Diese Ansage erntete viel Zustimmung, und so entschloss man sich, sie stattdessen in eines der unterirdischen Verliese Akhoums zu werfen.
„Entwaffnet sie. Und bringt mir das Schwert“, war Uris’ letzter Befehl, bevor einige Männer auf die drei zuströmten. Tado gab seine Drachenklinge freiwillig her, er konnte sie sich schließlich jederzeit zurückholen, und auch Yala übergab den Dolch aus freien Stücken, bevor noch einer der Krieger auf die Idee kam, sie gründlich zu durchsuchen...
Als man sie schließlich gefesselt wegbrachte, sah Lukdan nicht unglücklich aus. Tado erkundigte sich nach dem Grund.
„Giful hat uns Zeit verschafft. Wir haben somit noch eine letzte Gelegenheit, unsere Leben zu retten“, antwortete er leise.
„Hast du schon einen Plan, wie wir das anstellen sollen?“, fragte Tado hoffnungsvoll.
„Leider nicht“, gestand der Krieger. „Die Verliese Akhoums gelten als überaus sicher. Bisher ist es noch keinem gelungen, lebendig dort herauszukommen.“
„Und warum hast du dann so gute Laune?“, fragte Yala ärgerlich.
„Du sagtest doch, du kennst einen Weg durch das Waffenlager. Vermutlich werden sie uns in eines der Verliese ganz in der Nähe schaffen, da alle anderen gestern Nacht mehr oder weniger zerstört wurden. Wenn es uns gelingen sollte, dort auszubrechen, können wir uns unbemerkt aus der Stadt schleichen.“
Einer der etwa hundert Krieger, die sie zum Gefängnis eskortierten, bemerkte, dass Lukdan mit den anderen beiden Gefangenen sprach und hieb ihm den Schaft einer Axt in den Rücken, verbunden mit der Aufforderung zu schweigen. Dies erwies sich als ein folgenschwerer Fehler. Der Getroffene drehte sich blitzschnell um und trat dem Soldaten gegen das Handgelenk der Hand, die die Waffe umfasste. Er ließ sie daraufhin unter einem Schmerzensschrei erschrocken fallen, und Lukdan ließ einen weiteren Tritt in den Magen folgen. Als der Krieger sich daraufhin nach vorne krümmte, versetzte er ihm einen solchen Schlag mit dem Knie ins Gesicht, dass der Getroffene bewusstlos zu Boden fiel. All das geschah innerhalb von ungefähr drei Sekunden, zudem waren Lukdans Hände auf dem Rücken gefesselt. Wenigstens offenbarte sich Tado nun der Grund, warum sie von gut hundert Männern bewacht wurden, eine Handvoll hätte der Krieger aus Akhoum vermutlich selbst in diesem Zustand ausgeschaltet. Die anderen Soldaten fanden nicht einmal mehr Zeit, einzugreifen, denn als der Mann, der ihm die Axt in den Rücken getrieben hatte, zu Boden sank, wandte sich Lukdan bereits wieder zum Gehen.
So verbrachten sie die Zeit bis zum Gefängnis schweigend. Das Verlies befand sich unter einem kleineren Turm, von dessen Erdgeschoss aus eine solch enge Wendeltreppe in einen dunklen Keller hinunterführte, dass einer der Soldaten, die ihnen vorausgingen, sogar für kurze Zeit stecken blieb. In dieser Situation konnte sich sogar Tado ein leichtes Grinsen nicht verkneifen. So dauerte es eine Weile, bis sie unten ankamen. Am Fuß der Treppe befand sich ein kleiner Raum, der von vier Zellen nahezu vollständig ausgefüllt wurde. Die vorangehenden Krieger machten den Gefangenen Platz und sperrten sie schließlich (allerdings nach dem Zwischenfall mit Lukdan keinerlei Gewalt anwendend) in separate Gefängnisse, allesamt an drei Seiten von steinernen Wänden, an der anderen von massiven Eisenstangen begrenzt, die sich jedoch nicht wie solche anfühlten. Man tauschte ihre Fesseln gegen Ketten aus dem gleichen Material aus.
„Das ist Drachenfels“, meinte einer der Soldaten hämisch, als er alle Türen zu den Zellen sorgfältig verschlossen hatte. „Genau wie die Gitterstäbe. Versucht also gar nicht erst, sie zu zerbrechen, ihr werdet es ohnehin nicht schaffen.“
Damit verließen die Krieger diesen Ort und die Gefangenen blieben allein zurück. Tado blickte zur leeren Zelle. Darin lag das Skelett eines Tieres. Eine Fackel erleuchtete den kleinen Raum und ließ auch die etwa zwei Meter langen und anderthalb Meter breiten Kerker in einem schwachen Licht erstrahlen. Durch die Gitterstäbe konnten die drei sich gegenseitig sehen.
