„Er liegt hier vorne, über dem Eingang.“
Matt ging an der Dachkante entlang zu dem Tatort. Dort lag ein Mann mit dem Gesicht auf dem Boden in einer Blutlache. Ein Pfeil ragte aus seinem Rücken auf. Professionell musterte Matt den Tatort. Der Pfeil war durch den Rücken in sein Herz eingedrungen.
„Der Schütze stand da oben.“ Matt zeigte auf den Vorsprung hinter dem Opfer. „Wissen wir irgendetwas über Morde mit einem Compoundbogen?“, fragte Matt.
„Nicht in dieser Gegend“, antwortete Michael.
„Okay, James soll die Datenbank nachher auf Morde oder versuchte Morde mit so einer Waffe durchsuchen.“
„Alles klar“, sagte James, ein junger Agent auf Probe. James war das genaue Gegenteil von Michael; er war klein mit rabenschwarzem Haar und hatte einfache Streetwear an.
Er hatte gerade den Tatort betreten und blieb angewidert vor der Blutlache stehen. „Das ist eine ungewöhnliche Mordwaffe“, sagte er.
Matt hockte sich hin und roch an dem Toten. Dann streifte er sich Handschuhe über und untersuchte seine Handgelenke.
„Er hatte vor kurzem Spice genommen, wahrscheinlich um sich zu beruhigen.“
„Spice? Die neue Modedroge?“, fragte Michael.
„Ja, er hat sie intravenös genommen. Am Handgelenk. Ungewöhnlich, äußerst ungewöhnlich.“
Matt stand wieder auf. Der Gerichtsmediziner Dean Tiberius kam mit seinem Assistenten zu dem Tatort.
„Den hat es erwischt. Na ja, er hat es nicht mehr mitbekommen. Er war sofort tot“, sagte Tiberius. Er hockte sich neben die Leiche und drehte sie um. Die Pfeilspitze ragte aus der Brust. Sie war blutgetränkt.
„Er hat es mitbekommen. Allerdings war es zu spät“, sagte Matt. „Seht ihr diese Löcher in der Spitze?“ Matt zeigte auf vier Löcher.
„Sie erzeugen ein hohes Pfeifen beim Abschuss.“
„Stimmt, armer Kerl. So einen Tod hat er nicht verdient.“
Matt wandte sich von der Leiche ab und schaute zu dem Vorsprung, auf dem der Schütze gestanden hatte.
„Der Schütze war etwa ein Meter siebzig groß“, sagte Matt.
„Wie kommst du darauf?“, fragte James.
„Der tote Soldat war etwa zehn Zentimeter größer und der Pfeil saß auf Höhe von dem Herzen. Der Pfeil war mit einem Winkel von etwa sechzig Grad eingedrungen. Folglich wurde der Pfeil aus einer Höhe von achteinhalb Metern Höhe abgeschossen. Da der Vorsprung, auf dem er stand, aber nur etwa sieben Meter hoch ist, muss er um die eins siebzig groß sein“, führte Matt seine Argumentation aus.
James sah ihn mit großen Augen an. Er kannte Matt erst zwei Wochen und sah selten die Genialität des Ermittlers. Er konnte Tatorte in Sekunden analysieren.
„Ohhh“, war alles, war James, hervorbrachte.
„Unsere Arbeit hier ist getan, ab nach Hause. Morgen treffen wir uns zu einer Lagebesprechung“, sagte Matt und wandte sich zum Gehen. Plötzlich fiel ihm etwas unter einem Belüftungsrohr auf. Er kniete sich nieder und zog eine Papierakte hervor. Vorne war das Zeichen den UNSC und die Worte Top Secret – Authorized Personnel Only drauf. Was haben wir denn hier?, fragte Matt sich. Er schlug die Akte auf. Doch sie war leer. Nur der Pappumschlag war noch da.
„Leute, wurde der Soldat bereits identifiziert?“, fragte Matt.
„Ist alles streng geheim, das UNSC hat alles klassifiziert“, antwortet Michael. „Das Scheiß-Militär behindert unsere Ermittlungen. Wir haben bereits bei Admiral Baker angefragt, aber sein Aktionismus hält sich in Grenzen. Wieso fragst du?“
„Hab eine streng geheime Akte gefunden. Sie ist leer. Ich muss sofort seine Identität wissen“, antwortete Matt.
Michael ging zu ihm und starrte auf die Akte.
„Der Mörder hat die Akte, oder? Das ist dann wahrscheinlich das Mordmotiv.“
„Denke schon. Mach du diesem Admiral Druck, ich werde nach Hause fahren und dort über die Akte brüten.“
Matt nahm die Akte und ging zu seinem Wagen zurück. Dann fuhr er nach Langley zurück.
