Ein eigenes Restaurant. Sein Restaurant. Timmers . Wieso denn Timmers , hatte Mirja gefragt, als er ihr vor einigen Tagen verraten hatte, welchen Namen das Restaurant erhalten sollte. Weil ich als Koch bereits einen bestimmten Bekanntheitsgrad habe, hatte er entgegnet, viele Köche geben ihrem Restaurant ihren eigenen Namen, das hat was mit Identifikation und Markenbildung zu tun, außerdem ist der Name kurz und knackig. Timmers , hatte Mirja nickend vor sich hingemurmelt, ja, das ist der passende Name.
Eine ältere Frau kam aus dem Verkaufsshop und ging dicht an Stefans Wagen vorbei. Stefan wurde aus seinen Gedanken gerissen. Er sah der Frau hinterher, bis sie an der Zapfsäule in ihren Kleinwagen stieg. Zum ersten Mal, seit er sich erinnern konnte, wünschte Stefan sich, er hätte ein intaktes Elternhaus gehabt. Anstatt liebevoll aufgezogen zu werden, war er früh auf sich allein gestellt gewesen. Seinen Vater hatte Stefan nie kennen gelernt. Er war kaum älter gewesen als Stefans Mutter, als sie mit gerade mal achtzehn Jahren schwanger geworden war. Wie andere mehr oder weniger heimlich erzählten – seine Mutter allerdings nicht, sie hatte nie mit ihm darüber gesprochen, es konnte also ebenso gut ein wildes Gerücht sein wie den Tatsachen entsprechen – war ein Zimmermann auf Wanderschaft, hatte ihr im Hinterzimmer einer Gaststätte auf die Schnelle einen ins Nest gesetzt und ward nie wieder gesehen. Seine Mutter war mitten in der Ausbildung, wohnte noch bei ihren Eltern und hatte die Schwangerschaft so lange verheimlicht, bis es selbst unter weiter Kleidung kaum noch zu übersehen war. Ihr Vater war ein Frührentner, der bei einem Autounfall ein Bein verloren hatte. Seitdem suhlte er sich mit tatkräftiger Unterstützung seines besten Kumpels Johnnie Walker im Selbstmitleid und war spätestens am Nachmittag so betrunken, dass er wegen jeder Kleinigkeit rumbrüllte. Irgendwann wurde es selbst Johnnie zu bunt und er handelte mit der Leber des Alten einen Zirrhose-Deal aus, der dem Alten schließlich das Lebenslicht ausknipste. Damals war Stefan ein halbes Jahr alt und vermutlich war es das Beste für ihn, dass der Alte ihn nun niemals richtig zwischen die Finger bekommen konnte. Seine Großmutter hatte sich so gut um Stefan gekümmert, wie es die fehlende Liebe zu ihm zuließ, während seine Mutter sich um die Fortsetzung ihre unterbrochenen Ausbildung und um wechselnde Männerbekanntschaften kümmerte. Als Stefan sieben Jahre alt war, holte der Krebs die Großmutter und seine Mutter steckte ihn in ein Heim. Zum Abschied gab sie ihm einen Kuss und sagte weinend, dass sie ihn bald besuchen kommen würde, doch er spürte, dass sie es nicht tun würde, und tatsächlich meldete sie sich nie wieder. Später hört er, dass sie in Spanien lebte, und wiederum später, dass sie tot war, und noch später, dass sie nach Kanada ausgewandert war. Irgendwann war es ihm egal, wo und ob sie überhaupt noch lebte.
Nach der mittleren Reife begann Stefan eine Ausbildung zum Groß- und Einzelhandelskaufmann, doch er stellte schnell fest, dass das nicht seine Welt war und brach die Ausbildung ab. Er wollte es als Koch versuchen. Der Vater eines Freundes besorgte ihm in einem Bremer Hotel einen Ausbildungsplatz und bereits nach kurzer Zeit wusste Stefan, dass er seine Bestimmung gefunden hatte. Die Ausbildung beendete er mit der Auszeichnung des Landesbesten. Er hätte in dem Hotel bleiben oder sich in der Stadt einen anderen Arbeitsplatz suchen können, doch er wählte die Herausforderung und entschied sich für etwas ganz Neues. Er zog nach Bayern und arbeitete dort zwei Jahre lang in einem Kurhaus-Restaurant, dann hatte er genug und zog weiter. Fortan wechselte er alle ein bis zwei Jahre den Arbeitsplatz. Stefan war ein Getriebener, angespornt von brennendem Ehrgeiz, und ständig verspürte er die Sorge, sich aus reiner Bequemlichkeit in der Mittelmäßigkeit zu verlieren. Mit jeder beruflichen Veränderung verbesserte er sich, bis er schließlich nur noch in Sternehäusern arbeitete. In einem der führenden Restaurants im Elsass wurde er als Souschef der Stellvertreter des Küchenchefs, um anschließend Küchenchef des bekanntesten Restaurants einer deutschen Nordseeinsel zu werden. Er war dreiunddreißig Jahre alt, als ihm das Inspektorenteam des Guide Michelin einen Stern verlieh und ihn die Test-Equipe des Gault-Millau Deutschland bei der Wahl des Koch des Jahres auf den zweiten Platz wählte. Kurz darauf erhielt er ein Angebot von Hamburgs bestem Hotel, und seitdem arbeitete er dort als Küchenchef für ein Gehalt, das er sich früher nicht erträumt hatte. Stefan schien am Ziel angekommen zu sein, und von seiner einstigen Unruhe war nicht mehr viel übrig geblieben. Hatte er hin und wieder überlegt, doch noch mal woanders hinzugehen, so waren diese Pläne hinfällig geworden, nachdem er Mirja kennen gelernt hatte.
