Tado saß, oder besser gesagt schwebte derweil in der Klemme, denn der ihn traktierende Skorpion riss ihn in diesem Moment in die Höhe; und so sehr er es auch versuchte, konnte er die Scheren des linken Armes der Kreatur, die ihn festhielt, keinen Millimeter auseinanderdrücken, sodass ihm schon bald die Luft wegblieb. Sein Gegner schien es hingegen nicht für nötig zu halten, vom Giftstachel Gebrauch zu machen, stattdessen führte er den nahezu Bewegungsunfähigen zu seinem beängstigend großen Maul, in das Tado zwar nicht vollständig hineinpassen würde – wenn der Skorpion ihm aber den Kopf abbisse, müsste er das auch gar nicht.
Lukdan entkam im letzten Moment dem Griff eines Scherenarms und rollte sich danach zur Seite, um außer Reichweite des Giftstachels zu gelangen. Dies erwies sich als unmöglich, da sein Gegner die gleiche Distanz in kürzerer Zeit überwand. Der Krieger vermochte keinen einzigen Angriff mehr seinerseits auszuführen, und als er versuchte, einen Schwanzschlag des Skorpions zu parieren, schleuderte ihn dieser törichte Versuch einige Meter weit weg, ganz in die Nähe des verdorrten Baumes.
Dort erdolchte Yala gerade einen Leichenpicker, der ihr ein Auge auszuhacken versuchte. Sie sollte sich dringend eine ordentliche Waffe zulegen, dachte sie bei sich, sonst würde sie den Weg bis Syphora, sofern sie diese Schluchten überhaupt überwinden konnten, womöglich nicht überleben. Die grausigen Vögel ließen aufgrund ihrer heftigen Gegenwehr von ihr ab, und diese Gelegenheit nutzte der dritte Blutskorpion (der bisher – um Konkurrenzkämpfe zu vermeiden – seinen Artgenossen nur zugesehen hatte), um sie und Lukdan anzugreifen. Er setzte dazu an, sie beide zugleich mit seinem Giftstachel aufzuspießen.
Tado ließ die Drachenklinge in seiner rechten Hand entstehen, nachdem er diese unter Schmerzen und mit einer Fleischwunde bezahlend aus dem Scherengriff des Skorpions hatte befreien können. All dies geschah innerhalb der einen Sekunde, die die Kreatur benötigte, um ihn in die Luft zu heben und zu ihrem Maul zu führen. Kurz bevor die dort befindlichen, schauerlichen Zähne ihn zerfleischten, ließ er das Schwert auf den Panzer Scherenarms krachen. Es zeigte nicht die gewünschte Wirkung, denn die Klinge prallte einfach ab und wäre ihm fast aus der Hand geflogen. Dennoch schien dieser Angriff dem Wesen nicht gefallen zu haben, es entschied sich dazu, sein Opfer von den ungepanzerten Stellen seines Gesichts fernzuhalten und ließ stattdessen seinen Giftstachel pulsieren, um ihm in wenigen Sekunden die vermutlich tödliche Flüssigkeit zu verabreichen.
Yala sah den Angriff nicht kommen, und das mehr als fingerbreite Tötungswerkzeug des Blutskorpions bohrte sich tief in ihre Seite. Lukdan konnte im letzten Moment ausweichen und durchstach geistesgegenwärtig die Blase unterhalb des Stachels, in der sich das Gift befand, dennoch hatte ihr Gegner bereits eine kleine Menge der Flüssigkeit injizieren können. Yala begannen die Sinne für einen Moment zu schwinden, die Welt fing an, sich um sie herum zu drehen. Dunkle Schleier der Ohnmacht versuchten sich über sie zu werfen. Mit großer Mühe drängte sie sie zurück, sah aus den Augenwinkeln, wie Lukdan von dem erzürnten Skorpion empor gerissen wurde und der noch andere, noch freie Scherenarm des Wesens sich nun in ihre Richtung ausstreckte.
