Ein schauriges Geräusch, das wie der Todesschrei eines Menschen klang, der in die Tiefe fällt, drang aus den nebligen Abgründen der Schlucht zu ihnen herauf.
„Was war das?“, fragte Yala, und in ihrer Stimme schwang eine Spur der Ängstlichkeit mit.
„Blutskorpione“, antwortete ihr Führer, der, wie Tado in einem Gespräch zwischen ihm und Lukdan zufällig mitbekam, Seron hieß. „Es sind zwar keine echten Skorpione, doch sie haben gewisse Merkmale mit ihnen gemein. Sie verschlingen alle Lebewesen, die sich zufällig in den Schluchten verirren. Aber ich will euch keine Angst machen, ihr werdet sie wahrscheinlich nie zu Gesicht bekommen, daher verzichte ich lieber auf eine genauere Beschreibung.“
Zwar hätte Tado gerne mehr über diese Wesen erfahren, doch ihn beschäftigte im Moment etwas ganz anderes. Seron hatte von Schluchten gesprochen. Hieß das etwa, dass es hier noch mehr von diesen unergründlich tiefen Abgründen gab?
Er erhielt die Antwort, als sie schließlich das Ende der Brücke erreichten und Aldostris betraten. Sämtliche Gebäude befanden sich auf unterschiedlich großen Felsinseln, die von zahlreichen mehr oder weniger breiten Schluchten durchzogen waren. Die ganze Siedlung wirkte wie ein weitreichendes Flussdelta, nur dass an der Stelle von Wasserläufen tiefe Abgründe waren, aus denen ebenfalls ein unheilvoller Nebel aufstieg, der es unmöglich machte, den Grund zu erkennen. Kein Geländer zog sich um die vielen Klippen, nur zahlreiche Brücken überspannten die Schluchten und verbanden die Felsinseln miteinander. Tado vermochte den Rand der Stadt nicht zu erkennen, was einerseits vielleicht an der nun eintretenden Dunkelheit lag, andererseits eventuell auch daran, dass sie sich unheimlich weit nach Westen hin erstreckte, denn auf den Felsinseln gab es nicht viel Platz. Die Häuser standen dicht gedrängt aneinander, sie besaßen stets eine rechteckige Form, doch waren von unterschiedlicher Höhe, sodass die Dächer der niedrigeren Gebäude eine Art Terrasse für benachbarte höhere bildeten, auf der man diverse Pflanzen anbaute. Es musste unheimlich schwer sein, über die schmale Brücke, die hinein nach Aldostris führte, Nahrung in die Stadt zu schaffen. Tado wunderte sich sowieso, wie man sich in dieser unwirtlichen Gegend ansiedeln konnte. Er stellte eine entsprechende Frage an Seron, der sie nach wie vor begleitete und nun über eine kurze Brücke auf eine benachbarte Felsinseln führte, auf der vier Häuser nahezu die gesamte Fläche einnahmen und nur auf zwei Seiten einen kleinen Pfad zwischen sich und den Klippen ließen, auf dem man sich an ihnen vorbei zwängen konnte, um zur nächsten Brücke zu gelangen. Die Gebäude wirkten aufgrund ihres nur handbreiten Abstandes zueinander wie ein einziger großer Block, gerade einmal die unterschiedliche Höhe der Häuser störte diese Symmetrie.
„Dieser Ort ist sehr schwer zugänglich“, beantwortete Seron Tados Frage. „Bei Gefahr können wir einfach die Hängebrücke, die den Zugang bildet, abbrechen, und niemand kann mehr in die Stadt gelangen. Nur einen anderen Weg gäbe es noch, doch er führt durch die tiefen Schluchten und keine Armee würde dort wieder herauskommen. Und wenn sie uns belagern sollten, so wäre auch dieses Vorhaben nicht von Erfolg gekrönt, denn wir können uns über einen langen Zeitraum hinweg selbst versorgen.“
Das glaubte ihm Tado, da er auf einer nahegelegenen Insel etwa einhundert dicht gedrängt stehende Palmen erblickte, die unterhalb der Blätter merkwürdige braune Früchte trugen, jede ungefähr so groß wie drei Fäuste.
„Was wäre, wenn die Blutskorpione den Weg durch die Schluchten fänden?“, fragte nun auch Lukdan.
