Das Mädchen beneidete den Bruder. Er hatte von alldem nichts mitbekommen und es beschloss, ihm nicht davon zu erzählen. Das Mädchen kauerte sich noch mehr zusammen, zog die Decke über den Kopf und begann sein Lieblingslied zu summen, damit es die Kälte nicht länger spürte und die Bilder nicht mehr sehen musste.
Und irgendwann fiel das Mädchen in einen unruhigen Schlaf.
An diesem Novembermorgen des Jahres 2012 war der Himmel über Hamburg verhangen und es sah nicht danach aus, als würde der Tag richtig hell werden. Die Außentemperatur lag bei unangenehmen vier Grad Celsius und ein leichter Nieselregen und stetiger Wind ließ die gefühlte Temperatur noch kälter erscheinen.
Mirja stand mit dem Rücken zum Fenster und betrachtete Stefan, der auf einem der Aluminiumstühle saß. Er hatte den Kopf an die Wand gelehnt und blickte gedankenlos auf die gerahmte Aufnahme der Hamburger Hauptkirche St. Michaelis.
»Nun sag schon was«, forderte Mirja und knuffte ihn in die Seite.
Er zuckte mit den Schultern.
»Du freust dich gar nicht richtig«, sagte sie und tat so, als schmollte sie. »Das musst du aber, weil ich mich sonst nämlich von dir scheiden lasse.«
»Ist das eine Drohung oder ein Versprechen?«
Mirja baute sich vor ihm auf und stemmte die Hände in die Hüften. Sie war zierlich und gerade mal etwas über einen Meter siebzig lang. Sie hatte ein ebenmäßiges Gesicht mit großen blauen Augen und einem vollen Mund, eine schmale Nase. Die schulterlangen brünetten Haare waren zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie war eine selbstbewusste Frau, die wusste, was sie wollte.
»Jetzt bekomme ich aber Angst«, sagte er grinsend.
»Das solltest du besser auch, Stefan Timmer. Los, ich will es noch einmal hören. Sag' mir, wie sehr du dich freust!«
Er legte die Hände auf ihre Oberschenkel und sah zu ihr hoch. »Ja, Schatz, ich freue mich. Ja, ich freue mich riesig. Ja, das Haus ist wie gemacht dafür, und ja, ich kann kaum erwarten, dass wir endlich den Kaufvertrag unterschreiben.«
»Braver Steff«, sagte sie schmunzelnd, beugte sich vor und gab ihm einen Kuss auf die Stirn.
Er sagte. »Jetzt ganz ehrlich: Ich bin wirklich mächtig aufgeregt. Seit wir das Haus zum ersten Mal gesehen haben, wusste ich, dass es das perfekte Objekt für mein Restaurant ist.«
»Perfekt? Es ist ein Schmuckstück! Wir werden etwas ganz Besonderes daraus machen.«
»Aber der Kaufpreis ist schon ganz schön hoch. Vierhundertfünfzigtausend Euro ist verdammt viel Holz. Plus die Courtage für den Makler.«
»Natürlich ist das ein Haufen Geld, aber nicht für ein solches Objekt in der Lage und mit dem Grundstück, in der Gegend. Es ist fast schon ein Schnäppchen.«
Stefan nickte vor sich. »Mein Lebenstraum wird wahr, Mirja, ist das nicht der Wahnsinn? Ich bin neununddreißig Jahre alt und mein Lebenstraum erfüllt sich. Stefan Timmer eröffnet sein eigenes Restaurant. Wow, das ist fantastisch.«
»Du hast es dir verdient.«
Er hielt einen Moment inne, dann sagte er: »Nein. Ich habe einfach nur mehr Glück als andere.«
»Erfolg ist keine Frage des Glücks, es sieht bloß häufig danach aus. Du hast Erfolg, weil du dein Talent nutzt und hart arbeitest. Die Kombination aus Talent und Arbeit macht den Unterschied. Du bist hartnäckig, und deshalb hast du es wirklich verdient.«
»So meine ich das nicht. Ich meine das Glück, dich bei mir zu haben. Ich möchte jetzt nicht die alte Leier abspielen, Mirja, aber wir werden das Haus mit deinem Geld bezahlen. Von meinem Geld können wir den neuen Gartenzaun und die Außenbeleuchtung bezahlen, aber das war es dann auch schon. Ohne dein Geld würde ich noch in dreißig Jahre in irgendwelchen Hotels arbeiten.«
»Du arbeitest nicht in irgendwelchen Hotels, aktuell arbeitest du in Hamburgs bestem Hotel. Als Küchenchef. Mach dich nicht kleiner als du bist. Und über die Sache mit dem Geld haben wir mehr als genug geredet, ich will davon nichts mehr hören.«
