Kurz darauf kam ein älterer Mann und registrierte, dass zwei neue Gäste hinzugekommen waren. Anke bestellte, und er verschwand in der Küche. Gleich darauf kam er mit zwei großen Schüsseln zurück. In der einen lagen herrlich braun geschmorte Kaninchenteile, offensichtlich ein ganzes Tier, das in handliche Einzelteile zerlegt war. Anke sah auch Leber, Herz und Nieren sowie den Kopf des Tieres, der praktischerweise bereits in zwei Hälften gespalten war. In der anderen Schüssel schwappte ein duftender, dampfender Fischeintopf. Krebsscheren und die Schalen von mindestens drei Muschelsorten schwammen darin herum. Anke strahlte über alle vier Backen. Das hier war genau ihre Kragenweite. Nun kam der Mann erneut und brachte grünen Salat, Pellkartoffeln, Aioli und einen kleinen Krug an ihren Tisch, der eine ordentliche Portion dunklen, kräftigen Bratensatz enthielt.
Anke goss Wein ein und prostete Dierk-Helge zu. Sie trank und erlebte eine weitere angenehme Überraschung. „Boah, der ist unglaublich gut. Das hätte ich bei offenem Tischwein nicht erwartet.“
„Das ist Albariño aus dem Norden“, mischte ihr Tischnachbar sich in passablem Deutsch ein. „Ist der beste Weißwein von Spanien. Der Bruder vom Wirt hat sein eigenes Weingut.“
„Also, beim Weißwein sind wir Deutschen ja ziemlich verwöhnt, aber der hier: Hammer!“
„Ja, euer Riesling ist Weltklasse. Aber der Rotwein taugt nix in Deutschland.“
Dierk-Helge knabberte vorsichtig an einem Kaninchenbein herum, fand aber offensichtlich Gefallen daran und machte sich mit Appetit darüber her. Am besten schmeckten ihm aber die Pellkartoffeln mit dem Bratensatz. „Fleisch, Kartoffeln, Soße, du bist und bleibst ein echter Bauer!“
Anke hatte schon etliche Mies- und Venusmuscheln ausgeschlürft und machte sich nun mit Feuereifer über eine fette Gamba her. Die unglaublich gute Tomatensoße spritzte, als sie den Panzer aufbrach. Hände, Unterarme und auch ihr helles Top hatten schon einige Spritzer abgekriegt, aber das störte sie nicht im Geringsten.
„Iieh, guck mal, die haben den Kopf dazugelegt!“ Leicht angewidert hob Dierk-Helge eine Schädelhälfte an den langen Nagezähnen hoch. Immerhin traute er sich, das Stück anzufassen.
„Sie müssen die Zunge probieren“, meinte ihr Tischnachbar. „Und das Gehirn wird mit dieser kleinen Gabel ausgelöst. Ist das Beste vom ganzen Tier. Außer vielleicht die Leber.“ Anke grapschte sich die Schädelhälfte und lutschte sie aus wie eine Auster.
Später, bei der zweiten Flasche Wein, erbot sich der freundliche Spanier, Fotos zu machen. Er brauchte eine Weile, bis er die Funktion der schweren Canon begriffen und Anke und Dierk-Helge passend hinter einem Berg Muschelschalen und abgenagter Kaninchenknochen drapiert hatte. Die beiden strahlten Wange an Wange in die Kamera, zwei Schnuten glänzten von Kaninchenfett und Muschelsud. Das 45er Speedlite-Blitzgerät, das gegen die Decke gerichtet war, leuchtete die kleine Kneipe problemlos aus.
