. Er wollte dieses blöde Weib, das für jede größere Rolle ihren Körper verkaufen würde, endlich aus der Wohnung haben. Was hatte er bloß jemals an ihr gefunden? Da muss ich nicht nur völlig besoffen sondern auch sexuell unterzuckert gewesen sein, dachte er erbost, als das Läutwerk an der Haustür die Marseillaise spielte.
‚So ein Mist‘, er zuckte ärgerlich zusammen, weil er völlig vergessen hatte, das zwanzig Titel enthaltende Läutwerk auf die deutsche Nationalhymne umzustellen, und das so noch für den Kulturattachè der französischen Botschaft läutete, der gestern sein Gast gewesen war. Sie hatten in intimer Atmosphäre, in Gesellschaft zweier reizender junger Damen, die von ihm zu diesem Zweck bei einer Agentur angemietet worden waren, den Abend verbracht. Und dies jetzt alles nur wegen dieser öffentlichkeitsgeilen Schlampe. Er durfte jetzt nicht die Übersicht verlieren, dachte er noch bevor er die Haustür öffnete und mit einem professionellen Lächeln, seine gestylten Zähne zeigte, die lückenlos waren, gerade und weiß wie frisch gefallener Schnee.
Insgesamt musste der Abend als Misserfolg beurteilt werden. Die Spannungen zwischen ihm und Cora waren deutlich spürbar geworden. Als dann der Senator für seine Überlegungen, sich mit einer weiteren Änderung der Schulpolitik zu profilieren, keine begeisterte Zustimmung auslöste, fand das Beisammensein noch vor Mitternacht ein frostiges Ende.
Er hatte Cora später beschuldigt sein Renommee und seine Reputation zerstören zu wollen, worauf sie ihm seelische Grausamkeit vorwarf und Begriffe wie Sexismus, Chauvinismus und Machismo entgegen schleuderte. Er war völlig überrascht, dass sie derartige Ausdrücke überhaupt kannte. Sie hatte sich dann verzweifelt in ihr Zimmer zurückgezogen und ihrer besten Freundin per Handy und im Vertrauen von der Katastrophe ihres Lebens berichtet. Dies hatte zur Folge, dass innerhalb kürzester Zeit sämtliche Playmates, Starlets, Models und sonstige Randfiguren der Gesellschaft von Harvestehude bis Blankenese davon Kenntnis erhielten. Da viele von ihnen mit ähnlichen Ängsten lebten, erreichten Cora noch in derselben Nacht spontane Anrufe, die mit erfolgversprechenden Tipps für eine finanzielle Abfederung dieses Unglücks gespickt waren. Nimm das Schwein richtig aus war der überwiegende Tenor sämtlicher Gespräche. Sie fühlte sich dadurch in ihrer Position gestärkt, trocknete ihre Tränen und beschloss das Feld nicht kampflos zu räumen.
Am späten Vormittag des nächsten Tages erhielt Franz Kleinmüller einen Anruf vom Chefredakteur des angesehenen Magazins Culture, das ihn bisher in seiner Berichterstattung noch nie berücksichtigt hatte. Er wurde freundlichst gebeten um siebzehn Uhr am morgigen Donnerstag für ein mehrstündiges, ungestörtes Foto-Interview in seinem Penthouse in der Milchstraße zur Verfügung zu stehen. Der Chefredakteur entschuldigte sich mehrfach für die kurze Terminierung mit dem dezenten Hinweis, dass er für diese Aufgabe unbedingt sein bestes Team einsetzen wollte und das käme nun mal morgen aus Stockholm zurück, wo es zurzeit im königlichen Schloss arbeitete. Trotz mehrfachen Nachfragens gelang es ihm jedoch nicht seinem Anrufer weitere Einzelheiten zu entlocken. Er schloss daraus, dass es sich nur um das Königspaar handeln konnte. Diese Vorstellung ließ ihn schwindeln. Er, Franz Kleinmüller, auf einem Niveau mit regierenden Fürsten und königlichen Potentaten. Als ihn dann der Chefredakteur zum Gesprächsende auch noch mit dem vertraulichen FK ansprach, eine Anrede die er liebte und in der er auch von sich dachte, weil sie ihn vor der Peinlichkeit seines Namens bewahrte, schwebte er endgültig in höheren Gefilden. Angetörnt begab er sich in Coras Zimmer und erteilte ihr für Morgen Hausverbot. Da sie sich jedoch beharrlich weigerte ihr Heim, wie sie es nannte, zu verlassen und von unverbrüchlicher Liebe zu ihm faselte, warf er sie buchstäblich hinaus. „Ich habe das Interview meines Lebens“, brüllte er hinter ihr her, „das lass ich mir von dir nicht auch noch versauen!“ Danach verließ er die Wohnung um seinen Hairstylisten aufzusuchen.
