1 ...8 9 10 12 13 14 ...20 „Aber ich kann doch nicht…“
„Was kannst du nicht? Irgendwann wird er dich totschlagen und seinen Kopf heulend in den Schoß deiner Leiche legen.“
„Erzähle weiter“, sagte Elfriede, zunehmend interessiert.
„Das Zeugs ist völlig Bio. In Gottes freier Natur aufgewachsen. Frei von Pestiziden oder sonstigen chemischen Zusatz- stoffen. Du mischt es ihm ins Essen. Aber fass es nicht mit der bloßen Hand an, die Giftstoffe werden selbst über die intakte Haut aufgenommen. Diese Knolle enthält Aconitin, das stärkste Pflanzengift überhaupt. Es schmeckt scharf und brennend….“
„Er isst gern asiatische Gerichte, die ich nur für ihn koche.“ Elfriede begann sich sichtbar für diesen Gedanken zu erwärmen.
„Gib es ihm, wenn er abends zuvor reichlich getrunken hat. Dann schiebt er alles darauf.“
„Was?“
„Na ja, ihm wird übel, er muss Kotzen und kommt vom Lokus nicht runter. Der Schweiß bricht ihm aus, er fröstelt und sein Blutdruck sinkt. Der Tod tritt innerhalb drei Stunden durch Herzversagen ein. Bei ihm wird es sehr viel schneller gehen. Fühlst du dich dazu in der Lage?“
Elfriede überlegte angespannt. „Wird er laut?“
„Ich weiß nicht. Schmerzen hat er jedenfalls.“
„Dann überrede ich ihn übers Wochenende mit mir an die Ostsee zum Schöneberger Strand zu fahren. Dort auf dem Campingplatz steht ganzjährig unser Wohnwagen. Zu dieser Jahreszeit ist da jetzt kaum jemand anzutreffen.“ Elfriedes frühere Ängstlichkeit war endgültig kreativer Tatkraft gewichen.
„Wenn alles vorüber ist rufst du sofort den Notarzt an. Schon vorher wäschst du gründlich das Geschirr und entsorgst das leere Sachet. Dann säuberst du, falls erforderlich, die Toilette, wischt sein Gesicht trocken und stellst ein friedliches Ambiente her, das dem Arzt seine Entscheidung leichter macht.“ Louise war anzumerken, dass sie sich bereits länger mit dem Thema beschäftigt hatte.
„Sollte er brüllen, stell einfach den Fernseher lauter, dann denken Passanten an einen Krimi.“ Auch Ulrike ließ sich von der allgemeinen Begeisterung anstecken.
„Du erzählst dem Notarzt von der langen und schweren Herzkrankheit deines Mannes. Danach wird er dir einen Totenschein ausstellen. Dann lässt du seine Leiche nach Hamburg überführen. Wenn er hier erst einmal in der Kühlung liegt, helfen wir dir bei dem was dann noch kommt. Du bist doch dabei Ulrike?“
„Keine Sorge, ich werde euch nicht enttäuschen.“
Sie diskutierten noch den gesamten Nachmittag über Eventualitäten, unvorhergesehene Ereignisse, Super-Gaus und andere Dinge, die schief gehen konnten. Am Ende des Treffens hatte Elfriede fünf Curacao getrunken, sich ein Sachet unter die linke Brust kleben lassen und war in der festen Überzeugung nach Hause gefahren zum ersten Mal in ihrer langjährigen Ehe das Heft des Handelns und ihre Zukunft in die eigenen Hände genommen zu haben.
***
„Also gut“, Jakob versuchte die Gesprächsführung wieder an sich zu reißen, „interessiert es dich jetzt was ich zu erzählen habe oder nicht?“
Da Jakob die Rechnung bezahlte, beschloss Bianca ihre eigenen Absichten vorerst zurückzustellen. „Nun mach schon“, stimmte sie daher zu.
