Den restlichen Nachmittag verbrachte ich mit der Frage, wie ich Lea denn ansprechen sollte. Es war nicht so, dass ich etwas zu verlieren hätte, wie beispielsweise Beliebtheit, aber alleine bei dem Gedanken direkt vor ihr zu stehen und ihre volle Aufmerksamkeit zu haben, wurde mir schon übel. Vielleicht würde es sie beeindrucken, dass ich mich traute sie anzusprechen? Oder vielleicht entdeckte sie in mir einen besonderen Menschen? Aber mal ehrlich, ich hatte auf direktem Wege keine Chance bei ihr zu landen. Gut, laut Wette musste ich sie ja nur ansprechen, aber um die Wette ging es mir nicht. Ich wollte es endlich wagen, das einzufordern, was ich begehrte. Und zwar dieses bildschöne Mädchen. Mal davon abgesehen, dass ich es sowieso satt hatte mir auf Pornos einen runterzuholen. Ich glaube, es gab keinen Menschen in Deutschland, der mehr kostenlose Internetpornoseiten kannte als Leonard und ich. Es wurde also mal langsam Zeit für ein echtes Mädchen und echten Sex. Dass ich mir gleich den Mount Everest der Frauen ausgesucht hatte, machte die ganze Sache „ein wenig“ schwerer, untertrieben ausgedrückt.
Wir saßen am Küchentisch und meine Mutter servierte das Essen: Schnitzel mit Pommes. Einfach, aber verdammt schmackhaft. Meine Mutter konnte wirklich gut kochen. Mir gefiel ihr Essen. Mein Vater hingegen hatte immer etwas auszusetzen. "Letzte Woche haben wir auch schon Schnitzel gegessen." merkte er an. "Mag sein, aber Wilhelm schmeckt es." Sie lächelte mich an und mein Vater erwiderte nichts mehr darauf. Meine Eltern verstanden sich schon lange nicht mehr, auch wenn meine Mutter sehr darum bemüht war, ihre Streitigkeiten vor mir zu verbergen. Sowas ließ sich aber nicht verbergen. Am Anfang hatte es mir noch zu schaffen gemacht, aber ändern konnte ich daran nichts und so hatte ich mich immer in mein Zimmer zurückgezogen und Computer gespielt wenn sie sich wieder stritten. Ich liebe Computerspiele. Man vergisst dabei all seine Probleme und die Gedanken beschäftigen sich nur mit der virtuellen Welt, in welcher man sich befindet. Deswegen verbrachte ich auch den Großteil meiner Freizeit mit Computerspielen. Das Essen wurde von oberflächlichen Gesprächen begleitet. Meine Mutter fragte mich wie immer, wie es in der Schule gewesen war und ich antwortete wie immer mit „gut“. Mein Vater beschwerte sich wie immer über die Arbeit und wie jedes Mal dachte ich mir, warum er denn Speditionskaufmann geworden sei, wenn ihm die Arbeit nicht gefiel. Ich war mit dem Essen nicht ganz fertig, aber schon satt. Also stand ich vom Tisch auf und machte mich daran die Reste in den Müll zu schmeißen. "Für das Essen, das du gerade wegschmeißt, arbeite ich hart!" protestierte mein Vater. "Ich bin aber schon satt, was soll ich denn sonst mit den Resten machen?" erwiderte ich genervt. Ihm ging es gar nicht um das Essen, er suchte nur wieder einen Grund zum Streit. "Dir ist das natürlich egal. Du hast keine Ahnung was Arbeit bedeutet; sitzt den ganzen Tag vorm Computer und tust gar nichts." Meine Mutter schaltete sich ein. "Peter, jetzt brauchst du nicht wegen einem Schnitzel einen solchen Aufstand machen." Sie klang beschwichtigend, aber mein Vater steigerte sich nur noch mehr hinein. "Du kannst mal ganz still sein mit deinem Halbtagsjob!" Meine Mutter arbeitete halbtags in einer Arztpraxis; kümmerte sich aber um den gesamten Haushalt. "Mama arbeitet mehr als du und jammert nicht halb so viel herum!" Ich konnte es einfach nicht länger zurückhalten. Mein Vater kritisierte immer alle und das ohne jeglichen Grund. Es war als ob er seinen ganzen Frust auf mich und Mutter übertragen wollte. "Was hast du gesagt?" Er stand auf und kam auf mich zu. Seine Stimme klang bedrohlich. Mein Vater hatte nie davor zurückgeschreckt mich zu verprügeln, wenn ihm etwas an mir nicht passte. Aber das war mir jetzt egal, ich war wütend auf ihn und wollte es ihn auch spüren lassen. "Ich habe gesagt, dass du ein Jammerlappen bist!" Sofort verpasste er mir eine Ohrfeige. Ich steckte sie ein ohne mit der Wimper zu zucken. "Natürlich. Kritisieren und prügeln, was