Nach einer Viertelstunde kam er bei seiner Wohnung, einem Apartment in einem modernen Wohngebäude, an der Ecke Long Meadow Road und Perry William Drive an. In der Vorstadt standen früher nur Einfamilienhäuser, die allerdings irgendwann um 2160 herum fast komplett plattgemacht wurden und durch moderne Wohnhäuser und Apartmentgebäuden
ersetzt wurden. Matts Apartmenthaus war sechsstöckig, eine Seltenheit. Die meisten Gebäude in Langley waren zwei- oder dreistöckig.
Er parkte seinen Wagen in der Tiefgarage und ging zu seiner Wohnung.
Matt schloss die Tür auf und betrat die Wohnung. Ein kleiner Flur führte in die Küche mit angeschlossenen Wohn- und Essbereich. Ein kleines Bad lag links von der Haustür und sein Schlafzimmer rechts.
Matt hängte seine Jacke an den Haken und ging in seinen Wohnraum. Eine große, weiße Wand war dort, wo eigentlich ein Fernseher sein sollte. Er ging zu der Wand und hängte die Akte in die Mitte. Dann schrieb er mit Edding Grund für den Mord darunter.
Kurz betrachtete Matt den leeren Aktendeckel, dann ging er zu seinem Laptop, der auf dem Küchentisch lag und fuhr ihn hoch. Er loggte sich in das Netzwerk des IBI ein und griff auf die neuesten Dateien im Mordfall Akte, wie er ihn nannte, zu. Das einzige, was er fand, waren Bilder des Toten und des Tatortes. Also druckte Matt sie aus und hängte sie an die Wand. Mit roten Strichen verband er das Bild des Opfers mit der
Akte und dem Tatort. Er setzte ein Fragezeichen unter das Opfer und neben die Akte, dann ging er ins Bett.
IBI-Hauptquartier, Langley 6:12 EZ
Matt betrat das Büro seines Teams und schaute sich um. Noch war keiner da. Ihr Büro war nicht sonderlich groß, der größte Teil wurde durch vier Schreibtische eingenommen. Auf jedem stand ein Computer mit Holomonitor. Zusätzlich lagen auf Ivorys Schreibtisch noch ein Laptop und ein Pad, während Michaels penibel aufgeräumt war. Nur James und Matts Schreibtisch waren ein absolutes Chaos. An einer Wand hing ein Holoschirm.
Matt setzte sich an seinen Schreibtisch und starrte auf den leeren Holoschirm. Kurze Zeit später betrat Michael den Raum.
„Morgen Boss. Gestern über den Fall nachgedacht?“, fragte er direkt.
„Morgen. Nicht wirklich. Ich hab nur die Mindmap erstellt. Alles dreht sich um die Akte“, antwortete Matt.
Michael setzte sich an den Schreibtisch, der Matt gegenüber stand.
„Ich werde dann mal den Admiral weichklopfen. Gestern war er nicht mehr zu erreichen“, sagte Michael. Er nahm das Telefon in die Hand und begann zu telefonieren. Offenbar war der Admiral nicht sehr erfreut über die Bitte, da Matt hören konnte, wie er hitzig antwortete, auch wenn er die Worte nicht verstand.
„Hören Sie, Sir. Ich weiß, dass das die höchste Geheimhaltungsstufe ist, aber einer ihrer Männer wurde ermordet und wir sind für den Fall zuständig. Außerdem haben wir ihn mit einer leeren Geheimakte gefunden. Wir müssen wissen, was der Inhalt war“, antwortete Michael ebenfalls hitzig.
Kurz war gar nichts zu hören, dann antwortete Baker.
„Danke, Sir! Sie haben uns gerade unsere Arbeit erleichtert“, sagte Michael und legte das Telefon auf. „Der Admiral schickt den kommandierenden Offizier des Toten vorbei. Trotzdem weiß er nicht, welche Akte verschwunden ist. Und es könnte bis zu vierzehn Tage dauern, herauszufinden, welche fehlt.“
„Na toll. Wir werden hier an jeder Ecke aufgehalten“, stöhnte Matt.
In dem Moment betrat James gemeinsam mit Ivory Kirk das Büro. Ivory war die Spezialistin des Teams. Es gab kaum ein Rechner, den sie nicht knacken konnte. Ihr blondes Haar hatte sie zu einem Zopf zusammengebunden.
„Morgen Boss“, grüßten beide.
„Morgen. Setzen, Lagebesprechung“, sagte Matt. Die beiden setzten sich an ihre Schreibtische. Matt schaltete den Holoschirm an. Er zeigte eine digitale Nachahmung der Mindmap, welche er gestern Abend erstellt hatte. Matt stand auf und ging zum Schirm.
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