„Was du sagst, klingt in meinen Ohren zwar furchtbar, aber nicht sehr glaubhaft“, meinte Igaldar. „Welchen Nutzen sollte Uris haben, Herodun zu töten? Sie hat sich immer für seine Belange und die von Akhoum eingesetzt.“
„Sie gehört zu Telkor“, antwortete Tado an Lukdans Stelle. Igaldar sah entsetzt zu ihm herüber.
„Diese Anschuldigung übertrifft sogar die des Verrats an Herodun!“, rief er aus. „Telkors finstere Macht übertrifft alles andere auf der Welt, wenn wirklich einer von ihnen bereits so tief in diese Lande vorgedrungen wäre, dann würde alles hier dem Untergang geweiht sein. Furchtbare Katastrophen zögen über den Kontinent hinweg. Doch nichts dergleichen ist bisher geschehen.“
Yala deutete in den Himmel, aus dem noch immer zahlreiche Wassertropfen fielen und den trockenen Boden allmählich aufweichten.
„Kommt euch der Regen nicht auch merkwürdig vor?“, fragte sie. „Das ist heute schon das zweite Mal, wo doch sonst kaum mehr als einmal im Monat Wasser vom Himmel fällt. Außerdem ist uns auf dem Weg hierher ein Tornado begegnet.“
„Ein Tornado?“, unterbrach Igaldar sie. „Der letzte, den ich erlebt habe, ist fünfundzwanzig Jahre her. Das verheißt in der Tat nichts Gutes.“
Er überlegte kurz.
„Angenommen, eure wirren Anschuldigungen entsprächen der Wahrheit. Meine Späher berichteten, dass es Uris war, die in der Schlacht einen Schutzzauber um Akhoum warf und es so vor dem Untergang rettete.“
„Sie will Akhoum regieren, und es nicht zerstören“, sagte Lukdan.
„Also gut. Ich werde über eure Botschaft nachdenken, doch im Moment berauben mich diese Gedankenspiele zu sehr meiner Zeit.“
Igaldar wollte sich zum Gehen abwenden, doch der Krieger aus Akhoum hielt ihn zurück.
„Uris oder einige ihrer Schergen werden bald hier eintreffen“, sagte Lukdan. „Egal, was sie euch erzählen, schenkt ihren Worten keinen Glauben. Die Hohepriesterin wird euch eine andere Geschichte vom Tod Heroduns auftischen, doch sie ist nicht wahr.“
Igaldar wandte sich wortlos um und ging.
„Ob er uns glaubt?“, fragte Yala, nachdem er außer Hörweite war.
„Nein“, antwortete Lukdan. „Im Moment zweifelt er vielleicht an Uris, doch sobald sie hier auftaucht, wird sich seine Meinung ändern, denn sie kann sehr überzeugend sein.“
„Was machen wir jetzt?“, fragte Tado.
„Schlafen“, lautete die kurze Antwort des Kriegers von Akhoum, der sie anschließend über einige Brücken führte und ein augenscheinliches Gästehaus ansteuerte. Dort trafen sie einen völlig überraschten Wirt, der gerade die Eingangstür schließen wollte. Für einen geringen Preis erhielten sie ein freies Zimmer.
„Wo hast du all das Geld her?“, wollte Tado wissen, nachdem Lukdan mit einigen Münzen aus einem weiteren Beutel bezahlt hatte.
„Es stammt noch von unserem Auftrag. Herodun schien wohl zu wissen, dass die Tümpelschlinger irgendetwas im Schilde führten, und scheute keine Kosten, um den Schild in unseren Besitz zu bringen.“
Im Zimmer herrschte absolute Dunkelheit. Es gab kein Fenster, nur einen etwa handbreiten Schacht, der wohl in einer Art Schornstein enden musste und durch den ständig kalte Luft ins Innere strömte. Tado rief die Drachenklinge herbei, und in der Finsternis begann sie wie gewohnt zu leuchten. Er entdeckte einige Kerzen, die sie entzündeten, und außerdem eine Karaffe mit Wasser, sodass er seinen Durst stillen konnte. Auch ein Apfel fand sich. Sie schliefen bald darauf ein.
* * *
Vielleicht lag es an dem kurz vorher gegessenen Obst, dass Tado mitten in der Nacht plötzlich aufwachte oder aber einfach daran, dass ihn wieder ein ungutes Gefühl der Gefahr heimsuchte. Er stand leise auf, um etwas zu trinken, und im schwachen Licht einer der noch nicht völlig heruntergebrannten Kerzen sah er, dass aus dem schmalen Schacht feiner gelber Staub in das Zimmer hereinströmte. Er überlegte kurz, warum ihm dies bekannt vorkam, und erinnerte sich schließlich daran, so etwas bereits im Finsteren Wald erlebt zu haben. Schnell weckte er Lukdan und Yala.
„Was ist los?“, fragte Ersterer.
Tado deutete auf den schmalen Schacht.
