Das Mädchen tat nichts von alldem. Stattdessen erinnerte es sich an eine Holzkiste, die bereits seit längerem ungenutzt hinter dem Haus stand. Es lief los und holte die Kiste. Sein Atem raste vor Angst und Aufregung. Was geschah im Haus? Das Mädchen stellte die Kiste unter das Fenster, aus dem das Licht drang. Behutsam stellte es einen Fuß auf die Kiste; sie schien sein Gewicht zu halten. Vorsichtig stieg das Mädchen auf die Kiste. Ja, sie hielt. Die Höhe war perfekt. Das Mädchen konnte gerade so eben durch das Fenster gucken, und die Wahrscheinlichkeit, dass es von drinnen gesehen wurde, war entsprechend gering.
Das Mädchen hatte nie zuvor von draußen durch dieses Fenster geschaut, von hier aus sah die Wohnstube anders aus, und es benötigte einen Moment, um sich zu orientieren. Als Erstes entdeckte es die Mutter, die starr vor Schreck auf einem Stuhl saß, und dann die drei Männer. Einer der Männer hielt von hinten den Vater mit einem Hebelgriff fest, und er war mindestens einen Kopf größer als der Vater und fast doppelt so breit. Der Vater hatte keine Möglichkeit, sich zu lösen.
Ein zweiter Mann stand vor dem Vater und schlug ihm immer wieder die Faust in den Bauch und zwischendurch auch in das Gesicht. Das Mädchen sah, dass der Vater aus der Nase und dem Mund blutete, und es hörte bis hier draußen seinen Aufschrei, wann immer ihn die Faust im Gesicht traf. Der dritte Mann war gedrungen. Er stand neben der Mutter und starrte sie unentwegt an, und etwas in seinem Blick gefiel dem Mädchen nicht, doch sie wusste nicht, was es war. Schließlich sagte der Gedrungene etwas und der andere Mann hörte auf, zuzuschlagen. Der Vater wurde losgelassen und fiel zu Boden, als sei er tot. Das Mädchen unterdrückte einen Schrei.
Der Gedrungene griff unter seinen Mantel und zog etwas hervor. Das Mädchen hielt die Luft an und sah angestrengt hin. Es war eine Papierrolle. Der Gedrungene rollte das Papier auf und legte es auf den Tisch, um es glatt zu streichen. Jetzt sah das Mädchen, dass es zwei Papierbögen waren. Dann sagte der Gedrungene etwas zu dem Vater, und dieser hob den Kopf. Das Mädchen atmete erleichtert auf. Der Mann, der den Vater geschlagen hatte, nahm die beiden Papierbögen von dem Tisch, bückte sich zu dem Vater herab und legte die Bögen vor ihm auf den Boden. Dann griff er in eine Tasche seines Mantels und holte etwas hervor, das er dem Vater in die Hand drückte. Er packte den Vater am Handgelenk und legte dessen Hand auf den ersten Papierbogen. Er ließ das Handgelenk nicht los, als der Vater langsam und träge etwas auf das Papier schrieb. Anschließend führte der Mann die Hand des Vaters auf den zweiten Bogen und das Ganze wiederholte sich. Nachdem der Vater fertig war, nahm der Mann ihm das, womit er geschrieben hatte, aus der Hand und steckte es in die Manteltasche zurück. Dann legte er einen Papierbogen auf den Tisch und rollte den anderen Papierbogen zusammen und reichte ihm dem Gedrungenem. Doch dieser steckte ihn nicht unter seinen Mantel zurück, sondern behielt ihn in der Hand – und sah die Mutter mit einem seltsamen Blick an. Schließlich sagte er etwas zu den beiden Männern, und die Männer grinsten und gingen zu der Mutter. Mit ihren großen Händen umklammerten sie deren Arme, und der Gedrungene trat dicht vor sie. Mit der freien Hand öffnete er geschickt seine Hose, packte die Mutter am Kopf und drückte ihr Gesicht gegen sein Becken. Die beiden anderen Männer lachten, während der Vater den Kopf senkte und ansonsten nichts tat. Das Mädchen verstand nicht, was geschah, hatte keine Ahnung, was die Mutter ertragen musste und wie beschämt hilflos der Vater war. Was es jedoch verstand, war die Brutalität, die dort drinnen herrschte – und dass etwas ihre Familie bedrohte. Etwas, das über diese drei Männer hinausging.
