»Steff, was ist das?«, fragte sie. Ihr Herz hämmerte bis in den Hals hinein.
»Ich habe verdammt noch mal keine Ahnung«, sagte er leise. Dann rief er: »Wer ist da?«
Keine Antwort.
»Es sieht aus wie ein großes Tier«, flüsterte Mirja.
Stefan schluckte. »He, zeigen Sie sich! Los, kommen Sie schon.«
Was auch immer auf dem Sims kauerte – nun richtete es sich auf und sprang geräuschlos herunter. Mirja biss sich auf den Daumen und unterdrückte einen Schrei. In dem matten Licht war eine schmale Silhouette zu erkennen, die auf zwei Beinen stand und langsam auf Mirja und Stefan zukam. Nach dem dritten Schritt wurde aus der Silhouette eine Gestalt. Ein Mensch. Er kam näher.
»Das gibt es doch nicht«, murmelte Stefan und die Spannung fiel von ihm ab. »Ein Kind!«
Tatsächlich. Es war ein Mädchen, und es blieb etwa zwei Schritte vor ihnen stehen. Das Mädchen war sechs oder sieben, vielleicht auch acht Jahre alt, das ließ sich schwer einschätzen. Es war schmal und trug ein weißes Kleid aus dünnem Leinen, die Füße waren nackt. Das Gesicht des Mädchens war geradezu unwirklich schön. Der weiche Mund, die geschwungene Nase und die runden blauen Augen – alles passte perfekt zueinander. Blonde Haare mit langen, wilden Locken fielen über die Schultern.
Stefan ärgerte sich, dass er sich von der Silhouette eines Mädchens hatte einschüchtern lassen. »Hallo, wer bist du denn?«, fragte er. »Na, du hast uns vielleicht einen Schrecken eingejagt, sag ich dir. Was machst du hier?«
Das Mädchen antwortete nicht, sondern sah ihn einfach bloß an.
Stefan sagte sich, dass er wohl zu barsch gewesen war. Er lächelte dem Mädchen zu und sagte: »Wir haben uns ganz schön erschrocken, denn wir hatten überhaupt nicht mit dir gerechnet. Wie heißt du?«
Doch das Mädchen antwortete noch immer nicht. Stattdessen drehte es den Kopf ein wenig und sah nun Mirja an.
Mirja sagte lächelnd: »Hallo, meine Kleine. Du hast aber schöne Haare, die sehen ja fast aus wie Gold, darum beneiden dich bestimmt alle. Hast du dich etwa auch so erschreckt wie wir? Keine Bange, wir sind nicht böse auf dich. Verrätst du mir, wie du heißt?«
Das Mädchen zeigte keine Reaktion, sondern sah auch Mirja einfach bloß an. Erst jetzt fiel Mirja auf, dass die Kleine die Hände hinter dem Rücken hielt.
»Willst du mir deinen Namen nicht verraten? Also gut, dann fange ich an und verrate dir, wie wir heißen. Ich bin Mirja. Und das ist Stefan. Uns gehört dieses Haus. So, und nun bist du dran. Ich wette, du hast einen wundervollen Namen, der genauso hübsch ist wie du.«
Das Mädchen schwieg.
»Und«, fragte Mirja. »Wie heißt du denn nun?«
Keine Antwort.
Stefan sagte: »Lass sie, Schatz, wenn sie nicht will.« Dann zu dem Mädchen: »Du brauchst uns deinen Namen nicht zu verraten. Aber du musst uns schon verraten, wo du wohnst, damit wir dich nach Hause bringen können. Wir können deine Eltern auch anrufen, damit sie herkommen und dich abholen. Was ist dir lieber?«
Wieder entgegnete das Mädchen nichts. Stattdessen zog es eine Hand hinter dem Rücken hervor. Die Hand war leer. Dann zog es langsam die andere Hand hervor. In der Hand hielt es eine Sanduhr. Das Mädchen sah Mirja an und stellte die Sanduhr auf den Boden.
Die Sanduhr war in einem guten Zustand, schlicht und zeitlos schön. Die Deck- und Fußplatte waren rund, und die drei gedrechselten Längsstäbe bestanden aus lackiertem Kirschbaumholz. Die beiden bauchigen, an den Spitzen miteinander verbundenen Glasgefäße waren dünn und fein geschliffen, und um den zwei runden Glaskolben Halt zu geben, waren sie in Holzstücke gesetzt worden. Weißlich-grauer Sand füllte das untere Gefäß mehr als zur Hälfte.
Mirja sagte: »Die ist aber schön. Hast du sie hier gefunden, im Haus?«
Das Mädchen schwieg, ging in die Hocke und betrachtete die Sanduhr.
Mirja und Stefan warfen sich einen Blick zu, dann sagte Mirja: »Weißt du was, meine Kleine: Falls du die Sanduhr hier aus dem Haus hast, darfst du sie behalten, wenn du möchtest. Wir schenken sie dir.«
Das Mädchen hob den Kopf an, betrachtete Mirja und sagte nichts.
