1 ...7 8 9 11 12 13 ...20 „Gib mir Fünfhundert, ich bin weit hinter meinem Soll.“
„Die Hälfte jetzt, den Rest später“, schränkte er ein.
„Wieder nur quatschen?“
„Genau“, nickte er und schob ihr drei Hunderter zwischen die Brüste.
„Warte eben“, sie verschwand in Richtung Tresen, war aber sofort wieder zurück.
„Na, wieder nach oben?“ grinste er.
„Nein“, stieß sie, kurz angebunden hervor. „Heute keine Suite. Wir nehmen ein abhörsicheres Zimmer. Ich muss mit dir reden.“
Sie stolperten durch verwinkelte Gänge, wobei Jakob sich am wippenden Hintern der vorauseilenden Bianca orientierte um den Anschluss nicht zu verlieren. Schließlich betrat sie einen Raum der augenscheinlich nicht für Freierbesuche ausgestattet war. Sie knallte die Tür zu. „Was hast du mit der Makarow gemacht?“ Sie war hochgradig erregt. „Wenn sich rumspricht, dass ich dir die Pistole verkauft habe, sind wir beide erledigt“, stieß sie mit sich überschlagender Stimme hervor. „Bist du völlig verrückt geworden? Mit ihr wurde Paul erschossen!“
„Entspann dich. Ich habe die Waffe immer noch.“
„Lüg mich nicht an. Die Polizei hat inzwischen festgestellt, dass mit dem Revolver auch noch andere Verbrechen begangen worden sind.“
„Davon stand aber nichts in der Zeitung“, log Jakob.
„Die sind auch immer die letzten, die es erfahren. Mein Lieferant ist nun jedenfalls ein Nervenbündel!“
„Stell ihn ruhig. Nichts wird passieren, wenn alle den Mund halten.“ Jakob setzte sich gottergeben auf einen, nicht sehr belastbar aussehenden, Stuhl. „Wie geht es dir sonst Bianca?“
„Saumäßig.“ Sie schien sich wieder etwas gefasst zu haben. „Ich verdiene mein Geld fast nur noch in der Senkrechten. Durch Botengänge, Zimmerservice mit Getränken und ähnlichen Scheiß.“
„Du hast das Abzocken von Freiern an Geldautomaten vergessen“, ergänzte Jakob.
„Nein, das hat sich erledigt seitdem wir mobile Kartenlesegeräte einsetzen.“
Er lächelte ihr bedauernd zu, während sie sich am Hintern kratzte. „Ich hätte da etwas wirklich Großes für dich“, sagte er nach einer Weile, „etwas, das dich unabhängig macht von diesem hier.“ Er sah sich geringschätzig im Zimmer um.
„Auf solche Sprüche fall ich schon lange nicht mehr rein. Sag mir lieber was du eigentlich willst. Du schreibst doch gar kein Buch, oder?“
„Nein“, gestand Jakob.
„Du wolltest also nur an eine Waffe kommen um Paul zu erschießen. Gib es zu!“
„Bianca, ich bitte dich. Für den Kauf eines Revolvers hätte ich doch nicht eure verwanzte Suite und das überteuerte Gesöff ordern müssen. Da leg ich doch lieber in irgendeiner Kiezkneipe ein paar Scheine auf den Tresen und hab die freie Auswahl.“ Er sah, dass diese Argumente Wirkung zeigten. „Sag mal“, unterbrach er ihre Gedankengänge, „gibt es hier eigentlich nichts für den durstigen Fremden?“
Sie lächelte zum ersten Mal. „Ouzo, stimmts?“
„Mit Wasser bitte.“
„Auch ich kann hier trinken was ich will. Die Preise sind aber wie oben.“ Sie sah ihn fragend an. Als er zustimmend nickte, verschwand sie, war aber im Nu zurück. Sie guckte ihn erleichtert an, wie eine besorgte Mutter, die ihr hilfloses Kind zu lange unbeaufsichtigt gelassen hatte.
„Hinzu kommt“, fuhr Jakob fort, als hätte es keine Unterbrechung gegeben, „dass ich ein alter Mann bin, der nicht einmal einen Maulwurf tötet, der im Rasen Hügel aufwirft, weil es verboten ist. Wie könnte ich da einen Menschen…?“
„Bumst du eigentlich noch mit deiner Frau“, fragte Bianca völlig zusammenhanglos, nachdem ein höchstens vierzehnjähriger, gutaussehender Junge die Getränke gebracht hatte.
„Meine Intimsphäre ist tabu, Bianca. Ich bin ein gesundheitsbewusster Pensionär, der seine monatlichen Rentenzahlungen noch möglichst lange genießen will.“
„Du musst mich nicht immer verarschen Jakob. Von keiner staatlichen Rente kannst du hier die Preise wuppen und gleichzeitig noch eine unbefriedigte Frau Gemahlin ruhigstellen.“ Sie sah ihn spöttisch an.
