„Die Herren von Telkor sind auch nicht an diesem Land interessiert. Ihr Ziel ist die Unterwerfung der gesamten Welt“, erwiderte Tado. „Das sagte mir der Magier, gegen den ich habe kämpfen müssen.“
Lukdan schwieg einen Moment.
„Aber warum erst jetzt?“, fragte Yala schließlich. „Sie hätten doch schon vor etlichen Jahren damit anfangen können, warum gerade jetzt?“
„Ich muss vergessen haben, es dir zu erzählen“, begann Tado. „Die Herren von Telkor arbeiten bereits seit über zweitausend Jahren an diesem Plan. Ich weiß nicht, wie viele Länder sie schon unterworfen haben, aber bereits vor dieser langen Zeit begann der Lord des Feuers, wie er sich selbst nannte, von Telkor aus eine Verbindung mit meinem Heimatkontinent aufzubauen. Es dauerte zweitausend Jahre, bis er seinen Körper hinübertransferiert hatte, und in der Zwischenzeit werden die anderen Magier Telkors mit Sicherheit bereits andere Kontinente unterworfen haben, sodass sie jetzt schließlich hier angekommen sind.“
Über ihnen, in etwa sechs Metern Höhe, hörten sie Schritte, und sie riefen sich ihre gegenwärtige Situation ins Gedächtnis.
„Lukdan, wie lange dauert es, bis Uris hierher käme, wenn sie erfahren würde, dass wir ausgebrochen sind?“, fragte Tado.
„Wenn sie ihre magischen Tempel, die sie überall hat erbauen lassen, benutzt, um sich von einem in den anderen zu transferieren, nur etwa drei Minuten. Bis sie jedoch Nachricht davon erhält, wird mehr Zeit vergehen. Aber wie willst du entkommen? Dieser Drachenfels scheint unzerstörbar zu sein, ich bekomme ihn keinen Zehntelfingerbreit bewegt.“
„Das ist unser geringstes Problem.“
„Wie meinst du das?“, fragte Yala.
„Ich werde es euch gleich erzählen. Wie viele Wachen sind oben?“, wollte Tado wissen.
„Standardmäßig postieren wir nur zwei an jedem Gefängnis. Angesichts unseres angeblichen Vergehens werden es wohl doppelt so viele sein“, meinte Lukdan.
„Dann macht euch bereit zur Flucht.“
„Was hast du vor?“, fragte Yala.
Tado antwortete zunächst nicht, sondern konzentrierte sich darauf, die Drachenklinge in seinen gefesselten Händen materialisieren zu lassen. Es kostete ihn eine ungewohnte Anstrengung, etwas schien den Zauber zu blockieren, für einen Moment war es ihm, als versuchte das Schwert mit aller Macht zu verhindern, zurück in seinen Besitz zu gelangen. Vielleicht wandte Uris irgendeine Magie an, die ihn nun behinderte. So dauerte es fast eine halbe Minute, bis sich seine Finger endlich um die Drachenklinge schlossen und er die Fesseln durchtrennte. Sogleich schnitt er einige der Gitterstäbe seiner Zelle heraus, dabei jedoch bedenkend, so wenig Lärm wie möglich zu verursachen, um nicht die Wachen über ihm darauf aufmerksam zu machen. Die Klinge glitt mühelos durch den Drachenfels, wie schon damals vor dem Finsteren Wald, und Tado legte die gelösten Streben vorsichtig auf den Boden. Anschließend befreite er Yala, und letztendlich Lukdan.
„Wie hast du das gemacht?“, wollte Erstere wissen. „Die Soldaten hatten dir das Schwert abgenommen und Uris hat es verwahrt. Ich hab es genau gesehen.“
Er überging die Bemerkung, stattdessen wandte er sich zum Gehen.
„Wir haben nur drei Minuten, um zu entkommen“, sagte er noch, bevor er den ersten Schritt auf die Wendeltreppe setzte.“
„Aber noch weiß niemand, dass wir entkommen sind“, warf Lukdan ein. „Sie werden es erst morgen erfahren.“
„Nein“, entgegnete Tado. „Uris wird das Verschwinden meines beschlagnahmten Schwerts sofort bemerken, immerhin hielt sie es selbst unter Verwahrung. Uns bleibt keine Zeit.“
So verzichteten sie auf weitere Wortwechsel und überwanden den Rest der Treppe. Oben sahen sie, dass sich Lukdans Worte bestätigten: Vier Soldaten bewachten den Zugang zum Gefängnis: Zwei saßen an einem Tisch, zwei weitere standen vor der halb geöffneten Zugangstür zum Turm. Die drei konnten die letzten Sätze einer Unterhaltung mitanhören.
„Sie können nicht entkommen“, sagte einer der am Tisch Sitzenden zu seinem Gegenüber. „Uris sagt, die Gitterstäbe seien unzerstörbar.“
„Ja, aber sie haben immerhin Herodun und zwei seiner Leibwächter getötet, ihnen ist alles zuzutrauen“, antwortete der andere.