»Hast du verstanden?«, sagte Mirja. »Du kannst du sie mit nach Hause nehmen, sie gehört jetzt dir.«
Anstatt zu antworten, erhob sich das Mädchen. Es ließ die Sanduhr stehen und ging an Mirja und Stefan vorbei in Richtung Eingangstür.
»Wo willst du hin?«, fragte Mirja.
Das Mädchen antwortete nicht und blieb auch nicht stehen. Sie verschwand durch die Zwischentür.
»Sie geht raus«, staunte Stefan. »Sie kann doch nicht einfach raus, sie wird sich bei den Temperaturen den Tod holen, sie hat ja kaum was an.«
»Hol sie zurück«, sagte Mirja hastig. »Wir bringen sie nach Hause.«
Stefan nickte und eilte aus dem Haus. Das Mädchen war fort. Er schaute den Weg hinunter, doch das Mädchen war nicht zu sehen. Stefan fluchte in sich hinein, dann lief er hinter das Haus. Aber auch hier war das Mädchen nicht. »Hallo«, rief er. »Kleines, wo steckst du?«
Keine Antwort. Stefan lief weiter um das Haus herum, bis er wieder vor der Haustür stand. Nichts, das Mädchen war fort. Erneut rief er nach ihr, doch niemand antwortete. Stefan sah zur Straße. Er zögerte einen Moment, dann lief er den Weg entlang und durch das offen stehende Gartentor. Er stand in der kleinen Sackgasse, doch von dem Mädchen war nichts zu sehen. Stefan warf einen Blick in die anliegenden Vorgärten und als er das Mädchen auch dort nicht entdeckte, lief er zur Straße. Das Mädchen war nicht zu sehen. Stefan runzelte die Stirn, dann ging er zu dem Haus zurück. Mirja stand in der Tür und ihr fragender Blick machte jedes Wort überflüssig.
»Sie ist fort«, sagte Stefan. »Keine Ahnung, wo sie abgeblieben ist.«
»Aber wir können sie bei der Kälte doch nicht draußen rumrennen lassen, barfuß wie sie ist.«
»Was soll ich denn machen?«, erwiderte Stefan. »Ich habe sie gesucht und immer wieder gerufen, mehr kann ich nicht tun. Wenn sie nicht kommt, kann ich auch nichts dafür.«
»Und was jetzt?«
»Nichts. Bestimmt wohnt sie in einem der Häuser hier. Garantiert ist sie wieder zu Hause und lacht über uns.«
Mirja vergrub die Hände in den Manteltaschen. »Wie ist sie hier rein gekommen? Die Haustür war abgeschlossen und alle Fenster waren geschlossen, die Fensterläden verriegelt. Wie ist die Kleine ins Haus gekommen?«
»Ich schätze, sie hat einen Haustürschlüssel und spielt hier mit ihren Freunden. Es würde mich nicht wundern, wenn mehrere Schlüssel in Umlauf sind.«
Mirja sah an Stefan vorbei, ihre Augen suchten den Weg ab.
»Keine Sorge, sie ist wieder zu Hause«, sagte er beruhigend.
Mirja nickte, doch sie war nicht überzeugt. »Was machen wir mit der Sanduhr? Wir wissen ja nicht mal, ob sie aus dem Haus stammt oder nicht, vielleicht gehört sie der Kleinen oder ihren Eltern.«
»Wir werden sie aufbewahren und abwarten, ob das Mädchen sie zurück haben will.«
»Ja, das ist eine gute Idee.«
»Okay, haken wir den kleinen Schreck ab. Ich würde sagen, wir starten dann mal und kümmern uns darum, dass aus diesem Schuppen rechtzeitig zum geplanten Eröffnungstermin das schon bald in der ganzen Gegend total angesagte Timmers wird.«
Mirja lächelte schmallippig.
»Als Erstes werde ich ein neues Schloss kaufen und einbauen, auch wenn es sich bei der alten Tür eigentlich nicht mehr lohnt, es kommt ja eine neue rein. Aber nicht, dass hier noch andere Leute rein und raus marschieren wie sie wollen. Das Mädchen hat mir als Überraschungsgast gereicht.«
»Mir auch.«
»Also, lass uns aufbrechen«, sagte Stefan. »Ich mache drinnen rasch noch alles zu.« Er ging um Mirja vorbei ins Haus und war im Begriff, die Fensterläden zu verriegeln, als er sich fragte, ob nicht noch weitere Kinder hier gespielt hatten und sich versteckt hielten. Er sah sich um, doch er entdeckte niemanden. »Hallo?«, rief er. »Ist noch jemand hier? Falls ja, kommt raus, es gibt keinen Ärger, versprochen. Das Haus gehört jetzt wieder jemandem und ist kein Spielplatz mehr. Also, sollte noch jemand hier sein, könnt ihr rauskommen, es ist alles in Ordnung, aber ich werde das Haus jetzt verriegeln und möchte niemanden einschließen.«
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