anderes kannst du nicht." Sein Gesicht war rot vor Zorn und diesmal hätte er mich mit der Faust geschlagen, hätte ihn meine Mutter nicht zurückgehalten. Ich verschwand daraufhin sofort in meinem Zimmer und sperrte hinter mir ab. Kurz darauf hämmerte er mit seinen Fäuste gegen die Tür und rief ich solle aufmachen, beschimpfte mich und drohte mir. Ich blieb aber einfach nur in meinem Bett liegen und starrte zur Decke. Nach einiger Zeit ließ er ab von der Tür und es war zu hören wie er sich weiter mit Mutter stritt. In diesem Moment hasste ich ihn. Aber der Hass verflog schnell und eine dumpfe Erkenntnis trat an dessen Stelle: Mein Vater war mir gleichgültig. Nie hatte sich eine richtige Beziehung zwischen uns aufgebaut. Wir sprachen auch so gut wie nie miteinander, außer wenn er mich wieder kritisierte. Er interessierte sich nie für meine Schule, für meine Freunde oder wie ich mich überhaupt fühlte. Wenn es nach ihm gegangen wäre, wäre ich auf die Hauptschule gegangen und hätte nach der neunten Klasse irgendeine Lehre angefangen, damit ich so schnell wie möglich selbstständig werde und keine finanzielle Last mehr für ihn mehr darstelle. Und um ehrlich zu sein, ich interessierte mich auch nicht für ihn und ich fand es nicht einmal schlimm. Dieser Mann war mir egal. Wir waren nicht mehr als zwei Menschen, die zufälliger Weise zusammenlebten. Aber das machte mich in diesem Moment nicht einmal traurig. Ich war traurig weil ich alleine war; weil ich ein so dringendes Bedürfnis hatte von einem Mädchen geliebt zu werden, dass es weh tat. Es tat weh, weil sich keine für mich interessierte, weil ich das Gefühl hatte, nichts wert zu sein, ein Niemand. In Momenten wie diesen ließ ich meiner gesamten Schwäche freien Lauf, weinte, bemitleidete mich und machte Gott für alles verantwortlich. Als es vorbei war, fühlte ich mich besser und setzte mich an den Computer.
Am nächsten Tag in der Pause wartete ich nur darauf Leo zu erzählen, was ich geplant hatte. Ich hatte mir die ganze letzte Nacht lang Gedanken gemacht, wie ich Lea für mich gewinnen konnte und der Plan war gut. "Und, hast du Lea schon angesprochen?" Er fragte mich mit einem Grinsen das sagte 'Ich weiß, dass du sie nicht angesprochen hast und sie auch nie ansprechen wirst.' "Lea Rosenregen spricht man nicht einfach so an. Das muss alles ganz genau geplant sein." Leo zog überrascht die Brauen hoch und ich fuhr fort. "Schau, Mädchen legen großen Wert darauf, dass ihr Kerl sozial anerkannt ist. Also cool. Auch wenn ein Mädchen einen Typen hässlich findet, aber dreißig andere Mädchen den geil finden, wird sie ihn nehmen. Ganz einfach, weil ihr die Anerkennung der Gesellschaft wichtiger ist, als alles andere. Anders herum kann ein Kerl gut aussehen, aber ein Mädchen würde niemals etwas mit ihm anfangen, wenn er als uncool gilt und sich die anderen über sie lustig machen würden, aus welchem Grund auch immer. Natürlich ist das eine sehr grobe Theorie; es hängt auch sehr vom sozialen Stand des Mädchens ab. Es ist genau wie mit dem Adel früher, man heiratet nur untereinander. Lea würde also nie etwas mit einem aus der Skaterclique anfangen, solange er nicht von ihrer Elitenclique anerkannt ist. Verstehst du was ich sage?" Leo hatte aufmerksam zugehört. Das war etwas was ich an ihm sehr mochte. Man konnte wirklich über alle Themen und verrückten Ideen, die man hatte, mit ihm reden. Er hatte Köpfchen und konnte allen Gedankengängen folgen. "Klingt interessant du Hobby-Soziologe und ich stimme dir auch zu. Die meisten Menschen finden etwas gut, weil es die Masse sagt und nicht weil sie selbst es gut finden. Aber was ist dein Plan mein Freund?" fragte er. "Ich werde mich von ihrer Gesellschaftsschicht anerkennen lassen." antwortete ich entschlossen. "Du, Wilhelm Rauter, meinst, dass die Eliten dich als einen der ihren anerkennen werden? Und wie willst du das anstellen, wenn ich fragen darf?" Er klang skeptisch, was ich absolut nachvollziehen konnte. "Das Leo, weiß ich noch nicht." Der Gong beendete die Pause.
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