„Erotische Bedürfnisse sind ihr fremd“, protestierte er hilflos.
„Mach dir nichts vor, ich könnte dir helfen.“ Bianca wusste aus jahrelanger Erfahrung nur zu gut, dass Männer im Lotterbett über Dinge plauderten, die sie sonst nicht einmal unter der Folter preisgegeben hätten. Und sie musste hinter das Geheimnis Jakobs kommen. „Es gibt da Möglichkeiten, die weit über Viagra hinausgehen.“
***
Louise hatte den Besuch des Pilzkurses der Volkshochschule Wellingsbüttel eingestellt, nachdem sie zufällig Zeugin eines Gesprächs zweier Teilnehmerinnen wurde, die sich über den Blauen Eisenhut, der giftigsten Pflanze Europas unterhielten. Im Internet informierte sie sich über sämtliche Details, worauf ihr plötzlich klar wurde, dass sie die ultimative Lösung für Elfriedes Probleme gefunden hatte.
Sie saßen zu Dritt in Louises Wohnzimmer bei Kaffee, Käsekuchen und Curacao Triple Sec. Ulrike beklagte sich soeben darüber, dass es ihr immer schwerer fiel die Lippenstiftflecken an den Oberhemden ihres Mannes, sowie die Spermaspuren von seinen Hosen zu entfernen, als Elfriede wortlos ihre Bluse auszog, wobei ihr die Tränen übers Gesicht liefen. Der furchtbare Anblick ihres misshandelten Oberkörpers ließ sie alle entsetzt verstummen. Louise fand zuerst die Fassung wieder.
„Du musst es beenden“, sie griff nach Elfriedes Hand. „Das kann so nicht weiter gehen.“
„Genau, wir müssen die Polizei einschalten“, assistierte Ulrike.
Louise beachtete sie nicht. „Wenn du wirklich willst, werde ich dir helfen.“
„Wie denn? Er ist stark und brutal, trotz seiner Kurzatmigkeit. Wenn er wütend wird und außer Kontrolle gerät, schlägt er blind auf mich ein. Danach legt er den Kopf in meinen Schoß, weint und verspricht mir hoch und heilig, es werde nie wieder geschehen.“ Elfriedes Stimme klang schon beinah mitfühlend.
„Die Polizei würde ihn sofort verhaften wenn du ihn anzeigst“, bekräftigte Ulrike ihren Standpunkt.
„Na und? Nach drei Tagen hat ihn sein Anwalt wieder raus geboxt. Dann fängt das ganze Elend wieder an.“ Louise trank erregt ihren Curacao und füllte sich das Glas erneut. „Der Kerl muss endgültig weg!“
„Aber Louise“, schrie Elfriede erschreckt und zog sich die Bluse wieder an, „wie stellst du dir das vor?“
„Er hat doch einen Herzfehler nicht wahr? An dem wird er sterben. Du wirst untröstlich sein und herzzerreißend um ihn trauern.“ Sie überlegte einen Moment. „Sag mal, weiß eigentlich noch Jemand außer uns von seiner Gewalt gegen dich?“
Elfriede schüttelte den Kopf. „Nein, ich habe nie etwas gesagt. Obgleich einige Nachbarn es wohl ahnen, weil sie sein Gebrüll mitbekommen haben müssen.“
„Gut, dann hör mir jetzt bitte genau zu. Ich schildere dir jetzt die wohl einzige Möglichkeit dein restliches Leben angstfrei und ohne schmerzende, blaugrüne Körperflecken zu gestalten.“
„Wie willst du das wohl anstellen? Da ich kein eigenes Geld habe, kann ich ihn auch nicht verlassen. Kein Mensch kann mir helfen.“
„Nein, aber der Blaue Eisenhut“, lächelte Louise.
„Mir ist jetzt nicht nach modischem Schnick-Schnack“, widersprach Elfriede und knöpfte sich die Bluse zu.
Nun begann Louise zu erzählen. Die Worte strömten ihr nur so aus dem Mund, als läse sie vom Blatt ab. Zu ihrem eigenen Erstaunen dachte sie dabei nicht nur an Elfriedes Mann, sondern ihre Gedanken schweiften ab in Richtungen und Anwendungsbereiche, die sie selbst bisher nicht für möglich gehalten hätte. Schließlich zog sie ein transparentes Plastikbeutelchen aus ihrer Handtasche, in dem sich eine Knolle befand, die einer Sellerie- oder Meerrettichwurzel ähnelte. „Zwei bis vier Gramm hiervon sind absolut tödlich. Ich reibe dir fünf Gramm in ein Sachet, damit bist du auf der sicheren Seite. Du versteckst das Sachet am Körper; am besten klebst du es unter ein Pflaster.“
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