„Du Franzl, ich glaube, du musst mal rauskommen und Chef spielen. Wir haben hier mittlere Zuständigkeitsprobleme.“
„Oh Mist. Macht Otto wieder Zicken?“
„Ja genau, aber nicht nur der!“
„Okay, bin schon unterwegs.“
Drei Minuten später bremste Franzl an der Kirche. Hinten erkannte er Otto, der bockig an der Kirchenmauer lehnte. Fünf Meter abseits und mit deutlicher Distanz zueinander Hermann und Dierk-Helge, ebenfalls in völliger Funkstille. Eyleen wuselte derweil hin und her, die Canon im Anschlag und schoss Fotos aus allen Richtungen. Schwer seufzend ging Franzl hinüber.
„Okay, wo brennt’s denn?“ fragte er rundheraus.
„Die Kripo drückt sich mal wieder“, polterte es aus Otto heraus.
„Stimmt gar nicht“, meldete der Rote sich sofort. „Ich wär’ schon längst fertig, aber ich soll ja nicht.“
Franzl guckte reichlich verwirrt in die Runde.
„Hermann, könntest du mich mal kurz erleuchten?“
„Na klar. Hier liegt Irene unterm Busch. Da vorn am Laternenpfahl liegt ihr Fahrrad, leicht beschädigt. Am Pfahl selber siehst du ‘ne Kontaktspur, die eindeutig von Irenes Pedale stammt, und weiter oben kleben ihre Haare und etwas von ihrer Kopfhaut. Tut mir leid, Franzl, aber das ist eindeutig ein Verkehrsunfall. Die ist ohne jeden Zweifel volley gegen die Laterne geknallt, hat es dann kriechend bis in ihre Endlage geschafft und anschließend den Löffel gereicht. Das Ganze vor etwa sechs bis acht Stunden. Die Leichenstarre ist noch nicht voll ausgeprägt. Also, ich unterstütze euch gerne bei der Spurensicherung, aber die Federführung liegt bei euch.“
„Sehe ich auch so!“ Eyleen war dazu gekommen und checkte ihre Fotos auf dem Display. „Ich hab soweit alles im Kasten und würde gleich nur noch die Leiche und die Spuren einmessen. Wenn du Otto dann überreden könntest, sein Schreibzeug klar zu machen für die Unfallanzeige, wäre eigentlich alles im Lot.“
„Kein Problem, geht sofort los. Und was hat Dierk-Helge zu moppern?“
„Der Rote? Das ist ein ganz schwerer Fall. Der ist auf einem völlig anderen Trip. Mordserie im Pennermilieu. Die zweite Leiche in zwei Wochen. Wollte gerade schon Reiffeisen anrufen wegen ‘ner Mordkommission. Zuviel Mankell gelesen, das hat der. Aber keine Sorge, um den kümmere ich mich später.“ Dierk-Helge stand mit verkniffenem Gesicht in der Gegend herum. Seine Kiefer mahlten.
„Und was spricht dagegen, dass einer sie gegen den Pfahl gestoßen hat?“ fragte er herausfordernd.
„Nichts spricht dagegen, aber auch nichts dafür. Die fast leere Wodkapulle in Irenes Handtasche, die spricht aber auf jeden Fall Bände. Da hast du ‘ne erstklassige Unfallursache.“
„Okay, dann bleibt es dabei“, beschloss Franzl schließlich mit gehobener Stimme, „Otto nimmt die Sache als Verkehrsunfall auf, Eyleen macht Fotos und Skizze, der Tatortdienst sichert die biologischen Spuren. Und Dierk-Helge, wenn du so freundlich wärst und mit Hermann zusammen anschließend die Leichenschau erledigen könntest? Dann sind wir alle locker vor Feierabend fertig. Falls du bis dahin irgendwelche Anzeichen von Fremdeinwirkung entdeckst, sag einfach Bescheid, dann fahren wir die Maschine sofort hoch.“
„Sollte man eigentlich mal durchziehen“, giftete Hermann. „Der Rote fliegt nämlich heute noch nach Spanien in Kurzurlaub. Der Flieger geht um halb sechs, wenn ich das richtig mitgekriegt habe. Wenn der wegen Irene seinen Urlaub sausen lassen will, von mir aus. Ich für meinen Teil bin aber gleich bei meiner Mama zum Pickert eingeladen. Und du kannst einen drauf lassen, dass ich da pünktlich erscheine.“
„Nee, ne? Das kann er ja wohl nicht gemeint haben!“ Extrem skeptisch schaute Anke auf das Etablissement, das auf der anderen Straßenseite lag, abseits vom Zentrum Málagas in einer kleinen Nebengasse. Schon die Umgebung war wenig anheimelnd. Die alten Wohn- und Geschäftshäuser hatten zumindest für deutsche Verhältnisse allesamt argen Renovierungsstau. Es bröckelte und blätterte allenthalben recht marode vor sich hin. Touristen suchte man hier allerdings vergebens, was grundsätzlich zur Hoffnung berechtigte. Was für ein Gegensatz zu der Flaniermeile, die sich nur zweihundert Meter weiter am Wasser entlangzog.
