»Da dachten wir natürlich sofort an eure Warnung«, ergänzte Martinez.
»An Polizei ist in so einem Fall ja gar nicht zu denken«, sagte die schlanke Bikini-Blondine.
»Das hat mir meine Frau sofort ausgeredet! Entschuldigung, ich darf kurz vorstellen: Sandrine, meine Frau –«
»Bobine.«
»Karl.«
»Kurt.«
»– meine, äh, jungen Freunde«, beendete Martinez die Vorstellungsrunde und wandte sich Bobine wieder zu. »Ja, wie Sandrine schon sagte, wenn es sich um eine Entführung handelt, dann –«
»– darf man kein Risiko eingehen«, führte Sandrine seinen Satz zu Ende. »Vielleicht ist es sogar schon ein Risiko euch zu verständigen.« Ein skeptischer Blick aus ihren langbewimperten Augen begleitete den Satz.
»Wenn wir helfen können, wollen wir das gerne tun«, erwiderte Karl kühl.
»Wenn das gewünscht wird«, fügte Kurt hinzu.
»Ja, ja, das ist gewünscht«, beteuerte Martinez mit Nachdruck. »Was können wir denn sonst –?«
Ein mobiles Funktelefon ließ seine merkwürdige Fanfare, die französische Nationalhymne, erklingen. Nervös ging Martinez an den Apparat. Er lauschte einer offenbar fremden Stimme. Danach wurde er blass. Es wurde kein langes Gespräch.
»Fünf Millionen«, sagte das Rennfahreridol, nachdem er aufgelegt hatte, »fünf Millionen Euro. Und dann soll ich mir einen Koffer besorgen, Marke, Typ, Farbe – alles genau festgelegt.« Fassungslos nahm er wieder auf dem Sofa Platz und schloss, als er merkte, dass er praktisch in Unterhose vor den Kindern gestanden hatte, seinen weißen Bademantel. Sandrine setzte sich zu ihm und streichelte ihm teilnahmsvoll die Wange.
»Sonst nichts?«
»Geld und Koffer, das ist alles. Und dass sie meinen Sohn haben, meinen Silly...«
Eine Weile herrschte ratloses Schweigen. Dann schlug Karl vor: »Bitte schildern Sie uns doch mal ganz genau, was letzte Nacht passiert ist, alles, was Sie gehört, gesehen, meinetwegen auch gerochen haben. Vielleicht finden wir irgendeinen Hinweis darauf, wie Ihr Sohn entführt wurde.« Karl gab mal wieder in gekonnter Manier den souveränen Profi. Keine Rolle beherrschte er besser und in keiner konnte er sich wohler fühlen.
»Also, ich war gestern Abend gar nicht zu Hause. Ich hatte eine Laudatio bei der Ehrung zum Sportler des Jahres in Monte Carlo zu halten. Die Veranstaltung dauerte bis spät in die Nacht. Als ich nach Hause kam, warf ich noch eine kurzen Blick in Sillys Schlafzimmer. Er schien fest zu schlafen.«
»Woran haben Sie das gemerkt?«, wollte Karl wissen.
»Naja, man konnte im Halbdunkel des durch die Tür einfallenden Lichts sein dunkles Haar sehen, das aus der Bettdecke herausragte. Ich wollte ihn nicht aufwecken, denn es war schon nach Mitternacht. Also schloss ich die Tür und ging ebenfalls zu Bett.«
»Ich nahm im Halbschlaf wahr, wie er zu mir ins Bett kroch«, führte Sandrine den Bericht ihres Mannes fort, »und schlief weiter. Am nächsten Morgen ließ ich Silly wecken. Wir gehen jeden Morgen sehr früh zusammen schwimmen, das ist ein herrlich erfrischender Start in den Tag. Als Kalil, unser Diener, ihn wecken wollte, fand er das Bett leer und schlug Alarm.«
»Leer in welcher Weise? War das Bett gemacht und ordentlich oder war es zerwühlt und aufgeschlagen?«
»Zerwühlt und aufgeschlagen«, erinnerte sich Sandrine ohne Zögern. »Jemand muss ihn aus dem Schlaf gerissen und entführt haben!«
»Können wir Sillys Zimmer mal sehen?«
»Natürlich«, nickte Martinez. »Wir haben nichts angerührt.«
Sie fanden Sillys Nachtlager so vor, wie es die junge, blonde Frau geschildert hatte: Das Bett war zerwühlt, die Tür des Kleiderschranks neben dem Bett aufgerissen und einige Kleidungsstücke lagen auf dem Boden verstreut, als hätte jemand in aller Eile etwas zum Anziehen für den jungen Silly gesucht. Ansonsten lag vor ihnen das Zimmer eines ganz gewöhnlichen Jugendlichen, das vielleicht nur ein bisschen groß ausgefallen ist: Es bot Platz für ein riesiges Aquarium in der Ecke neben dem Fenster, das auf den riesigen Garten des Anwesens ging, und, auf der dem Bett gegenüber liegenden Seite, einen langen Schreibtisch sowie ein Sofa, auf dem drei Plüschtiere Platz genommen hatten: ein lebensgroßer Königspinguin, ein Hai und ein Eisbär.
