Keine Reaktion, keine Antwort. Stefan war alleine im Haus, zumindest schien es so. Er nahm die Sanduhr und stellte sie auf eine Fensterbank. Dann verschloss er die Fenster und verließ er den Raum, zog die Zwischentür zu und verschloss die Haustür.
Die folgenden Monate waren nervenaufreibend. Manchmal kam es Mirja und Stefan vor, als habe sich die halbe Welt gegen sie verschworen. Der Umbau des Hauses wollte kein Ende nehmen. Die Koordinierung der einzelnen Gewerke lief nicht reibungslos und etliche Male mussten die Ausführungspläne über den Haufen geworfen und neue Lösungen gefunden werden. In alle Wände und Zimmerdecken wurden Schlitze geschlagen, um die Elektrik zu erneuern. Um zwei WC- und Waschräume mit Vorflur zu schaffen, mussten neue Wände hochgezogen werden. Andere Wände wurden eingerissen, um die Küche zu vergrößern, und aus zwei bisherigen Räumen wurde der Speisesaal. Die Versorgungsleitungen wurden neu verlegt, die Heizungsanlage komplett ausgetauscht, alle Türen ausgewechselt. Die schmale Holztreppe, die zu dem kleinen Raum unter dem Dach führte, wurde durch eine andere ersetzt und der Raum zum Büro ausgebaut. Die neu installierte Außenbeleuchtung erwies sich als zu hell, verstieß gegen behördliche Auflagen und musste ausgetauscht werden.
Im Frühjahr kümmerte sich eine Landschaftsgärtnerei um den Garten und legte Beete an mit leuchtend rotem Mohn, Stock- und Strauchrosen, Kornblumen, Rittersporn und weiteren bunten Blumen. Junge Obstbäume wurden gepflanzt und zu den Nachbarsgrundstücken wurden Hecken gesetzt, Rollrasen wurde verlegt. Der Kiesweg wich einem verbreiterten Weg aus verschiedenen Materialien. Noch bevor alle Arbeiten abgeschlossen waren und die moderne Profiküche bezahlt werden musste, war das für die Modernisierungen vorgesehene Budget aufgebraucht, und Mirja ließ zu Gunsten ihrer Hausbank eine Grundschuld in Höhe von hunderttausend Euro in das Grundbuch eintragen, um die Liquidität zu sichern und den Fortlauf der Modernisierungsarbeiten nicht zu gefährden.
Stefan traf Vereinbarungen mit einem Wein- und Sektlieferanten, einer Brauerei sowie einem weiteren Getränkelieferanten. Er schloss Lieferverträge mit regionalen Bauern, die auf ihren Feldern alte Obst- und Gemüsesorten anbauten, sowie mit einem Fleisch- und Geflügelproduzenten.
Neun Wochen vor der Eröffnung war Stefans Team komplett. Die erste Mitarbeiterin, mit der er sich geeinigt hatte, war Imke. Sie war Kellnerin in dem Hotel, in dem er zuletzt gearbeitet hatte, und gleich nachdem er gekündigt hatte, hatte er sie gefragt, ob sie sich vorstellen könne, für ihn zu arbeiten. Sie hatte sich einen Tag Bedenkzeit erbeten und dann zugesagt. Auch mit der zweiten Kellnerin, die Stefan einstellte, hatte er für kurze Zeit in dem Hotel zusammen gearbeitet. Sie hieß Susan und war vor mehreren Jahren einige Monate lang mit ihm liiert gewesen, bevor sie am selben Tag erst ihn verlassen und anschließend den Job gekündigt hatte. Ein halbes Jahr später waren sie sich wieder über den Weg gelaufen und hatten die Telefonnummern ausgetauscht. Hin und wieder, bis Stefan mit Mirja zusammen gekommen war, hatten sie miteinander telefoniert, ohne dass sie einander wieder näher gekommen waren.
»Du kannst Hundert andere fragen, weshalb muss es ausgerechnet sie sein?«, fragte Mirja, nachdem Stefan ihr von Susan und ihrer einstigen Beziehung erzählt hatte.