„Su passaporte, por favor!“ Auch an diesem brütend heißen Donnerstag strahlte die Dame von Iberico Air professionelle Freundlichkeit aus. Bernd Sandmann stutzte. Er merkte, wie er rot anlief. „Un momento“, stammelte er verlegen, „en mi coche.“ Dann griff er sein Handgepäck und verließ eilig das Flughafengebäude. Draußen setzte er sich erst mal auf eine Bank, gut getarnt hinter einer großen Sonnenbrille. „Mann, Mann, Mann, Sandmann, mach jetzt bloß keine Fehler, so kurz vor Schluss! Reiß dich gefälligst zusammen.“ Sandmann merkte, wie seine Hände flatterten. Die Sonne schien heiß von einem wolkenlosen Himmel, aber der Schweiß, der sich reichlich unter seinem arg zerknautschten Sakko ausbreitete, war kalt und klebrig. Siedend heiß war ihm aufgegangen, dass er mit dem Kauf eines Tickets eine breite, verfolgbare Spur auf der Datenautobahn hinterließ und dass auch bei einem Inlandsflug sein Name sicher automatisch überprüft wurde. Sandmann war übel und es flimmerte vor seinen Augen. Er atmete tief durch und zwang sich zur Ruhe. Eine schneidige Motorrad-Doppelstreife der Guardia Civil kam in Langsamfahrt vorbei. Die Jungs lenkten ihre schweren BMWs lässig mit einer Hand und ließen ihre sonnenbebrillten Blicke cool über die Menschen schweifen. Sofort jagten Puls und Blutdruck bei Bernd Sandmann wieder in den roten Bereich. Doch die Gardisten fuhren vorbei. Erleichtert atmete er aus. Das Café auf der anderen Straßenseite sah einladend aus. Sandmann ging hinüber, orderte einen großen Milchkaffee, zwei Stück süßen Kuchen und ein großes Glas Wasser. Nachdem er Flüssigkeitshaushalt und Kalorienspeicher wieder aufgefüllt hatte, ging es ihm deutlich besser. Er nahm das nächste Taxi und fuhr zurück zu seinem Appartement. Dort duschte er ausgiebig und besah sich dann sorgfältig im Spiegel. Schlecht sah er aus. Dunkle Ringe um die Augen, das ganze Gesicht irgendwie schmal und faltig. Tatsächlich schien er auch insgesamt abgenommen zu haben. Der Permanentstress der letzten Zeit hatte deutliche Spuren hinterlassen. Rasiert hatte er sich schon mindestens zwei Wochen nicht mehr, und er musste dringend mal wieder zum Friseur. Schneiden und Tönen, wie ihm ein Blick auf seinen deutlich ergrauten Haaransatz bestätigte. Er entdeckte eine halb volle Flasche Carlos Primero und nahm erst mal einen Schluck. Dann machte er sich an die Sichtung seiner Habseligkeiten, die sich im Laufe des letzten Jahres hier angesammelt hatten. Nach einer ausgiebigen Analyse setzte er sich wieder auf seinen Balkon und dachte eine weitere Runde nach, nicht ohne sich aus besagter Flasche großzügig nachzuschenken.
Den Nachmittag verbrachte Bernd Sandmann an seinem Laptop. Er schrieb etliche E-Mails und fragte immer wieder die Kontostände verschiedener Offshore-Accounts ab. Die Ergebnisse schienen ihm nicht zu gefallen. Rastlos rannte er hin und her und steigerte sich ein weiteres Mal in verzweifelte Panik, gegen die auch der gute Brandy machtlos war. Gegen Abend fiel ihm siedend heiß etwas ein. Er fischte sein Smartphone aus der Hosentasche und schrieb eine kurze SMS, wobei er intensiv von einem Zettel ablas, den er im Portemonnaie verwahrte.
Wäre Walter an diesem Donnerstag pünktlich zur Arbeit gegangen, wäre alles anders gekommen. Doch das Schicksal wollte es nun mal so. Irgendwann tauchte er aus tiefer Bewusstlosigkeit auf in einen Zustand flacheren Dahindämmerns. Nach einer weiteren Stunde begannen zwei unterschiedliche Sinneswahrnehmungen die Oberfläche seines Bewusstseins zu durchstoßen, die sich nach und nach als bohrender Kopfschmerz einerseits und heftige Übelkeit andererseits herausstellten. Walter brauchte weitere 20 Minuten, bevor er körperlich in der Lage war, vier Aspirin aus der griffbereiten Schachtel auf seinem Nachtschränkchen mit einem Glas abgestandenem Mineralwasser runterzuspülen. Das war der Moment, als er auf die Uhr schaute. Ihm wurde klar: Es war Donnerstagmorgen und kurz nach zehn. Er hatte verpennt.
Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schock. Panik schoss in ihm hoch. Er musste sofort los, vielleicht konnte er das Schlimmste noch irgendwie verhindern. Walter sprang auf, dann wurde ihm schwarz vor Augen. Das nächste, was er sah, war die Unterseite seiner Spüle. Um den Siphon tanzten bunte Sterne. Zum Kater und zur Übelkeit gesellten sich ein schrill singender Musikantenknochen, eine riesige Beule am Hinterkopf und eine geprellte Rippe. Walter japste nach Luft wie ein Karpfen an Land und musste erkennen, dass er in keinem arbeitsfähigen Zustand war. Irgendwie schaffte er es, sich am Tisch hochzuziehen, auf seinen Stuhl zu plumpsen, in der Firma anzurufen und sich für zwei Tage krank zu melden. Grippe mit Schüttelfrost und Durchfall.
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