Es dauerte nicht lange, und der Gedrungene ließ den Kopf der Mutter los, trat einen Schritt zurück und machte seine Hose zu. Die beiden anderen Männer ließen die Mutter los, und sie sprang auf und spuckte hektisch etwas aus. Das Mädchen sah der Mutter mitten in das Gesicht, und in ihren Augen las sie große Abscheu und abgrundtiefen Hass. Einen solch harten und endgültigen Ausdruck hatte es bei der Mutter nie zuvor gesehen, und das schnürte ihr den Hals zu.
Die drei Männer verließen das Haus. Das Mädchen sprang von der Kiste herunter und machte sich ganz klein. Es schloss die Augen und bat den Himmel, dass die Männer es nicht entdeckt hatten und nicht nach ihm suchten. Nichts geschah. Nach einiger Zeit öffnete das Mädchen die Augen. Niemand war zu sehen. Die Männer waren fort. Das Mädchen stieg wieder auf die Kiste und blickte durch das Fenster. Es sah, dass die Mutter wie versteinert dastand und der Vater es mittlerweile geschafft hatte, aufzustehen. Beide waren in einem Raum, standen nur wenige Schritte voneinander entfernt – und waren auf eine beklemmende Weise für sich allein.
Das Mädchen ahnte, dass es nicht lange dauern würde, bis die Eltern nach seinem Bruder und ihm sehen würden. Wenn nur der Bruder im Bett lag, würden sie einen furchtbaren Schreck bekommen, und sie hatten bereits genug ertragen müssen. Das Mädchen überlegte nicht weiter, sondern lief um das Haus herum bis zu dem Fenster, aus dem es herausgeklettert war. Doch von außen war das Fenster zu hoch, es schaffte es nicht, sich hochzuziehen und hinein zu klettern. Sein Herz raste. Es dachte kurz nach, dann lief es los und holte die Kiste, stellte sie unter das Fenster und drückte sich mit aller Anstrengung hoch.
Im Zimmer herrschte Ruhe. Der Bruder schlief oder tat so. Noch waren die Eltern nicht in dem Raum. Das Mädchen sah den Lichtspalt unter der Tür, die sich schon bald öffnen würde, und dann ... dann ... .
Das Mädchen versuchte, sich in das Zimmer zu schwingen, doch kaum war es mit dem Oberkörper im Raum, verlor es das Gleichgewicht und fiel kopfüber herein. Es schlug mit dem Kopf und der Schulter auf, und ein dumpfer Schmerz durchzog seinen Körper. Das Mädchen schaffte es, den Aufschrei zu unterdrücken. Es ignorierte den Schmerz so gut es ging und rappelte sich hoch. Rasch schloss es das Fenster und beeilte sich, zu dem Bett zu kommen, als ihm plötzlich klar wurde, dass es bis auf die Haut nass war. Ohne weiter nachzudenken, zog es das Nachthemd über den Kopf und schob es unter das Bett. Schritte, das Mädchen hörte Schritte. Es sprang ins Bett, kletterte über den Bruder hinweg und schob sich unter die Bettdecke.
Die Tür öffnete sich mit einem leichten Knarren. Das Mädchen sah es nicht. Es lag auf der Seite, hatte die Bettdecke bis über die Nase gezogen und starrte mit aufgerissenen Augen an die Wand. Es hielt den Atem an.
Der Vater stand in der halb offen stehenden Tür und blickte in den dunklen Raum. Er drückte ein blutdurchtränktes Tuch gegen sein vor Schmerzen pochendes Gesicht und lauschte einen Moment lang. Als er nichts hörte, schloss er die Tür wieder und ging davon. Das Mädchen wartete noch einen Augenblick, dann drehte es sich zu seinem Bruder um. Es flüsterte seinen Namen, doch er antwortete nicht, und auch als sie ihn leicht anstieß, reagierte er nicht. Der Junge schlief wie ein Stein.
Das Mädchen zog die Beine an. Es fror und hatte Angst. Was hatte das alles zu bedeuten, was geschah hier? Wer waren die Männer gewesen, was hatten sie hier gewollt und weshalb waren sie in der Dunkelheit gekommen – und weshalb hatte der Vater sie nicht aus dem Haus gejagt, auch wenn sie in der Überzahl und größer und kräftiger gewesen waren?
Das Mädchen zitterte unter der dünnen Decke, doch es traute sich nicht, aufzustehen und sich etwas Trockenes anzuziehen. Und somit blieb es liegen, nackt und frierend, und versuchte, die schrecklichen Bilder zu vertreiben, die sich in seinem Kopf in wechselnder Reihenfolge immer wieder übereinander legten. Ein Bild war besonders scharf: Der zu Eis gefrorene Gesichtsausdruck der Mutter, nachdem sie – was auch immer es gewesen war – ausgespuckt hatte.
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