„Machst du die Augen zu, Wichser“, hörte er eine gelangweilte Stimme, „wirst du nie wieder etwas sehen. Auch nicht die kleinen Titten und Arschbacken deiner Schickse.“
Die Quälerei nahm kein Ende. Als dem Gepeinigten eine gebogene, lange Polsternadel ins Auge getrieben wurde, konnte FK sich nicht mehr beherrschen. Er würgte und würde sich gleich übergeben müssen. Um unappetitliche Schweinereien zu vermeiden, entfernte man ihm vorsorglich das Klebeband am Mund und hielt ihm den Kochtopf unters Kinn.
„Komisch“, sagte der Sprecher der beiden, „beim ersten Auge kotzen sie fast alle.“
Dann wurde der Topf in der Toilette entleert, gesäubert und wieder im Schrank verstaut. Gleichzeitig wurde das Video ausgeschaltet und der Laptop auf Internet-Aktivitäten eingerichtet.
„Hör genau zu Wichser“, hörte FK - der sich gern den Mund abgewischt hätte - die inzwischen vertraute Stimme, „weil ich alles nur einmal sage. Du kannst jetzt zwar reden, aber nur wenn du gefragt wirst. Höre ich einen Schrei, bist du einäugig, höre ich zwei…, na du weißt schon. Was wir von dir wollen ist dagegen wie Plätzchen backen. Du überweist auf drei unserer Konten, die Nummern gebe ich Dir gleich, jeweils fünf Millionen Euro. Diesen kleinen Aderlass bemerkst du überhaupt nicht, da du hunderte von Millionen schwer bist. Danach sind wir sofort wieder weg und zwar ohne deine Eier. Solltest du dagegen Schwierigkeiten machen, uns sagen wollen, soviel hättest du nicht flüssig oder die Bankunterlagen lägen im Büro, knips ich dir hiermit den Sack ab.“ Er zog eine Blechschere aus seiner Jackentasche und hielt sie dem zitternden FK vors Gesicht. „Glaub es mir lieber, ich hab das schon mal gemacht, ich schwör es dir“ Er lächelte nachsichtig. „Na, was hältst du davon, Wichser?“
FK nickte nur stumm, willenlos und unglaublich erleichtert. „Meine Brieftasche“, brachte er mühsam hervor, wobei ihm auffiel, dass dies die ersten Worte waren, die er seit dem Eindringen der Verbrecher gesprochen hatte. Von denen redete auch immer nur der eine. Warum sagte der andere nichts? Vielleicht hatte er einen Akzent, den er verbergen wollte. Er prägte sich ihre Gesichter ein. Zu jeder Zeit würde er sie wiedererkennen. Aber das mussten die doch auch wissen, durchfuhr es ihn dann siedend heiß. Konnten sie ihn überhaupt am Leben lassen?
Man zerschnitt seine Handfesseln und schob ihn näher an den Tisch, damit er den PC bedienen konnte. Ihm fiel auf, dass der Stumme auch die kleinsten Stücke des Klebebands sorgfältig in einer Aktentasche verstaute.
„Schlaff jetzt nicht weg, mach endlich hin, Wichser“, hörte er wieder den Sprecher, der ihm seine Brieftasche in die Hand drückte.
FK verfügte unter anderem bei der First Caribbean Bank in Georgetown auf den Cayman-Inseln über diverse Schwarzgeld Konten, wie diese Form der Geldanlage vom unersättlichen Staat und der Masse der besitzlosen Bevölkerung scheinheilig genannt wurde, obgleich die Mehrzahl führender Politiker selbst gern Gelder in Steuerparadiese platzierte und normale Bürger ebenfalls Steuerzahlungen vermieden wo sie nur konnten. Er hatte dort auf einem Tagesgeldkonto noch zwanzig Millionen Euro liegen, mit denen er sich an der Goldhausse beteiligt hatte, aus der er aber rechtzeitig wieder ausgestiegen war.
FK seufzte, loggte sich bei der First Caribbean ein und identifizierte sich mit seiner Konto- und Geheimnummer. „Fertig“, sagte er dann, müde und doch voller Hoffnung diese Leute bald wieder los zu werden. „Fünf Millionen. Wohin bitte?“
Der Sprecher legte ein Blatt mit Bankleitzahlen, Kontonummern und dem Empfängernamen vor ihn auf den Tisch. FK versuchte sich die Zahlen einzuprägen um sie später bei der Polizei als Beweis für seine Behauptungen angeben zu können. Als ihm einfiel, dann ja auch sein Cayman-Konto preisgeben zu müssen, stellte er seine Bemühungen wieder ein.
„Na Wichser, fragst du dich gerade, wie du uns anpissen kannst?“
FK schüttelte erschreckt den Kopf. „Nein, nein, wirklich nicht.“ Danach sagte er mutig. „Wie geht’s jetzt weiter?“
„Hab ich dich was gefragt?“ grunzte der andere drohend. „Jetzt wird gewartet“, beantwortete er die Frage dann aber doch.