„Das ist zwar nicht das Gefängnis, das ich erwartet habe, aber es ist dafür sogar noch näher am Waffenlager“, meinte Lukdan schließlich.
Irgendwie hatten er und Yala es geschafft, ihre gefesselten Arme vor den Körper zu bringen. Tado vermochte dies nicht, dafür war er zu ungelenkig.
„Was ist das hier für ein Verlies?“, fragte er schließlich. „Es sieht nicht aus, als ob es für Menschen gemacht wäre.
„Ich weiß auch nicht, wofür es ursprünglich gedacht war“, meinte Lukdan. „Aber in letzter Zeit brachten wir Tiere, die an unbekannten Krankheiten litten, hierher, damit sie niemanden ansteckten. Da drüben liegt noch eines davon.“
Er deutete auf die leere Zelle und Yala wurde bei dem Anblick übel.
Tado dachte über die Situation nach. Wenn die Gitterstäbe und ihre Fesseln wirklich aus Drachenfels bestünden, dann kämen sie hier ohne Weiteres heraus. Gleichzeitig bedeutete es allerdings, dass irgendjemand hier in Akhoum die Kräfte eines Magiers aus Telkor besitzen musste, denn niemand sonst vermochte das Gestein derart zu verformen. Dies bekräftigte ihn in seiner Annahme, dass Uris und der Lord des Feuers dem gleichen Volk angehörten.
„Was wird jetzt mit Akhoum passieren?“, fragte Yala plötzlich.
„Ich denke, dass Uris die Macht an sich reißen wird. Sie hat die höchste Stellung aller Minister“, antwortete Lukdan.
„Aber der Statthalter dieser Stadt wird doch gewählt“, entgegnete sie. „Das hat man mir jedenfalls einmal erzählt.“
„Das wird sie nicht daran hindern. Bei der letzten Wahl lagen sie und Herodun sehr weit vorne und er gewann schließlich knapp vor ihr. Diesmal wird sie die Wahl für sich entscheiden, erst recht, da sie die angeblichen Mörder des Statthalters, also uns, gefangen genommen hat.“
„Wenn das geschieht, ist dieses Land verloren“, sagte Tado plötzlich. Die anderen sahen ihn entgeistert an. „Uris gehört zum Volk von Telkor. Syphora ist mit Telkor verbündet. Wenn Telkor die Macht beider Reiche erhält, dann werden sie das Land unterwerfen.“
„Woher willst du das wissen?“, fragte Lukdan überrascht. „Und woher weißt du von Telkor?“
„Yala sagte dir doch, dass ich nicht aus Akhoum stamme. Ehrlich gesagt stamme ich gar nicht aus diesem Land, ja nicht einmal von diesem Kontinent. In meiner Heimat habe ich gegen einen der Magier aus Telkor gekämpft. Vielleicht erzähle ich dir irgendwann die ganze Geschichte, doch im Moment ist nicht die Zeit dazu. Uris benutzt und entfesselt ihre Zauber auf die gleiche Weise wie der Magier, gegen den ich vor kurzem kämpfte. Das identifiziert sie als Bewohner Telkors.
Beim gestrigen Angriff aus Syphora wurde ein Großteil der Streitmacht mit diesen sonderbaren Vögeln in die Stadt gebracht, die, wie du selbst sagtest, das Zeichen Telkors trugen. Außerdem gehörten Troks zu ihrem Heer, Wesen, die es nur auf Telkor gibt.“
Lukdan geriet ins Grübeln.
„Was du sagst, könnte stimmen“, meinte er schließlich. „Uris tauchte eines Tages plötzlich auf, und unter dem Vorgänger Heroduns, einem leicht zu beeinflussenden Mann, wuchs ihre Macht immer weiter, und sie selbst rief den Posten der Hohepriesterin ins Leben, die den Vorsitz über alle Minister haben sollte und setzte sich selbst als solche ein. Niemand weiß, woher sie stammt.
Aber warum sollte Telkor daran interessiert sein, dieses Land zu unterwerfen? Hier gibt es fast nichts als eine staubige Wüste, die wie ein Binnensee inmitten von sonderbaren Landschaften liegt, und wir haben kaum Bodenschätze, einzig das Ordanvorkommen bei den Tümpelschlingern könnte für sie von Interesse sein.“
Yala versuchte derweil, die Fesseln über ihre Handgelenke zu streifen, doch der Drachenfels fügte ihr nur einige blutende Schrammen zu, und so ließ sie es bleiben.
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