„Scheiße, jetzt ist er weg.“
„Quatsch, ganz im Gegenteil!“ Dierk-Helge schaute sich um und scannte sorgfältig das Gelände.
„Wo immer er hinwollte, es muss hier in der Nähe sein. Links sind die Berge und rechts das Meer. „Da ist nicht viel zwischen.“ Anke schaute auf die Uhr. „Ich fahr mal zurück ins Dorf. Eigentlich könnten wir jetzt ganz gut irgendwo ‘nen Drink nehmen.“
Sie suchten sich eine nette kleine Bar an der Straße und setzten sich in die milde Sonne.
„Un café solo y una cervesa, por favor“, bestellte Anke in perfektem Spanisch.
„Becks oder San Miguel?“ antwortete der recht junge Kellner in ebenso perfektem Deutsch. Dierk-Helge entschied sich für San Miguel. Anke mochte es nicht, wenn der Tourismus die einheimischen Gepflogenheiten komplett verdrängte. Sie zog missbilligend die Nase kraus, was der Kellner offensichtlich bemerkte. „Dein Spanisch ist ja besser als meins“, lobte er. „Ich bin Pablo, aus Mannheim. Kaffee und Bier kommen sofort.“
Er ging ins Café und kam mit den bestellten Getränken zurück.
„Sag mal, gibt’s hier am Wasser nicht irgendwo ein paar nette Ferienhäuser zu mieten?“ Anke schenkte ihm einen ihrer unglaublichen Augenaufschläge. „Wir suchen was für nächstes Jahr.“
Pablo hätte sie liebend gern nächstes Jahr wiedergesehen, deshalb überlegte er angestrengt. „Hier in der Gegend gibt es nichts, fürchte ich“, sagte er dann mit erkennbarem Bedauern. „Unten am Meer stehen ein paar Anwesen, ist aber alles Privatbesitz. Ziemlich reiche Leute. Ich glaube nicht, dass von denen jemand vermietet.“
„Oh schade. Der Küstenabschnitt ist noch so wunderbar unberührt. In Málaga ist es viel zu voll. Und überall nur blöde Touristen!“
Aber Pablo schüttelte den Kopf. „Die Küste ist in diesem Bereich nur schwer zugänglich. Bis auf die Handvoll Privatvillen gibt es hier nichts.“
„Komisch“, meinte Dierk-Helge zu niemand bestimmtem, „ich hatte doch im Internet gelesen, dass hier irgendwo eine neue Ferienanlage im Bau ist. Ziemlich exklusive Sache.“
Pablo lächelte. „Nein, hier wird nichts gebaut. Das wüsste ich. Ich bin seit vier Wochen aus Deutschland zurück und mache seitdem nichts weiter, als auf diese blöde Straße zu starren.“
„Echt?“ Verwunderung schaute aus Ankes braunen Rehaugen. „Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass das hier war. Wie hieß das Objekt doch gleich noch? Villas Selva y Mar. Oder, Schatz?“
Dierk-Helge nickte versonnen. Pablo runzelte die Stirn. Dann wandte er sich an einen älteren Mann, der in der hinteren Ecke der Terrasse saß, Rotwein trank und Zeitung las. Von dem spanischen Wortschwall, den Pablo auf ihn abfeuerte, verstand Anke kein Wort. So viel zum Thema Spanisch-Leistungskurs. Der Alte sagte drei knappe Sätze und nickte vage in Richtung Málaga.
„Der Jéfe sagt, hier wird nicht gebaut. Kein Mensch hat Geld.“
Der Alte gab einige weitere Bemerkungen ab, Pablo übersetzte simultan.
„Weiter unten, fünf Kilometer zurück Richtung Málaga, da ist irgendwas im Gange. Letztes Jahr ist im Reservat ‘ne Baustelle gewesen. Die sind wohl pleite gegangen, wie so viele andere auch. Seit einiger Zeit wird da wieder gearbeitet, genaues weiß man aber nicht. Ist sowieso nichts für die hiesige Wirtschaft. Das sind stinkreiche Leute da, kommen alle von außerhalb.“
„Ah, kann sein, dass es das war. Eine Abfahrt zum Meer habe ich aber nirgends gesehen. Muss ich wohl verpasst haben.“ Für Anke schien das Thema erledigt zu sein.