Nach wenigen Minuten trafen die Bestätigungen ein. Das Geld war transferiert. „Okay Wichser, das war‘s. Vielleicht sieht man sich ja mal wieder.“ FK beschloss darauf nicht zu antworten. „Wir ziehen ab. Damit du uns aber nicht gleich die Bullen auf den Hals hetzt, schläfst du jetzt `ne Runde.“
Bevor er überhaupt etwas begriffen hatte. Fühlte er sich fest von zwei Armen umschlungen. Als man ihm gleichzeitig einen übelriechenden, feuchten Lappen ins Gesicht drückte, war das Letzte was er dachte bevor ihm die Sinne schwanden: Jetzt bringen sie dich doch um.
***
FK kehrte langsam ins Bewusstsein zurück. Richtig wach wurde er jedoch erst durch das laute Hämmern an der Tür und dem sich penetrant wiederholenden Gebrüll: „Aufmachen, Polizei!!“ Die sind ja wirklich schnell, stellte er anerkennend fest; noch nie hatte er sie so dringend gebraucht. Noch leicht benommen, torkelte er zur Tür, als ihm plötzlich auffiel, dass seine Hände blutbefleckt waren. Dabei empfand er keinerlei Schmerzen.
„Einen Augenblick“, rief er, „geht gleich los.“ Er stürzte ins Bad um sich zu säubern. Der Lärm an der Tür wurde immer unerträglicher. Plötzlich hörte er ein ohrenbetäubendes, berstendes Krachen und das Splittern von Holz. Die Tür war mit Gewalt aufgebrochen worden. Man denkt, ich sei in Gefahr, fiel ihm als Erklärung ein. Ich muss ihnen sagen, dass alles in Ordnung ist. Er trat aus dem Badezimmer und wurde brutal zu Boden gerissen. Aus den Augenwinkeln bemerkte er schemenhaft, wie schwer bewaffnete Polizisten eines Sondereinsatzkommandos in seiner Wohnung ausschwärmten. Er selbst fühlte, unbequem auf dem Bauch liegend, wie sich ein Knie schmerzhaft in sein Kreuz drückte und ihm Handschellen angelegt wurden. Man tastete ihn ab. Der Schock, von einem Augenblick zum anderen vom Opfer zum Täter umfunktioniert zu werden, machte ihn sprachlos.
„Es muss sich da um einen Irrtum handeln“, brachte er mühsam hervor, „ich bin eben selbst überfallen worden.“ Doch niemand nahm von ihm Notiz. Man ließ ihn achtlos liegen.
Nachdem das SEK abgerückt war erschienen weißgekleidete Gestalten auf der Bildfläche, die nicht mit Pistolen, sondern mit feineren Instrumenten seine Wohnung inspizierten. Dann wurde er rüde hochgerissen.
„Wo ist die Leiche?“ fragte ihn ein wichtigtuerischer Beamter in mittleren Jahren und einem schlecht sitzenden Anzug, der ihn verächtlich ansah. Bei seinem Scheißgehalt ist der natürlich sauer auf mich, überlegte FK, völlig zusammenhanglos. Er hatte jedoch nicht die Absicht sich von staatlicher Willkür einschüchtern zu lassen. Schließlich hatte er vor kurzem noch dem Tod furchtlos ins Auge gesehen.
„Wovon reden sie überhaupt? Wer hat ihnen erlaubt in mein Penthouse einzubrechen?“
„Abführen!“ kommandierte der Chef des Polizeieinsatzes und drehte ihm den Rücken zu.
***
Wie FK sehr viel später von seinen Anwälten im Untersuchungsgefängnis erfuhr, war die Polizei aufgrund eines anonymen Anrufs aktiv geworden. Ein männlicher Anrufer wollte gesehen haben wie der ihm bekannte Franz Kleinmüller mit zerrissenem Hemd und blutigen Händen das Treppenhaus hinauflief und in seine Wohnung stürzte. Dabei trug er einen irren Ausdruck im Gesicht, als wäre er nicht mehr ganz zurechnungsfähig. Danach wurde aufgelegt.
Darüber hinaus hatte die Polizei in einem Wäschekorb, neben blutbefleckter Kleidung, ein blutiges, gewelltes Messer gefunden, das von Experten als Malaiendolch oder Kris eingestuft worden war. Im zerwühlten, riesigen Wasserbett entdeckte man einen goldenen Rubinohrring. Im Kofferraum seines Bentleys in der Tiefgarage fanden sich neben Blut- auch DNA-Spuren einer weiblichen Person. Selbst im Fahrstuhl konnte die gleiche Blutgruppe sichergestellt werden. Somit war aus Sicht der Polizei eindeutig erwiesen, dass der Verdächtigte einen Mord begangen, und auf welchem Wege er danach den Körper aus dem Haus geschafft hatte. Die Beweislage war erdrückend. Was fehlte war die Leiche und die Identität des Opfers.
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