Sie pausierte, als sie das Entsetzen der drei gewahrte. Ihre Worte hatten sie zutiefst geschockt. Keiner von ihnen hätte es für möglich gehalten, dass sie, nachdem sie sie gestern rettete, solch eine Gräueltat vollbringen würde.
„Warum hast du das getan?“, fragte Yala verzweifelt.
„Ich bin leider nicht befugt, dich darüber in Kenntnis zu setzen“, antwortete Uris mit einem Lächeln auf den Lippen. Lukdan ballte seine Hände zu Fäusten und ging einige Schritte auf die Hohepriesterin zu. Sie rief nach den Wachen und im nächsten Moment betrat ein gutes Dutzend schwer bewaffneter Krieger den Raum, unter ihnen war auch Giful. In ihren Augen zeichnete sich ein gewaltiges Entsetzen ab, als sie die Leiche Heroduns erblickten.
Lukdan wich nun wieder zurück. Ohne Waffen hatte er keine Chance gegen all die Soldaten. Zudem würde er vermutlich bereits mit einem Pfeil im Kopf sterben, noch ehe er sie überhaupt erreichte.
„Seht, was diese Mörder getan haben“, begann Uris.
„Das ist nicht wahr!“, rief Tado ärgerlich.
Ein Gefühl der Machtlosigkeit erfüllte ihn. Die Augen der Soldaten durchbohrten sie regelrecht hasserfüllt.
„Sie sind unbewaffnet“, bemerkte Giful.
„Betrachtet den Leichnam des ehrwürdigen Statthalters“, entgegnete Uris.
Die Klingen, die aus Heroduns Rücken ragten, ähnelten denen Lukdans auf eine verblüffende Weise. Dennoch schien es der Bogenschütze nicht vollends glauben zu können.
„Sie haben Herodun ermordet und dieses Land führerlos zurückgelassen. Sie haben Akhoum und diese Burg entweiht. Und sie haben die Tatsache, dass seine Leibgarde durch die gestrige Nacht geschwächt worden war, skrupellos ausgenutzt. Tötet sie!“, rief die Hohepriesterin.
Keiner der Soldaten wagte es, ihnen zu nahe zu kommen, denn sie kannten die Kampfkraft Lukdans. So blieb es an Giful hängen, denn er trug als einziger einen Bogen. Langsam legte er einen Pfeil auf die Sehne. Tados Gedanken rasten. Er überlegte kurz, eine der Waffen, die in den Leichen steckten, zu ergreifen, doch dies hätte den Bogenschützen und all die anderen Soldaten wohl noch mehr darin bekräftigt, dass sie den Statthalter tatsächlich ermordet hatten. Gleiches geschähe, wenn sie zu fliehen versuchten.
Ihr Leben würde hier enden für etwas, an dem sie keinerlei Schuld traf. Giful zielt nun auf Lukdan.
„Warte“, unterbrach ihn Uris. „Töte sie zuerst. Sie trägt einen Dolch bei sich.“
Die Hohepriesterin deutete auf Yala. Tado fragte sich, wie sie das herausgefunden haben konnte, denn sie trug die Waffe so gut versteckt, dass sie niemand sehen konnte. Der Bogenschütze tat jedoch, wie ihm geheißen und richtete seinen Bogen auf das neue Ziel.
„Tu es nicht“, flüsterte Yala, doch er konnte sie nicht hören.
Giful schloss die Augen, denn er glaubte noch immer nicht daran, dass sie eine Schuld an dem Tod Heroduns traf, und als Uris ihn ein weiteres Mal aufforderte, ließ er das Geschoss blind fliegen. Dieser Moment schien Tado nun dazu auserwählt, seinen letzten Trumpf auszuspielen. Im Bruchteil einer Sekunde rief er die Drachenklinge herbei und schlug sie mit einer solchen Geschwindigkeit, von der er vorher nicht einmal gedacht hätte, dass ein Mensch sie überhaupt erreichen könnte, in die Flugbahn des Pfeils. Er durchtrennte das dünne Holz exakt in der Mitte, nur noch einige Handbreit von Yala entfernt. Das Geschoss fand sein Ziel nicht mehr und prallte irgendwo auf den Boden. Für einen Moment herrschte eine geradezu unheimliche Stille. Das Gesicht jedes Anwesenden war von grenzenloser Überraschung gefüllt, nur die Ursache für jenes Gefühl unterschied sich zum Teil deutlich. Während Yala sich einfach nur darüber erstaunt zeigte, dem Tod in letzter Sekunde entkommen zu sein, so tat es Tado, weil ihn sein eigenes Handeln verwirrte. Die Soldaten waren über das plötzliche Auftauchen des Schwerts verwundert, Giful darüber, dass sein Pfeil tatsächlich hatte abgewehrt werden können, während Lukdan es einfach nur überraschte, wie Tado das Geschoss so präzise in der Luft zerteilen konnte. Uris hingegen schien es kaum fassen zu können, dass außer ihr noch jemand Magie benutzte.