Mehr sprachen sie nicht miteinander, denn Tado und Lukdan schlugen sie bewusstlos. Dies machte die beiden Krieger an der Tür auf die Ausbrechenden aufmerksam. Sie ließen sich jedoch auf keinen Kampf ein, stattdessen liefen sie auf die Straße hinaus und alarmierten weitere Soldaten. Die Flüchtenden nutzten das sich ihnen bietende Intervall zum Entkommen und nahmen unter Yalas Führung einen Weg durch schmale Gassen in Richtung des Waffenlagers. Bald schon gelangten sie an die bewachten Eingänge des südwestlichen Randes der Stadt. Hinter sich hörten sie Tumult. Offenbar war Uris soeben eingetroffen, denn sie befahl mit lauter Stimme, nach den Dreien zu suchen.
„Wir haben Glück“, sagte Yala plötzlich. „Sie haben den geheimen Weg tatsächlich noch nicht entdeckt. Offensichtlich waren sie mit den Vorbereitungen für die Schlacht so sehr beschäftigt, dass sie vergaßen, sich darum zu kümmern.“
Tado wollte wissen, woher sie das wusste, denn seines Erachtens hatten sie ihren Pfad durch das Waffenlager noch nicht einmal betreten, doch er wurde kurz darauf eines Besseren belehrt. Sie erreichten nämlich soeben jene alte Leiter, über die sie, als sie in die Stadt gelangten, vom Dach herabgestiegen waren. Sie lehnte an der dreckigen Wand eines leerstehenden Hauses. Als sie sie überwunden hatten, zog Lukdan sie hoch, sodass man sie von unten aus nicht sehen konnte. Wieder trennte sie nun ein anderthalb Meter breiter Spalt von dem Dach eines alten Gebäudes im Gebiet des Waffenlagers. Diesmal überquerte ihn Tado auf eine weniger schmerzhafte Weise als beim ersten Mal, auch wenn seine Wunde im Bauch noch immer höllisch wehtat.
„Ich muss schon sagen“, begann Lukdan. „Dass jemand den verbotenen Bereich der Stadt auf so eine Weise betreten würde, wäre mir niemals in den Sinn gekommen. Nur sag mir, wie du jetzt wieder von diesem Haus herunter kommst, denn die Dächer der übrigen Gebäude sind für einen Sprung zu weit entfernt.“
Yala ging nicht weiter auf seine Worte ein, sie steuerte den Südrand des Daches an und schwang sich schließlich über den Rand in das oberste Fenster hinein. Es blieb Tado ein Rätsel, wie man solch ein waghalsiges Manöver in dieser Höhe durchführen konnte.
„Sie sind im Waffenlager!“, hörte er Uris Stimme nicht weit entfernt unter ihm. Einer der Wache setzte dazu an, ihr zu widersprechen: „Das ist unmöglich, es hat niemand die Eingänge passiert.“
„Schweig!“, befahl die Hohepriesterin. „Ich spüre das Schwert des Einen. Sie sind ganz in der Nähe.“
Diese Aussage machte Tado bewusst, dass Uris als Magierin selbstverständlich die Drachenklinge als magisches Objekt spüren musste, wenn sie sich in der Nähe befand. Als er jedoch sah, wie Lukdan derweil Yala mit einem ähnlichen Sprung folgte, wurde er aus seinen Gedanken gerissen. Er musste, so schnell es ging, von diesem Haus herunter. Also rammte er sein Schwert von der Kante des Daches aus in die Wand des Gebäudes, direkt oberhalb des obersten Fensters, prüfte kurz, ob es in einem ausreichenden Maße feststeckte und schwang sich dann, das Heft fest umschlossen, über den Rand hinaus. Um ein Haar hätte er losgelassen, als nämlich die eiternde, fünf Finger breite, gelblich-schwarze Blase an seinem linken Handgelenk, die noch immer von dem Spinnenbiss zeugte, einen kleinen Riss bekam und eine warme Flüssigkeit über seinen Arm lief. Er sah versehentlich nach unten und bekam wegen der nicht unerheblichen Höhe von ungefähr fünfzehn Metern, in der er an dem Griff eines in der Wand steckenden Schwerts über dem Boden hing, schweißnasse Finger. Als er seinen rechten Fuß ausstreckte, erreichte er damit den unteren Rand des offenen Fensters. So rettete er sich schließlich ins Innere des Gebäudes, wo er nur fragende Blicke von Yala und Lukdan aufgrund des umständlichen Weges, den er gewählt hatte, um in das Haus zu gelangen, erntete. Der Versuch, die Drachenklinge wieder aus der Häuserwand herauszuziehen, scheiterte kläglich, und so ließ er sie einfach verschwinden. Dies würde Uris eine Weile verwirren.
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