„Nein, nein, da gibt es keine Abfahrt. Du musst die Straße nehmen, die vorn im Ort abgeht. Die führt herunter zum Meer und dann weiter zu den Anwesen unterhalb des Dorfes. Von da aus geht eine schmale Straße zu diesen Privatvillen. Sie endet allerdings an einem Parkplatz für Wanderer. Das Ganze ist so ein Naturreservat. Ab da geht nur noch ein Schotterweg weiter. Und irgendwo dort ist auch diese Baustelle. Ich war aber selber noch nie da. Wenn Sie hinwollen, nehmen Sie besser einen Jeep, die Piste ist angeblich ziemlich schlecht.“
„Ach, ist ja auch egal. Wenn die pleite sind, können wir da nächstes Jahr auch nicht buchen.“
Sie zahlten, verabschiedeten sich von dem freundlichen Pablo, stiegen in ihren kleinen Daihatsu und fuhren los. Am Ortsausgang wollte Dierk-Helge, dass Anke nach links zum Meer abbog, aber Anke fuhr zurück ins Hotel. „Morgen“, sagte sie. „Morgen machen wir eine Wanderung.“
Zweitausend Kilometer nördlich versuchte ein inzwischen verzweifelter Walter Lehmann immer noch beständig, seinen ersehnten Telefonkontakt herzustellen. Er tigerte durch die Wohnung und blieb nach einer Weile rastlosen Umherwanderns wie zufällig vor seiner kleinen Vitrine stehen. Wo sonst immer die Flasche stand, war es leer. Walter merkte, dass er jetzt gern einen ordentlichen Schluck genommen hätte. Er verfluchte sich dafür und tat das einzig Richtige: Er soff eine Pulle Mineralwasser auf ex.
Mineralwasser gehörte zu den weniger gefragten Getränken in der Landgaststätte „Zur Kornblume“. Richie grinste zufrieden. Haargenau die richtige Fete für seine Zwecke. Aus dem getönten Seitenfenster seines alten 5er BMW scannte er den Parkplatz irgendwo im Niemandsland zwischen Niehorst und Marienfeld. Voller Verachtung sah er die biederen, gewienerten Kleinwagen sauber in Zweierreihen stehen. Einige der Polos, Corsas und A-Klassen waren tatsächlich mistneu; kleine Geschenke wohlhabender oder vermeintlich wohlhabender Eltern zum 18. Geburtstag. Die Milchgesichter, die ihnen vor Stunden entstiegen waren und sich nun immer wieder in Grüppchen zum Rauchen und Knutschen vor der Tür trafen, steigerten seine Geringschätzung um weitere Lichtjahre. Alle im piekfeinen Zwirn, alle mit Hosen und Polohemden der angesagten Kollektionen und natürlich, als Gipfel der Geschmacklosigkeit, mit hochgestelltem Kragen. Stifter! Allein schon der Anblick erzeugte Brechreiz. Wie war es möglich, dass diese Grünschnäbel so unfertig wie Zweitklässler durch die Gegend stolperten und dabei schon jetzt dieselbe Arroganz vor sich herschoben wie all die Aufsichtsräte, Banker, Ärzte und Fabrikanten, die sie vor gut 19 Jahren im Zustand grenzenloser genetischer Selbstüberschätzung gezeugt hatten?
Und die Ischen? Kein Deut besser. Blasiert, cool, zickig. Okay, einige sahen schon proper aus, aber bevor mit denen was ging, wurde ‘ne alte Oma wieder jung, das wusste er aus Erfahrung. Aus schmerzlicher Erfahrung.
Richie sah einige Pärchen hinter dem Gebäude auftauchen. Man ordnete Haare und rückte Kleidungsstücke zurecht. Er musterte die Mädels und Jungs genau und schmunzelte. Opfertypen. Na, den Laden würde er gleich mal ordentlich aufmischen. Der einsame Security-Typ am Eingang machte ihm keine Sorgen. Der war über vierzig, schlecht bezahlt und nur dazu da, die ordnungsbehördlichen Auflagen zu erfüllen. Für die paar Kröten würde der nichts riskieren.
Stufenfete! Lächerlich. Reine Abzocke. Zehn Euro Eintritt, Musik von der Festplatte und Getränke zu Kneipenpreisen. Das Ganze machte man vier- bis fünfmal im Jahr, um dann vom Gewinn die Abifete in Saus und Braus in der Stadthalle feiern zu können.
Mehrere Gäste kamen nun lachend aus der Kneipe, besetzten Autos und fuhren weg. Die erste Abreisewelle schien begonnen zu haben. Der Türsteher sah auf die Uhr, sprach mit einem der Yuppietypen und zog sich dann ins Innere zurück. Ah, ab jetzt war der Eintritt frei. Richie tippte eine kurze Nachricht in sein Handy und wartete noch 10 Minuten. Dann ging er rein.
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