»Weil sie eine hervorragende Servicekraft ist. Sie arbeitet in einem sehr guten Restaurant unten an der Elbe und sie ist in den vergangenen Jahren mit Sicherheit nicht schlechter geworden. Außerdem kommt sie mit Imke gut aus. Nun stell' dir nur mal vor, in einem kleinen Restaurant wie meinem kratzen sich die beiden Servicekräfte gegenseitig die Augen aus, weil sie einander nicht riechen können.«
»Vermutlich sieht diese Susan gut aus, stimmt's?«
»Ja, aber was spielt das für eine Rolle?«
»Wo auf deiner Skala von eins bis zehn liegt sie?«
»Mirja, was soll das?«
»Ich hab' dich was gefragt. Also: Neun? Zehn?«
»Keine Ahnung, acht oder so. Ist doch auch völlig egal.«
»Ist sie verheiratet?«
»Nein.«
»In einer festen Beziehung?«
»Was weiß ich ... ja, nein ... keine Ahnung. Deine Fragerei nervt.«
»Na, dann geht da ja aus ihrer Sicht vielleicht wieder was. Jetzt, da der Herr Starkoch sein eigenes Restaurant hat, ist er besonders interessant.«
Stefan sah an Mirja vorbei und schüttelte verständnislos den Kopf. Er sagte: »Susan hat damals mit mir Schluss gemacht, sie hat das Ganze beendet. Die Zeit mit ihr war nichts Besonderes. Fakt ist: Ich brauche Top-Leute, und sie ist eine Top-Kraft.«
»Vermutlich ist sie auch im Bett top.«
Er seufzte. »Das wird mir jetzt zu bescheuert, Mirja. Mich interessiert nicht die Frau Susan, sondern ausschließlich die Servicekraft Susan, und selbst wenn sie etwas von mir wissen wollte, kannst du ganz beruhigt sein, denn sie würde nicht mehr bei mir landen. Niemand landet bei mir. Ich bin mit dir verheiratet und ich liebe dich. Du hast keinen Grund, eifersüchtig zu sein.«
Einige Tage später unterschrieb Susan den Arbeitsvertrag. Dann stellte Stefan eine Küchenhilfe ein, Mohan, einen Marokkaner. Doch die wichtigste Position hatte Stefan noch immer nicht besetzt, und das war die des zweiten Kochs. Niemand, der sich bislang vorgestellt und vorgekocht hatte, hatte vollends zu überzeugen gewusst, und Stefan war nicht bereit gewesen, Kompromisse einzugehen. Doch allmählich wurde die Zeit knapp.
Als Stefan eines Vormittags vor dem Haus aus dem Wagen stieg, stutzte er. Im Vorgarten saß im Schneidersitz ein Mann auf dem Rasen. Er trug einen kurzen rotgefärbten Irokesen-Haarschnitt, eine verschlissene Jeans und ein T-Shirt mit dem Aufdruck des Union Jacks. Auf dem Schoß lag eine schmale Ledermappe. Als Stefan den Weg hochging, erhob er sich.
»Moin, Herr Timmer«, sagte der Mann. »Ich hatte fast schon damit gerechnet, dass ich morgen wiederkommen muss.« Er war Mitte Zwanzig, hochgewachsen und breitschultrig. Die muskulösen Arme waren bis zu den Handgelenken tätowiert und in seinem linken Ohrläppchen klaffte ein Flesh Tunnel. Auch wenn der Kerl auf den ersten Blick alles andere als einladend wirkte, schien er nicht bedrohlich zu sein – im Gegenteil. Er hatte wache Augen und ein freundliches Gesicht – und er war ohne Frage clever. Stefan konnte es an seiner Stimme hören und sah es an dem sicheren Blick, mit dem der Kerl ihn prüfend musterte.
»Was kann ich für Sie tun?«, fragte Stefan.
»Bin wegen des Jobs hier.«
»Wegen welchem Job?«
»Ich hörte über den Buschfunk, dass Sie einen Koch suchen.«
Stefan sah den Kerl verwundert an. »Sie sind ... du bist Koch?«
»Ja.«
»Das hätte ich jetzt nicht gedacht.«
»Was haben Sie denn gedacht? Dass ich Drogen verkaufe? Dass ich alte Menschen ausraube und Kinderbäuche aufschlitze?«
Stefan kniff den Mund zusammen. Nicht schlecht gekontert, dachte er, der Kerl hatte ihn kalt erwischt.
»Ich habe vor einiger Zeit einen Artikel über Sie gelesen«, sagte der Tätowierte. »In irgendeinem Hochglanz-Genuss-Magazin. Darin stand, dass Sie es gut finden, wenn Menschen sich selbst treu bleiben und ihren Überzeugungen folgen.«
»Ja, und?«
»Ich bin mir treu und folge meinen Überzeugungen. Mein Aussehen hat nichts mit meinen Fähigkeiten im Job zu tun. Auch 'ne übel hässliche Frau kann grandios an Männereiern spielen, wenn Sie wissen, was ich meine. Ich bin optisch nicht jedermanns Fall, aber ich bin ein sehr guter Koch, und nur das zählt für Sie. Ich habe vor sechs Jahren ausgelernt, dann in verschiedenen Läden gearbeitet. Steht alles hier drin, im Lebenslauf und den Arbeitszeugnissen.« Er reichte Stefan die Mappe, doch Stefan griff nicht zu.
»Und was ist im Moment?«, fragte Stefan. »Wo arbeitest du zur Zeit?«
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