„Das bräuchten sie gar nicht“, meinte Seron gelassen. „Sie können die Klippen senkrecht in die Höhe klettern, und wenn sie uns wirklich töten wollten, so hätten sie es schon längst getan. Doch einerseits tun wir ihnen nichts zuleide (wozu wir vermutlich auch gar nicht in der Lage wären) und andererseits verlassen sie die nebligen, feuchten Tiefen der Schlucht niemals, denn sie würden in der Sonne verbrennen oder zumindest an der trockenen Luft ersticken.“
Der nur etwa einen Meter breite Weg, auf dem sie an den Gebäuden vorbeigingen, veranlasste Yala dazu, sich dicht an die Häuserwände heranzubewegen und fortwährend eine Hand an dem hell verputzten Mauerwerk zu belassen.
„Ist schon einmal jemand über den Klippenrand gefallen?“, fragte sie unsicher an Seron gewandt.
„Leider kommt es immer wieder vor, dass unvorsichtige Bürger in die Tiefe stürzen“, antwortete er.
„Warum baut ihr dann kein Geländer an den Rand?“, ereiferte sie sich ein wenig verärgert.
„Vorsicht will gelernt sein“, entgegnete der Soldat. Er und Lukdan waren die einzigen, denen der schmale Pfad und der schätzungsweise weit über hundert Meter tiefe Abgrund direkt daneben nichts auszumachen schienen. „Die, die hinunterfallen, sind für gewöhnlich sofort tot und werden von den Blutskorpionen gefressen.“
Diese Worte erschienen Tado überflüssig. Sie verließen nun die kleine Felsinsel und überquerten eine Bücke, die über einen sehr unförmigen Abgrund führte und sie an die Überreste eines zerstörten Gebäudes brachte.
„Gelegentlich kommt es vor, dass Teile der Felsinseln abbrechen und in die Tiefe stürzen“, bemerkte Seron, was nicht unbedingt zur Beruhigung der drei Gefährten beitrug. „Wir glätten dann die Oberfläche und bebauen sie erneut. Daher sind manche Felsinseln auch etwas niedriger als andere.“
Sie umrundeten die Gebäuderuine, von der ein Teil in die Schlucht gefallen zu sein schien, zur Hälfte, und passierten einige weitere Brücken.
„Warum begegnen wir eigentlich keinem Bewohner der Stadt?“, wunderte sich Yala.
„Es ist gleich Nacht“, antwortete Seron. „Bei diesem schlechten Licht derart nahe an den Klippen vorbeizugehen, käme einem Selbstmord gleich.“
Tado fragte sich, warum ihre kleine Gruppe es dennoch tat, wurde sich jedoch bewusst, dass sie keine andere Wahl hatten. Sie mussten noch heute zum Verwalter von Aldostris, um ihn vor Uris zu warnen.
Irgendwann kamen sie schließlich an eine große Felsinsel, auf der ein reich verziertes mehrstöckiges und sehr breites Haus stand.
„Dies ist das Regierungsgebäude, wie du sicher noch von deinem letzten Besuch weißt“, sagte Seron zu Lukdan. „Wenn ihr Glück habt, trefft ihr Igaldar dort noch an. Er arbeitet immer bis spät in die Nacht hinein. Ansonsten kann ich leider nichts für euch tun.“
In diesem Moment öffnete sich die Eingangstür des Hauses und ein älterer Mann, jedoch von stattlicher Statur, trat in die Dunkelheit des späten Abends hinaus. Als er die Gefährten erblickte, steuerte er auf sie zu. Seron machte daraufhin Anstalten, zu gehen, denn es handelte sich bei der näher kommenden Person seiner Worte nach um Igaldar.
„Was führt drei Leute aus Akhoum zu so später Stunde in die Klippen von Aldostris?“, fragte der Mann mit relativ leise Stimme.
„Wir sind nicht im Auftrag der Hauptstadt dieses Landes hier“, entgegnete Lukdan. „Schlimme Umstände brachten uns hierher. Wir müssen euch dringend sprechen.“
„Nur zu“, forderte ihn Igaldar auf. „Niemand kann uns hier hören.“
Der Krieger aus Akhoum blickte sich noch einen Moment um und begann dann widerwillig zu sprechen: „Schreckliches hat sich in Akhoum zugetragen, ein Ereignis, fast so furchtbar wie die Schlacht des vergangenen Tages. In den frühen Morgenstunden des heutigen Tages wurde der Statthalter Akhoums ermordet.“
„Herodun ist tot?“, fragte Igaldar entsetzt. „Wer hat diese Gräueltat zu verantworten?“
„Niemand Geringeres als die Hohepriesterin selbst“, fuhr Lukdan fort. „Uris bediente sich schwarzer Magie, um den Statthalter und seine Leibwächter zu töten. Sie riss die Macht an sich und gebietet nun über Akhoum.“
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