Es war in der Geschenkwarenabteilung eines Kaufhauses, und sie stand vor ihm an der Kasse. Als sie bezahlen sollte, stellte sie fest, dass sie ohne Portemonnaie unterwegs war. Stefan gefiel die Selbstironie und der Charme, mit dem sie die unangenehme Situation meisterte, und er bot ihr spontan an, das Geld auszulegen. Sie könne es ihm in den nächsten Tagen zuschicken, sagte er und gab ihr seine Adresse. Bereits am übernächsten Tag hatte er das Geld zurück, aufgerundet zu einem vollen Betrag, der als Banknote in einem Umschlag steckte, auf dem kein Absender stand. An dem Geldschein hing ein Post-it mit dem Wort Danke und einer Hamburger Telefonnummer. Zwei Tage lang hielt Stefan durch, dann konnte er nicht länger widerstehen und rief an. Sie trafen sich am folgenden Samstag in einem Szene-Café zum Frühstück. Die ersten Minuten verliefen zäh, doch dann ging alles schnell, zumindest, was Stefan betraf. Jedes Mal, wenn er Mirja ansah, fand er sie hinreißender. Sie war fröhlich und hatte Humor, vertrat klare Ansichten und strahlte großes Selbstbewusstsein aus. Er verliebte sich in sie und hatte keine Chance, es zu verhindern. Mirja war sechs Jahre jünger als er und hatte gerade ihr Betriebswirtschaftsstudium beendet, demnächst würde sie bei einem großen Zeitschriftenverlag anfangen. Mirjas Mutter war bereits verstorben und ihr Vater war einer der renommiertesten Rechtsanwälte der Stadt. Als Mirja das erste Mal von ihrem Vater erzählte, war Stefan sicher, seinen Namen bereits einige Male im Zusammenhang mit größeren Verfahren gehört zu haben. Mirjas jüngere Schwester Britt steckte noch im Jura-Studium und hatte das Ziel, später in die Kanzlei des Vaters einzusteigen.
Darf ich dich anrufen, fragte Stefan, als sie sich gegen Mittag voneinander verabschiedeten, und er hörte bereits eine innere Stimme, die sagte: Nein, aber nochmals vielen Dank fürs Geldauslegen , doch Mirja sagte zu ihm wie zu einem alten Freund, dass er sie selbstverständlich jederzeit anrufen könne. In den folgenden Wochen kämpfte Stefan um Mirja, überhäufte sie mit Aufmerksamkeiten und kleinen Geschenken, und irgendwann gab es erste Anzeichen dafür, dass ihre Freundschaft zu ihm zu Liebe wurde.
Bin ich eigentlich dein Typ?, fragte er, als sie am späten Vormittag nach der ersten gemeinsamen Nacht in der Badewanne saßen. Nein, antwortete sie lächelnd, eigentlich mag ich keine Männer mit kurzen schwarzen Haaren und erst recht nicht mit Brustbehaarung, außerdem ist mir deine Nase zu spitz und du bist zu groß, du überragst mich ja um fast zwei Köpfe, neben dir komme ich mir vor wie ein Zwerg. Und was ist mit mir, bin ich dein Typ? Nicht im Geringsten, entgegnete er schmunzelnd, an dir stimmt gar nichts, von den Ohren bis zu den Zehen bestehst du nur aus zweitklassigen Einzelteilen, aber was soll’s, Scheiß drauf. Genau, entgegnete sie und schnippte Wasser in sein Gesicht, Scheiß drauf.
Anderthalb Jahre später heirateten sie still und heimlich in einer kleinen Kapelle in Oberbayern. Beide arbeitete viel, Stefan auch an den meisten Wochenenden und Feiertagen, doch die Zeit, zusammen zu sein, erkämpften sie sich immer wieder.
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