„Meinst du echt, wir sollen da rein?“
Dierk-Helge musterte die kleine, verglaste Aluminiumtür, die aus den 1960er Jahren zu stammen schien und über und über mit Aufklebern zugepappt war. Das Ding sah aus wie eine Lottobude. Oben drüber hing eine alte Leuchtreklame, die einfach und geschmacklos aus dem Wort „BAR“ bestand, wobei allerdings das Leuchtmittel vom A in der Mitte schon vor längerer Zeit seinen Geist aufgegeben hatte. Gelegentlich öffnete sich die Tür und man konnte einen Blick in die finstere Kaschemme werfen, die mit Einheimischen vollgestopft war und wo der Wein in Strömen floss. „Aber genau so hat Xavier das Restaurant doch beschrieben.“
Die beiden Freizeitdetektive hatten einen wunderbaren Tag mit Sightseeing, Baden und leider erfolgloser Suche nach Sandmanns Baustelle hinter sich und waren nun der Empfehlung ihres Hotelportiers gefolgt, den sie nach wirklich landesüblicher Küche gefragt hatten.
Anke trat entschlossen auf die Straße. „Los, wir gucken wenigstens mal rein.“ Nach kurzem Zaudern zog sie die Tür auf. Sie blickte in einen schmalen, schlauchförmigen Schankraum. Rechts auf dem spartanischen Holztresen standen große Korbflaschen, aus denen mit speziellen Schläuchen beständig Wein in Flaschen und Gläser abgezogen wurde. Vor dem Tresen standen Männer und Frauen dicht gedrängt und unterhielten sich laut und angeregt. Ein Fernseher schrebbelte links unter der Decke, der Geräuschpegel war beachtlich und die Luft zum Schneiden. Anke und Dierk-Helge guckten fünf Sekunden lang und befanden instinktiv, dass für sie beide kein Platz in dieser Trinkbude war. Von Restaurant sowieso keine Spur.
„Buenas Noches“, grüßte Anke trotzdem akzentfrei und forsch in den Raum hinein. Eine Veränderung ging vor. Wie von selbst rückten die vorderen Leute auf. Eine Frau machte eine einladende Geste, und schon waren sie drin. Anke beugte sich zu der Frau hinüber und sagte ihr etwas ins Ohr. Die nickte heftig und deutete in die unergründlichen Tiefen des Gebäudes. Dann zeigte sie auf den Tresen. Anke nickte. „Rot oder Weiß?“ brüllte sie Dierk-Helge ins Ohr. Er entschied sich für Weiß. Kurz darauf kam Anke mit einer Flasche ohne Etikett zurück, die zusehends beschlug, nickte in Richtung der hinteren Räumlichkeiten und schob sich dann hinter Dierk-Helge her, der einen Weg durch die Menge bahnte. Hinter dem langen Tresen ging es nach rechts in einen weiteren, helleren Raum mit etwa zehn Tischen. Die meisten waren voll besetzt. Ausschließlich Einheimische saßen dort und aßen. Anke entdeckte zwei freie Plätze an einem großen Tisch und fragte höflich, ob dort noch frei wäre. Gleich darauf saßen sie nebeneinander, waren von der spanischen Großfamilie aufgesaugt und in die Essgewohnheiten eingeführt worden. Anke übersetzte für Dierk-Helge. „Es gibt zwei Gerichte heute: Zarzuela und Kaninchen.“
Dierk-Helge verzog skeptisch das Gesicht, beim Essen war er im Gegensatz zu Anke schon ein bisschen heikel. „Für mich dann das Kaninchen.“
„Quatsch, stell dich nicht so an. Wir nehmen beides, ist ja wohl klar.“
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