„Pollen des Schlafkrauts: Wenn man sie einatmet, wird man in eine tiefe Ohnmacht fallen, die mehrere Stunden andauern kann“, sagte er.
„Was hat das zu bedeuten?“, wollte Yala wissen, während sie sich ein Tuch vor Mund und Nase hielt.
„Vermutlich ist Uris eingetroffen“, meinte Lukdan. „Es fragt sich nur, wie sie uns hier gefunden hat.“
Er ergriff seine Waffen und ging zur Tür.
„Das ist meine Schuld“, gestand Tado. „Sie muss die Magie meines Schwerts gespürt haben.“
Sie alle standen nun an dem kleinen Einlass zu ihrem Zimmer.
„Auf dem Gang draußen sind Wachen“, sagte Lukdan. „Geht ein Stück zur Seite.“
Sie befolgten seine Anweisung. Der Krieger machte seinerseits einen Schritt zurück und trat dann mit aller Kraft gegen das Schloss. Die Tür flog aus den Angeln und begrub einen dahinter stehenden Soldaten unter sich. Die Gefährten stürmten nach draußen. Sie sahen zwei weitere Männer auf sich zu kommen. Als sie die Treppe hinunterblickten, stand dort Uris. Sie schien noch keine Notiz von ihnen genommen zu haben. Somit war ihnen jedoch der Rückweg versperrt. Yala entdeckte ein Fenster auf dem jenseitigen Ende des Gangs, das vermutlich nach draußen führte. Sie machte die anderen darauf aufmerksam, und anstatt den Kampf mit den beiden näher kommenden Wachen aufzunehmen, begaben sie sich zu diesem improvisierten Ausgang. Das Fenster ließ sich leicht öffnen. Sie befanden sich zwar im zweiten Stock, doch die Höhe war nicht ihr vorwiegendes Problem: Wie alle anderen Gebäude in Aldostris befand sich auch dieses Gasthaus sehr dicht am Rand der Klippen, und auf der Seite, auf der das Fenster lag, trennte nur ein schmaler Streifen von rund einem Meter Breite die senkrechte Wand vom tödlichen Abgrund. Während Yala zuerst hinunterkletterte und Tado versuchte, angesichts ihrer derzeitigen Situation nicht in Panik auszubrechen, hielt Lukdan die beiden Wachen in Schach. Dies zog jedoch die Aufmerksamkeit Uris’ auf sich und sie beeilte sich, die Treppen hinaufzusteigen.
Derweil landete Yala sicher auf dem schmalen Pfad und Tado begann mit dem Abstieg. Auch er kam relativ schmerzfrei unten an. Lukdan schaffte es, die Wachen ein Stück zurückzudrängen, doch als er sich zum Fenster wandte, traf ihn ein Zauber Uris’ und er wurde von einer unsichtbaren Macht erfasst und davon geschleudert, hinaus aus der Öffnung in der Wand. Er mochte die Wucht des Stoßes durch einen Griff an den Rahmen etwas zu mildern, doch er konnte es nicht verhindern, rücklings in den Abgrund zu fallen. Seine Säbel verlor er, sie landeten dicht neben Yala, die das Ereignis mit Schrecken verfolgte, auf dem Boden. Lukdan flog über den Klippenrand hinaus und Tado bekam in letzter Sekunde seinen Arm zu fassen, er vermochte den Schwung, den der Krieger durch Uris’ Zauber erhalten hatte, zu bremsen und der Fallende drohte nun senkrecht in den Abgrund zu stürzen. Sein Körper prallte gegen die Felswand und Tado würde ihn nicht mehr lange halten können. Lukdan war größer und schwerer als er und das Gewicht zog ihn in Richtung Klippe. Er lag bereits flach auf dem Boden, doch besaß er nicht die Kraft, ihn heraufzuziehen.
„Yala, gib mir meine Waffe!“, rief der Krieger ihr zu.
Sie warf einen seiner Säbel in seine Richtung und Lukdan fing ihn auf, in dem Moment, in dem Tados Kräfte erschöpften und seine Hand vom Arm des Fallenden abrutschte. Dieser stieß die Klinge in die feste Wand der Klippe, und sie bremste seinen Sturz vollends, etwa zwei Meter unterhalb des Bodens, auf dem die anderen sich befanden. Yala warf ihm seinen zweiten Säbel zu, und so gelang es Lukdan, Stück für Stück hinaufzuklettern. Uris erreichte derweil das Fester, und als sie sah, dass ihr Zauber versagt hatte, entfesselte sie einen zweiten, diesmal, um sie alle Drei zusammen in den Tod zu werfen. Eine gleißende Welle strömte auf sie zu, doch Tados Wut war durch den Beinahe-Tod des Kriegers aus Akhoum geschürt worden. Er führte mit der Drachenklinge einen Hieb gegen den magischen Angriff aus, und der helle Schein wurde zurückgeworfen, traf Uris und die Wachen und schleuderte sie meterweit in den Gang hinein, in dem sie sich noch immer befanden.
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