»Anscheinend liebt Silly Wassertiere«, kombinierte Karl.
»Er ist ja auch selbst eine wahre Wasserratte!«, erwiderte Martinez. Karl wurde plötzlich schmerzlich bewusst, dass er sich ein bisschen zwingen musste von Silly im Präsens zu sprechen, wo doch niemand sicher sein konnte, dass man den Jungen lebend wiedersehen würde. In aller Ruhe sah er sich in dem Zimmer um, hob hier und da etwas vom Boden auf um es sich genauer anzusehen und dachte angestrengt nach.
»Als Sie hier gestern Nacht hereinschauten, war alles in Ordnung? Ich meine, da lag nichts auf dem Boden und –«
»Ja, alles war wie immer«, sagte Martinez.
»Wann war das?«
»Nun, die Veranstaltung ging bis Mitternacht. Es muss so gegen eins gewesen sein.«
»Was denn, Ihr Chauffeur braucht von Monaco bis hier oben nur eine Stunde? Der hat ja ’n ganz schönen Zahn drauf!«
»Naja – ich bin gefahren«, erklärte der dreifache Weltmeister.
»Verstehe. Als Sie nach Hause gekommen sind, war da irgendetwas anders als sonst?«, setzte Karl seine Befragung fort.
»Nein, nichts. Es sei denn –«
»Ja?« Alle blickten gespannt auf Martinez, dem etwas eingefallen zu sein schien. Sandrine knetete mit ihren regelmäßig gewachsenen weißen Zähnen ihre Unterlippe.
»Die Gänse waren nicht draußen, als ich gestern kam. Ihr habt es vielleicht bei der Einfahrt gemerkt«, fuhr der einstige Champion, Karl zugewandt, fort, »ich habe etwa ein Dutzend Graugänse, die einen Mordsradau machen, wenn etwas nicht in Ordnung ist.«
»Also Wachgänse anstelle von Wachhunden?«
»Meine Frau ist allergisch gegen Hundehaare«, erklärte Martinez achselzuckend.
»Kalil hat die Gänse in der Hütte eingesperrt«, sagte Sandrine. »Du weißt schon – Madame Epervier...«
»Wir haben eine Nachbarin«, fügte Martinez erläuternd hinzu, »eine Deutsche übrigens. Ihr inzwischen verstorbener Mann hat sie aus dem Krieg mitgebracht und ihr die Villa auf dem Hügel nebenan vererbt. Ihr habt das Haus vielleicht bei der Anfahrt gesehen. Die gute Dame ist zwar an die neunzig, aber gut in Schuss und leider nicht die Bohne schwerhörig. Angeblich stört das Geschnatter meiner Gänse ihren Schönheitsschlaf, vor allem, wenn der Wind ungünstig steht, und sie hat schon einmal mit einer Anzeige wegen nächtlicher Ruhestörung gedroht.«
»Manchmal muss Kalil deshalb die Gänse einsperren«, ergänzte Sandrine.
»Verstehe«, sagte Karl. »Sie hatten also mehr Angst vor Ihrer alten Nachbarin als um Ihren Sohn, nachdem wir Sie eindringlich vor einem Vorkommnis dieser Art gewarnt hatten.« Alles schwieg betreten. Martinez holte aus seiner Bademanteltasche eine Zigarre hervor und zündete sie an. Karl konnte manchmal wirklich unerbittlich sein. Er selbst brach schließlich das Schweigen, indem er darum bat, mit Kalil, dem Hausdiener, und mit dem Chauffeur sprechen zu dürfen, der sie hergebracht hatte. Von den beiden Männern, einem Algerier mit französischem Pass und einem aus Bordeaux stammenden Franzosen namens Roger Padilla, war wenig Neues zu erfahren. Sie bestätigten lediglich die Angaben des Ehepaares.
Das Ehepaar Martinez und die drei Freunde hatten wieder im Salon Platz genommen. Kalil brachte ein Tablett mit Minzwasser für die Kinder und stellte es auf den Marmortisch, um den sie alle in dem palastgleich ausgestatteten Wohnzimmer saßen, weich und bequem in den herrlichen Velourssesseln. Im einfallenden Sonnenlicht leuchteten die Gläser mit dem Getränk in smaragdenem Grün. Vom Wohnzimmer aus hatte man einen Blick auf den Swimming-pool und im Hintergrund begrenzten ein paar der für die Provence so typischen kalkweißen, kuppelförmigen Gebirgszüge den Horizont. Die Ventilatoren der Klimaanlage rotierten leise.
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