Sie verließen das Gebäude und konnten geradeso hinter einigen Kisten Deckung suchen, denn nicht wenige Krieger Akhoums durchstreiften die Gassen des Waffenlagers. So gestaltete sich ihr weiteres Vorankommen schwierig. Immer wieder nahmen sie Umwege in Kauf, um nicht von den Soldaten entdeckt zu werden, denn keiner von ihnen trug eine Waffe und Tado konnte die Drachenklinge nicht herbeirufen lassen, ohne Uris ihren Aufenthaltsort zu verraten. Zwar befanden sie sich ironischerweise in einem Waffenlager, dennoch waren die Türen der meisten Häuser verschlossen und außerdem unbeschädigt, denn Feinde hatte es wohl nicht in diesen Teil der Stadt verschlagen.
Glücklicherweise erwiesen sich jedoch die Straßen hier als so eng, dass Tado sich zeitweise wie in einem Labyrinth vorkam und sie sich so gewöhnlich erfolgreich vor den Feinden verstecken konnten. Nur einmal erlitten sie einen großen Schock, als direkt vor ihnen ein Trok aus einer der Türen trat. Er trug eine Unmenge an Kriegswerkzeug in seinen vier Armen, sodass sie ihn zuerst kaum identifizieren konnten. Als er sie jedoch über den Waffenberg hinweg erblickte, ließ er alles fallen und rannte davon. Yala nahm dies zum Anlass, sich wieder in den Besitz eines Dolches zu bringen, während Lukdan in dem glänzenden Haufen tatsächlich mehrere Säbel fand, einige von ihnen besaßen sehr zu seiner Freude eine gezackte Klinge.
„Das fühlt sich gleich viel besser an“, ließ er vernehmen.
Mit der neuen Bewaffnung setzten sie ihren Weg nun etwas schneller und weniger vorsichtig fort, und so kamen sie der westlichen Stadtmauer immer näher, als plötzlich (sie bogen gerade in eine solch schmale Gasse ab, dass sie nur hintereinander gehen konnten) ein Krieger Akhoums sich von der anderen Seite der Straße näherte. Als er jedoch sah, dass Lukdan wieder im Besitz zweier Säbel war, kehrte er erschrocken um.
„Es ist erschütternd zu sehen, dass sich zwischen den Wachen der Stadt auch derart feige Mitglieder aufhalten“, befand Lukdan ein wenig unglücklich, was Tado angesichts ihrer derzeitigen Situation überhaupt nicht nachvollziehen konnte.
Bald darauf erreichten sie die Stadtmauer. Sie mieden die Treppen, die auf den Wehrgang hinauf führten und suchten stattdessen wieder nach einer Ansammlung aufeinander gestapelter Kisten, um auf die gleiche Weise Akhoum zu verlassen, wie sie hinein gekommen waren.
„Wohin bringst du uns?“, fragte Lukdan schließlich.
„Eigentlich standen hier immer große Berge von Kisten am Rand der Mauer“, erwiderte Yala ein wenig nervös.
„Vielleicht hast du vergessen, dass hier gestern eine Schlacht tobte“, meinte Lukdan.
„Warum sollten wegen einer Schlacht die Kisten verschwinden?“, fragte Tado.
„In den Kisten befinden sich jene Waffen, die in einem Kriegsfall zuerst an die Bevölkerung verteilt werden. Daher gibt es hier im Moment keine mehr. Wenn wir also auf die Mauer wollen, dann müssen wir eine der Treppen nehmen“, sagte Lukdan und verließ daraufhin seine Deckung, um einen der Zugänge zum Wehrgang anzusteuern. Die anderen folgten ihm widerwillig. Uris’ Wachen schienen immer noch im Waffenlager nach ihnen zu suchen und so sahen sie sich nur mit zwei Soldaten konfrontiert, die sie jedoch ungehindert passieren ließen, als Lukdan ihnen androhte, sie über die Mauerkronen zu werfen, sollten sie einen Laut von sich geben. So führte Yala sie letztendlich zu der Stelle, an der einige Sukapflanzen in den Löchern des teilweise beschädigten Walls wurzelten und ihre Ranken bis wenige Meter über dem Boden herabhängen ließen.