***
Nachdem Jakob diesen Anruf, wie er fand, ganz ordentlich hinbekommen hatte, wählte er Biancas Nummer. Ihm war klar, dass sie sich zu dieser frühen Stunde, er sah auf die Uhr, noch nicht einmal zwölf Uhr mittags, sicher noch von den Strapazen der Nacht erholen würde. High Noon, dachte er unvermittelt, Gary Cooper, Grace Kelly, das waren noch Filme. Ihm fiel zum x-ten Mal auf, dass es ihm zunehmend schwerer fiel sich auf eine Sache zu konzentrieren. Ich werde zum Spielball meiner Assoziationen, resignierte er. Irgendwann denke ich bei Louises Weißwürsten an Louis Trenker und Franz Josef Strauss.
„Ja“? unterbrach eine verschlafene Stimme seine Gedanken.
„Sorry, ich bin‘s, Jakob. Der Termin ist morgen Nachmittag, siebzehn Uhr.“
„Und das musst du mir gerade jetzt sagen. Bist Du verrückt, hier scheint noch die Sonne!“
„Ich bin nur bemüht die Vierundzwanzig-Stunden-Frist einzuhalten“, versuchte er sie zu besänftigen.
„Schon gut. Es ist nur so, um diese Zeit hat mich seit zwanzig Jahren kein Mensch mehr angerufen.“
Während Jakob noch überlegte welch witziger Spruch sie jetzt munter machen könnte, hörte er Kirchenglocken aus seinem Handy. „Du nächtigst also in der Sakristei in Wechselschichten mit dem Pastor.“ Da sie nicht reagierte, fragte er noch: „Läuft die Sache denn nun?“
„Entspann dich“, erwiderte sie beruhigend. „Vergiss was du weißt und lies alles weitere in der Zeitung.“
***
Die beiden elegant gekleideten Herren, die am Donnerstag pünktlich um siebzehn Uhr an der Penthouse Tür klingelten, zogen sich eben weiße Handschuhe an, wie man sie von den Beamten der KTU aus unzähligen Tatort Filmen kennt, als Kleinmüller öffnete. Ohne ein Wort zu sagen schoben sie ihn mühelos in die Wohnung zurück, schlossen die Tür und überwältigten den völlig überraschten Wohnungsinhaber in dem sie ihn mit Klebebändern mundtot und bewegungsunfähig machten. Sie gingen fast zärtlich mit ihm um und achteten sorgsam darauf keine, später noch sichtbaren, Spuren an ihm zu hinterlassen. Am Ende dieser Aktion, die keine zwanzig Sekunden gedauert und nicht das geringste Geräusch verursacht hatte, saß FK mit angstvoll geweiteten Augen in einem seiner Ledersessel und starrte auf einen Laptop den einer der Eindringlinge vor ihn auf den Couchtisch stellte. Der andere war in die Küche verschwunden und kehrte jetzt mit einem großen Kochtopf zurück, den er zur Hälfte mit Wasser gefüllt hatte. Er setzte ihn neben FK ab. Danach machte er sich auf um sämtliche Zimmer zu kontrollieren. Erst nach einer ganzen Weile kehrte er zurück.
„Das ist ja ‚n Riesenbunker. Zieht sich über drei Häuser“, informierte er seinen Kumpanen etwas außer Atem. „Aber es ist alles clean, wie versprochen.“ Er stellte sich hinter FK. „Kuck dir das Video an, du Wichser“, sagte er dann freundlich, „so ist es einem ergangen, der nicht kooperieren wollte.“
FK war empört, noch nie hatte ihn jemand so genannt. Dann starrte voller Entsetzen auf den Bildschirm. Er sah einen Menschen in einem Sessel, genau so gefesselt wie er selbst, der von den beiden Männern, die sich jetzt hier im Raum befanden, gefoltert wurde. Das Opfer bäumte sich immer wieder auf, sein Gesicht war dunkelrot angelaufen und die Augen schienen aus den Höhlen zu quellen. Die Tortur war unvorstellbar grausam. Aus der linken Hand hatte man bereits drei Fingernägel gerissen. Im Augenblick war der Typ, der ihn immer mit Wichser ansprach, dabei, mit Hilfe einer Revolverlochzange den Daumen zu perforieren. Der Gemarterte konnte keinen Ton von sich geben, er versuchte nur immer wieder verzweifelt sich von seinen Fesseln zu befreien. FK wurde übel, er wollte den Kopf zur Seite drehen, doch zwei kräftige Hände hinderten ihn daran.
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