»Aber es ist ja nun mal so. Dein Vater hat dir den Großteil deines Erbes ausgezahlt und du gibst es für das Haus aus, damit ich ein Restaurant eröffnen kann. Unterm Strich ist es dein Haus, nicht meins.«
Sie beugte sich nach vorne. »Wie oft denn noch, Steff? Was ich mit meinem Geld mache, ist allein meine Sache, ich bin niemandem Rechenschaft schuldig. Wenn ich mich entscheide, von dem Geld ein altes Haus zu kaufen, damit mein Mann sich seinen Traum vom eigenen Restaurant verwirklichen kann, dann tue ich das. Punkt!«
»Deine Schwester legt ihr Geld mit Sicherheit genauso an wie euer Vater es erwartet. Die beiden werden sich ihren Teil denken, dass du dein Geld in ein Restaurant steckst.«
»Erstens ist ein Hauskauf eine Geldanlage. Zweitens interessiert es mich nicht im Geringsten, was Britt und mein Vater darüber denken. Britts Mann hat bereits eine eigene Existenz, mein Mann noch nicht – doch das ändert sich jetzt.«
»Auch wenn ich Oliver nicht ausstehen kann, aber dein dämlicher Schwager hat sich seine Existenz selbst aufgebaut. Sie ist ihm nicht auf dem Silbertablett serviert worden, so wie mir. Das muss man dem Schwachkopf schon zugute halten.«
Sie schüttelte genervt den Kopf. »Es ist ja wohl etwas anderes, ob ich mir am Anfang ein kleines Büro miete, einen PC kaufe und als Steuerberater loslege oder ob ich mich mit einem Restaurant selbstständig mache. Das kann man doch gar nicht miteinander vergleichen. Schluss jetzt, Steff, ich will davon nichts mehr hören. Wir sind verheiratet und ich weiß, wie sehr du dir dein eigenes Restaurant wünschst. Es ist unser Haus, wir werden gemeinsam im Grundbuch stehen. Du wirst aus der alten Hütte einen Gourmet-Tempel machen, so wie du es dir vorgestellt hast. Damit ist das Thema ein für allemal beendet. Und übrigens: Ich mag es nicht, dass du ständig abfällig über meinen Schwager spricht, das weißt du genau. Mein Fall ist Oliver auch nicht, aber er ist nun mal der Mann meiner Schwester. Also hör auf damit.«
»Er ist ein herzloses Arschloch. Ich frage mich, weshalb eine so interessante und intelligente Frau wie deine Schwester ausgerechnet diesen eingebildeten Affen heiraten konnte. Ist mir echt ein Rätsel.«
»Steff, es reicht jetzt.«
Die Notargehilfin betrat den kleinen Warteraum. Sie gab den beiden die Personalausweise zurück und bat sie, ihr zu folgen. Sie führte sie über den Flur, klopfte an eine geschlossene Tür und öffnete, ohne die Antwort abzuwarten. Dann trat sie einen Schritt zurück und bedeutete Mirja und Stefan, einzutreten. Der Notar, der hinter dem wuchtigen Schreibtisch saß, blickte auf, erhob sich und begrüßte sie. Ihm gegenüber saßen zwei Männer. Einer von ihnen war der Makler, der gemeinsam mit Mirja und Stefan hergekommen und vorab zu dem Notar hereingebeten worden war. Den anderen Mann hatten sie noch nie zuvor gesehen.
»Gerald Buchelt, Rechtsanwalt«, stellte er sich vor und reichte Stefan eine Visitenkarte, die er bereits in der Hand gehalten hatte. »Ich handle nicht für mich, sondern gemäß notarieller Vollmacht für Herrn Bernd Schmolke, der Ihnen das Grundstück nebst Objekt verkauft. Ihr Makler sagte mir, er habe Sie bereits davon in Kenntnis gesetzt, dass Herr Schmolke nicht selbst erscheint.«
Stefan nickte, während Mirja sagte: »Ja, das hat er. Wir hätten ihn natürlich gerne kennen gelernt, aber vielleicht lässt sich das ja nachholen. Wir werden ihn einladen wenn alles fertig ist.«
Der Notar bot Platz an, dann kam er ohne Umschweife zur Sache. Keine zehn Minuten später unterschrieben Mirja und Stefan sowie Buchelt und der Notar den Kaufvertrag.
♦
Während Mirja im Verkaufsshop der Tankstelle verschwand, um eine Flasche Sekt zu kaufen, saß Stefan hinter dem Lenkrad seines Jeep Grand Cherokee und blickte aus dem Seitenfenster, ohne etwas von dem wahrzunehmen, was draußen vor sich ging. Er war tief in Gedanken versunken.
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