„Dass wir so eine Schwachstelle in der Mauer haben, war mir gar nicht bewusst“, meinte Lukdan überrascht. „Aber du willst doch nicht ernsthaft dort hinunterklettern, oder? Du weißt doch, was das für Pflanzen sind.“
„Ja“, entgegnete Yala. „Wenn man vorsichtig ist, passiert nichts. Selbst Tado hat es geschafft, unverletzt hier hoch zu klettern.“
Es gefiel Tado nicht, wie sie über seine Kletterfähigkeiten redete, entgegnete jedoch nichts. Lukdan hingegen schien das tatsächlich etwas zu beruhigen, doch die schlussendliche Entscheidung, an den Sukapflanzen hinunterzuklettern, wurde ihm von einigen Dutzend Kriegern abgenommen, die offensichtlich jeden Winkel des Waffenlagers durchkämmt hatten und nun zeitgleich mit Uris auf den schmalen Streifen, der zwischen den grauen Gebäuden und der Mauer war, hinaustraten. Als sie die Flüchtenden erblickten, bedurfte es keiner Worte der Hohepriesterin; sie stürmten ihrerseits auf die drei zu, einige verschossen hastig ein paar Pfeile, die jedoch ihr Ziel nicht fanden. Dem plötzlichen Tatendrang der Krieger nach zu urteilen hatte Uris wohl demjenigen, der sie tötete, eine Belohnung versprochen.
Yala und Lukdan kletterten derweil an den Schlingpflanzen herab, während Tado nun auch dazu ansetzte, nachdem ein Armbrustbolzen seinen Kopf nur um Haaresbreite verfehlte. Er wusste nicht, worauf er mehr achtgeben sollte: Dass seine Haut nicht von den Blüten der Sukapflanze zersetzt wurde oder dass er nicht mit einem Pfeil im Kopf herabstürzte, seine Begleiter mit sich riss und diese dann ihrerseits sich die Haut verätzten.
Während er sich darüber Gedanken machte, berührte er versehentlich das Kronblatt einer Blüte. Leider war es sein linker Handrücken, der damit in Kontakt kam und der feine Staub, der sich darauf absetzte, begann sofort, seine Haut aufzulösen. Die gelblich-schwarze Blase platzte schließlich und widerlicher Eiter tropfte auf die Ranken. Vor Schmerzen ließ er die Sukapflanze los und stürzte die letzten vier Meter in die Tiefe. Bei dem Versuch, sich an der Mauer festzukrallen, riss er sich einen Nagel ein und landete wenigstens relativ weich in einem feinen Sandhaufen, den wohl der Staubsturm vor einigen Tagen hier angehäuft hatte. Er schaffte es jedoch, seine faustgroße, nun aufgeplatzte Blase nicht in Kontakt mit dem Dreck zu bringen. Schnell rollte er sich zur Seite, als ein Pfeil von oben die Pflanzen durchschoss und sich neben ihm in den Boden bohrte. Immerhin war er vor den anderen beiden unten angekommen, denn sie erreichten den Fuß der Mauer erst, als er sich bereits wieder aufrichtete.
Sie entfernten sich rückwärts von der Stadt, wobei Lukdan etwaige herannahende Pfeile mit seinen Säbeln abwehrte. Sie flohen nach Westen und erreichten nach wenigen Minuten, als die Konturen Akhoums allmählich in der Hitze zu verschwimmen begannen, eine kleine Ansammlung weniger Dornbüsche und eine vertrocknete Palme. Dort legten sie zunächst eine kurze Rast ein, denn die Flucht hatte sie alle sehr erschöpft.
Tado besah sich die Wunde des Spinnenbisses. Ein schwarz verfärbter, etwa halbfingerbreit tiefer, faustgroßer Krater bedeckte seinen gesamten Handrücken. Offensichtlich hatte er Glück im Unglück gehabt. Der Eiter schien die ätzende Wirkung des Blütenstaubs zu neutralisieren. Dies bewahrte ihn jedoch nicht vor den nahezu unerträglichen Schmerzen, die die Verletzung in ihm hervorrief. Auch der Spalt, den das Horn des Ogerkäfers in seinem Bauch hinterlassen hatte, bereitete ihm noch immer Qualen.
Yala verband seinen Handrücken derweil mit einem Stofffetzen, den sie aus irgendeinem Grund bei sich trug. Er konnte nicht sagen, ob sie es aus Mitleid tat oder weil ihr der Anblick der abscheulichen Wunde Übelkeit bereitete, vermutete aber Letzteres.
Die Klippen von Aldostris
„Wir sollten hier nicht zu lange verweilen“, sagte Lukdan nach einigen Minuten des Schweigens. „Uris wird bald Soldaten ausschicken, um uns zu suchen. Wenn sie uns in die Finger bekommt, wird niemand mehr wissen, dass sie an dem Tod Heroduns Schuld ist.“
„Es gibt noch jemanden, der unsere Unschuld beweisen kann“, sagte Yala. „Der Wächter, der uns, bevor wir zu Herodun kamen, entwaffnet hat, weiß, dass wir es nicht gewesen sein können.“
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