Lukdan offenbarte sich die Gelegenheit, die sich den Dreien nun bot, als erster.
„Zum Fenster!“, rief er einfach nur und Yala und Tado taten, was er sagte. Sie liefen auf eine der bis zum Boden reichenden Öffnungen in der westlichen Wand zu.
Uris forderte die sie umgebenden Soldaten umgehend zur Verfolgung auf. Diese zögerten nur einen kleinen Moment, ehe sie hinter den Flüchtenden her stürmten. Giful verschoss noch einen Pfeil, aber Tado glaubte, dass es Absicht war, dass das Geschoss keinen von ihnen traf. So erreichten sie den Balkon. Er führte nur jeweils wenige Schritte nach Norden beziehungsweise nach Süden, doch etwa zehn Meter darunter begann ein schmaler Wehrgang, der irgendwann in die Krone der Stadtmauer mündete. Es war ihr einziger Ausweg und ihnen blieben nur wenige Sekunden zum Handeln, denn die Soldaten Akhoums würden sie bald einholen. Lukdan sprang als erster. Ein Haufen aufgestapelter Trokkörper fing seinen Sturz ab. Tado empfand es als höchst makaber, dass ihm die Leichen seiner Feinde nun einen Fluchtweg ebneten, doch in Anbetracht der Tatsache, dass er ansonsten ganz sicher sterben würde, konnte er diesen Gedanken leicht verscheuchen. Er und Yala erreichten den Wehrgang, bevor die Krieger den Balkon stürmten. Tado war mit seinem Bauch auf der Schulter eines Troks gelandet, sodass ihn ein ungeheurer Schmerz durchfuhr, als sich ein fellüberzogener Knochen in seine Wunde bohrte. Ihre Verfolger verspürten anscheinend wenig Lust, ihnen auf dem gleichen Weg zu folgen, denn sie liefen zurück in die Burg. Lukdan schlug derweil den Weg nach Westen in Richtung Stadtmauer ein. Gerade als sie die Stelle erreichten, in der ihr derzeitiger Pfad in den breiten Wehrgang des Walls überging, stürmten auch die sie verfolgenden Soldaten aus dem Haupttor der Festung, das man von hier aus sehen konnte. Sie brüllten den Wachen auf der Mauerkrone zu, die Flüchtenden zu fassen, und tatsächlich sahen diese sich nur wenige Sekunden später mit zwei Kriegern konfrontiert, die lange Speere auf sie richteten. Lukdan konnte sie überwältigen, obwohl er keine Waffe trug, und zwar indem er sich unter den Lanzen hindurchrollte und die auf kurze Distanz nun relativ wehrlosen Wachen bewusstlos schlug. Als er zu einem tödlichen Schlag ausholte, hielt Yala ihn auf.
„Du darfst sie nicht töten. Sie wurden von Uris manipuliert, du würdest ebenso handeln, wärst du in ihrer Position. Die einzige Person, die den Tod verdient, ist die Hohepriesterin selbst.“
Lukdan hielt inne. Er konnte ihre Worte nachvollziehen und so liefen sie bald darauf weiter in Richtung Süden. Die Soldaten, die sie verfolgten und durch den kleinen Zwischenfall aufholen konnten, fielen nun wieder etwas zurück, denn mit ihrer schweren Bewaffnung vermochten sie sich nicht so schnell zu bewegen. Giful war nicht unter ihnen.
„Wohin gehen wir eigentlich?“, fragte Tado im Laufen.
„Ich weiß es nicht genau“, gestand Lukdan. „Ich hatte gehofft, sie irgendwann abhängen zu können, doch dazu müssten wir in die Stadt hinunter. Bald wird Uris aber die Glocke des Todes läuten und dann sind wir dort nicht mehr sicher.“
„Was ist die Glocke des Todes?“, fragte Yala. In diesem Moment fing die Erde unter einem gewaltigen Ton zu zittern an. Er hörte sich nicht dumpf oder gar bedrohlich an, sondern schlichtweg unangenehm. Ein heller, schiefer Klang erfüllte die Stadt, und Tado lief ein eisiger Schauer über den Rücken. Eine plötzliche Übelkeit ließ ihn sich über die Brüstung der Mauerkrone beugen und sich übergeben. Dies lag allerdings an einem jäh aufkeimenden Schmerz in seinem Bauch. Er ging jedoch schnell wieder in den Laufschritt der anderen über, um nicht den Anschluss zu verlieren, als die Erde ein weiteres Mal zu beben begann.
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