Tado versuchte hastig, eines der Gelenke des Scherenarms zu treffen. Als das Vorhaben tatsächlich gelang, stieß der Skorpion einen unangenehmen Schrei aus, öffnete reflexartig die Schere und er fiel heraus. Auf dem Boden konnte er sich durch eine Seitwärtsrolle geradeso vor dem Giftstachel der Kreatur, die vor Kurzem noch Lukdan angegriffen hatte, in Sicherheit bringen. Aus dem Augenwinkel sah er, in welcher misslichen Lage sich der Krieger aus Akhoum und Yala zurzeit befanden. Sein Schwert war ihm bei seiner eigenen Befreiungsaktion aus der Hand gerissen worden, und er schätzte nun schon zum zweiten Mal innerhalb einer einzigen Minute die Fähigkeit, die ihm der Goblin damals beigebracht hatte. Seine beiden Kontrahenten griffen nun unablässig mit ihren Scherenarmen nach ihm oder versuchten, ihn mit ihrem Giftstachel zu treffen. Das sich anschließende Ausweichspiel würde er nicht sehr lange durchhalten, dafür machten ihm seine Wunden im Bauch und auf dem Handrücken noch zu sehr zu schaffen. Ein Plan reifte jedoch in seinem Kopf, als er sah, mit welcher Wucht die Blutskorpione ihren Schwanz zu bewegen wussten. Er versuchte, sich einer der beiden Kreaturen zu nähern. Doch egal wie schnell er auf sie zuging, sie wich ebenso schnell zurück und griff ihrerseits mit den Scherenarmen nach ihm. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er erneut in diese potenziell tödliche Falle geraten würde und dann nicht mehr mit dem Leben davonkäme.
Yala bewegte sich mit letzter Kraft, denn sie spürte, wie das Gift die Energie aus ihrem Körper entweichen ließ, ein Stück zur Seite und entging den gewaltigen Klauen des Skorpions. Dieser bekam stattdessen den verdorrten Baum zu fassen und dessen Stamm zersplitterte größtenteils unter dem Scherenarm. Die Leichenpicker flogen hastig auf und setzten sich auf einige naheliegende Felsentrümmer, die vermutlich von den Klippen Aldostris’ herabgestürzt waren.
Lukdan spürte indes einen zunehmenden Druck auf seine Organe, denn nachdem Yala seinem Angriff entging, hielt er ihn noch fester in der riesigen Schere umklammert. Zwar hatte der Krieger einen Arm frei, doch sein Säbel vermochte den Panzer des Wesens nicht zu verletzen und er kam an keine ungeschützte Stelle heran. Wenn er nicht bald Hilfe bekäme, dann würde er zerquetscht werden.
Tado bekam den Schwanz eines Blutskorpions zu fassen und klammerte sich daran fest. Die Kreatur warf ihn in die Luft und versuchte gleichzeitig, ihn mit den Scherenarmen zu fassen. Da sein Artgenosse den gleichen Gedanken hatte, behinderten sich die gewaltigen Klauen gegenseitig und Tado fiel ungebremst auf den Rücken eines der Ungeheuer. Er verdrängte den ungeheuren Schmerz, der sich in seinem Körper ausbreitete. Seine Finger umfassten den Rand eines der Panzersegmente, doch als der Blutskorpion sich aufbäumte, wurden sie eingeklemmt und es glich einem Wunder, dass er sie sich nicht brach. Die Kreatur versuchte, ihn abzuschütteln, wand sich mit großer Geschwindigkeit und er musste alle Kraft aufbringen, um nicht hinuntergeschleudert zu werden; das Wesen vermied es jedoch, mit seinem Stachel nach ihm zu stochern. Nicht so sein Artgenosse. Der zweite Blutskorpion ließ seine giftige Waffe auf ihn herab fahren. Da dies Tados Plan gewesen war, fiel es ihm leicht, dem Angriff auszuweichen, und so bohrte sich die Schwanzspitze zwischen zwei Panzersegmente des ersten Blutskorpions. Dieser schrie entsetzlich auf, wand sich noch stärker, doch der Stachel hatte sich fest verkeilt. Tado trat gegen die Giftblase, und als die Flüssigkeit in den Körper der getroffenen Kreatur geriet, hob sie für einen Moment vom Boden ab und versuchte, mit ihren Scherenarmen den Schwanz des anderen Skorpions von sich zu lösen. Dies endete darin, dass er seinem Artgenossen den gesamten Körperteil im Todeskampf vollständig abtrennte. Nun ließ auch der zweite Angreifer einen Schrei vernehmen und entfernte sich einige Schritte. Der vergiftete Skorpion brach derweil zusammen und Tado stieg vorsichtig von dessen Rücken herunter. Wie es sich herausstellte, war die Kreatur, die ihn noch vor Kurzem scheinbar im Todesgriff hielt auch diejenige, die nun keinen Schwanz mehr besaß. Nachdem er ihr vorhin das Schwert in eines der Gelenke des Scherenarms gestochen hatte, schien auch dieser nicht mehr zu gebrauchen zu sein. Dies erklärte, warum sich das verstümmelte Wesen nun in den Nebel zurückzog. Tado mochte zwar keine übermenschlichen Kräfte wie Lukdan haben, aber dennoch war er letztendlich trotz der Überzahl und körperlichen Übermacht seiner Gegner siegreich und relativ unverletzt aus der Auseinandersetzung hervorgegangen.
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