„Sagt dir der Name Franz Kleinmüller etwas?“
Sie nickte zustimmend. „Ich glaube, ich hab schon mal `n Foto von dem geseh‘n.“
„Er ist hunderte von Millionen schwer und jeden Cent davon hat er kleinen Leuten abgegaunert.“
„Na und“? fragte sie völlig unbeeindruckt. Das kommt öfter vor als die meisten Menschen für möglich halten.“
„Ich will, dass er dafür bestraft wird.“ Jakob fühlte sich leicht irritiert. „Was meinst du, mit wem sollte ich darüber reden?“
„Du bist hier in einem Puff, nicht in einer Strafverfolgungsbehörde. Das ist Angelegenheit von Polizei und Justiz.“
„Ihr könnt ihn ausnehmen wie ihr wollt. Er ist ein egozentrisches Weichei. Schneidet ihm zwei Finger oder ein Ohr ab, und er überweist euch Millionen.“ Jakob sah Bianca eindringlich an. „Wer ist der Nachfolger von Kurden-Paul?“
„Kann ich dir nicht sagen; ein anonymes Konsortium:“
„Ich lege dich gleich übers Knie und versohle dir deinen dicken Hintern.“
„Oh, das wäre schön. Du hast ja mein strammes Ding schon immer bewundert.“
„Das war`s denn wohl“, resignierte Jakob und schob ihr einige Scheine über den Tisch. „Vielleicht sieht man sich ja irgendwann mal wieder.“
„Du meinst es wirklich ernst?“ Sie beachtete das Geld nicht und rückte näher zu ihm. Er zuckte nur mit den Schultern. „Dann sprich mit mir. Ich kenne sämtliche Leute auf dem Kiez, die für so eine Nummer infrage kommen.“
„Wenn er Hamburg die Ehre gibt, residiert er entweder in den ‚Vier Jahreszeiten‘ oder in seinem Pöseldorfer Penthouse in der Milchstraße, wo auch seine derzeitige ständige Begleiterin ihre Slips wäscht. Ich kann garantieren, dass er sich zu einem bestimmten Zeitpunkt allein in dieser Wohnung aufhält, und dass eventuelle Besucher für einige Stunden ungestört sein werden.“
„Was willst du dafür?“
„Das habe ich schon gesagt. Die Kohle ist für euch. Und wenn ihr Leute habt, die ihr Geschäft verstehen, ist da wirklich viel zu holen. Ich verlange lediglich, dass die eintreffenden Bullen, ihn in einer Situation vorfinden, die ihn für mindestens zehn Jahre aus dem Verkehr zieht. Das ist der Deal.“
Sie schob das Geld zurück in seine Richtung. „Wie kann ich dich erreichen?“
„Welchen Vorlauf brauchst du für den Tag X?“
„Vierundzwanzig Stunden“, die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen.
„Hast du eine Handynummer?“ Er reichte ihr seinen Kugelschreiber. Sie notierte die Nummer auf einen Hundert Euro Schein. „Brauchst du das Geld nicht?“
Sie schüttelte den Kopf. „Steck es ein, ich bin die Leiter hinaufgestiegen.“
***
„An meiner Karriere zeigst du überhaupt kein Interesse mehr, Franz. Früher hast du dich noch regelmäßig für mich eingesetzt, wenn eine neue Produktion bevorstand. Aber in letzter Zeit…“ Cora Cobretti - so lautete zumindest ihr Künstlername, wobei sie es auch gern hörte wenn man über sie als CC sprach, in Anlehnung an ihr großes Vorbild BB – versuchte ein mitleidheischendes Schluchzen in ihre Stimme zu legen, was ihr aber nur unvollkommen gelang. „Dabei bin ich bereit für größere Aufgaben. Ich brauche endlich eine Hauptrolle, die würde mir zum Durchbruch verhelfen und meiner weiteren Entwicklung gut tun.“
Cora saß im Schlafzimmer vor dem spätbarocken Hausaltar, der von der Hand eines unbekannten Künstlers zu einem überdimensionierten Frisierspiegel umfunktioniert worden war und bemühte sich, bisher erfolglos, einige Falten an den Augenwinkeln verschwinden zu lassen.
„Nun hör endlich auf, ewig an dir herumzuputzen“, rief Franz Kleinmüller ungalant aus der Bar seiner imposanten Wohngalerie. „Unsere Gäste sind gleich da, und du weißt doch wie überpünktlich dieser Senator immer ist.“
„Alle sagen, dass ich hochbegabt bin“, beharrte Cora unbeeindruckt auf ihrem Thema, „wenn ich doch nur etwas mehr Unterstützung hätte.“ Sie seufzte, als würde das gesamte Elend dieser Welt auf ihren schmalen Schultern ruhen.
Franz Kleinmüller hatte es aufgegeben Cora zu sponsern, nachdem ihm ein Regisseur zu später, feuchtfröhlicher Stunde unter vier Augen erzählt hatte, dass Cora eine völlig talentfreie Schauspielerin sei, die sich besser auf die nachhaltige Rolle einer Hausfrau und Mutter vorbereiten sollte. Die Vorstellung auf diese Weise mit ihr verbunden zu sein, ließ ihm eisige Schauer über den Rücken laufen, und so versuchte er seit diesem Abend immer wieder, sich auf elegante Weise, möglichst lautlos von ihr zu trennen. Einen guten Freund hatte er sogar gebeten, sie ihm doch bitteschön abzunehmen, selbstverständlich gegen Erstattung sämtlicher Kosten und der Zahlung einer Erfolgsprämie. Doch selbst dieser Versuch war erfolglos geblieben, da der Freund seit kurzem in Scheidung lebte und seine Ex nur zu begierig auf Anlässe wartete ihn in der Öffentlichkeit weiter zu diskreditieren.
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