»Was ist denn los, Karl?«, wollte Kurt wissen, als sie die andere Seite erreicht hatten.
»Wir müssen ins Hotel zurück«, meinte Bobine. »Du bist klitschnass!«
»Ich will erst wissen, wo Hamid abgeblieben ist«, erklärte Karl.
»Hamid?«, hakte Kurt nach.
»Ja, so heißt der Junge, den die beiden Banditen gejagt haben.«
»Und wahrscheinlich immer noch jagen«, ergänzte Bobine besorgt. »Trotzdem musst du jetzt erst mal verschnaufen. Da vorne ist eine Bank.« Sie meinte eine Parkbank wenige Meter vor ihnen am Rand der breiten, palmbeschatteten Promenade. Karl ließ sich nicht lange bitten und setzte sich. Links und rechts von ihm nahmen seine Freunde Platz. Endlich konnte Karl ausruhen und zu sich kommen, verschnaufen, verarbeiten. Was war geschehen?
Es war der erste Tag ihres als Höhepunkt der Sommerferien geplanten Urlaubs in Südfrankreich. Karls Vater, ein begnadeter Ingenieur, war von seiner Hockey Beacher Firma nach Südfrankreich geschickt worden, um am Stadtrand von Marseille die Endmontage einer Müllverbrennungsanlage zu überwachen, deren Computersteuerung er selbst entworfen hatte. Und das hieß: Urlaub auf Firmenkosten – zumindest für Karl. Denn Südfrankreich, das war die Côte d’Azur, das waren Sommer, Sonne, Strand und mehr. Für dieses Mehr und um das alles so richtig genießen zu können brauchte Karl allerdings seine Freunde. Er hatte nämlich keine Lust sich allein in Marseille zu langweilen, weil sein viel beschäftigter Vater ständig auf Achse war. Denn so war es ja eigentlich immer. Also hatte er gefragt, ob Kurt und Bobine, seine beiden besten Freunde, nicht auch mitreisen konnten. Es musste doch möglich sein, wenn die Firma ihrem besten Mitarbeiter die Strapazen einer langen Reise zumutete, noch ein zweites Hotelzimmer herauszuschlagen. Und selbst wenn die Firma sich quer gestellt hätte, am Finanziellen wäre die Sache gewiss nicht gescheitert. Dafür hätte der angesehene Professor Kramer, wie andere Leute Karls Vater anredeten, schon gesorgt. Der Maestro der Maschinentechnik, der vor einiger Zeit die Praxis in einem expandierenden Unternehmen der Lehre und Forschung am Technical College of Hockey Beach vorgezogen hatte, nagte schließlich nicht am Hungertuch. Die im Süden von Stuttgart gelegene Exklave der Vereinigten Staaten von Amerika, eine Art schwäbisches Hollywood, das schon so herausragende Talente wie den Regisseur und Geisterseher Wild Fred Hitchcock (der hartnäckig sich haltenden anderslautenden Beteuerungen zum Trotz nie ein Kinderbuch geschrieben hat), das Polit-Schwergewicht Ronald Trampel, die Opern-Diva Barbara Streusalz und die Charakterdarstellerin Sandra Bulldog, ihren Kollegen George Klugie und dessen Kollegen Bert Kitt oder auch den Tennisstar André Schlawatti hervorgebracht hatte (verehelicht mit dem deutschen Fräuleinwunder Estefania Herzog), sie war auch die Heimat der drei Freunde. Die Bewohner von Hockey Beach konnten sich dank der Gnade des Schicksals, hier und nicht anderswo zur Welt gekommen zu sein, zugleich als US-Bürger und als Deutsche fühlen. Die Wahrheit war natürlich, dass Karl, Kurt und Robert alias Bobine ihre eigentlichen Erfolge der deutschen Sprache verdankten. Schließlich gab es in Hockey Beach, das seinen Namen dem zur Exklave gehörigen gleichnamigen Sandstrand (»The Real Hockey Beach«) am Bodensee verdankte, einem Touristenmekka, das, ähnlich wie Bremerhaven, viel populärer ist als der Hauptort, zu dem es gehört, schließlich, um zum Thema zurückzukommen, gab es in Hockey Beach (»Main Hockey«) ein deutschsprachiges Gymnasium, das alle drei mit großem Erfolg besuchten. Dort hatte es sich auch zugetragen, dass Robert seinen beiden Freunden eines Tages seine wahre Identität enthüllte. Während es sich hierbei also um eine sozusagen spektakuläre Enthüllung handelte, war Robert, der sich seit diesem Tag mit »Bobine« anreden ließ und auf die Ansprache »Robert« oder »Robbi« so reagierte, als stünde noch jemand anders neben ihm, der damit gemeint sein müsste, glich sein Erscheinungsbild an jenem denkwürdigen Tag eher einer Ver hüllung. Robert trug eine Perücke mit langem blondem Haar (in quirligen Locken, die unwillkürlich an eine Plastikpuppe der Marke Marnell erinnerten), duftige rosa Kopftücher, die er wie ein nordafrikanischer Tuareg zig Mal um den Hals gewickelt hatte, eine dazu passende rosa Bluse und eine Hose wie Sandra Bulldog in ihrem großen Filmhit »Speed Dating mit Mr. Riefs«. Sein Erscheinungsbild hatte sich seither auch nur unwesentlich gebessert. Lediglich der gefühlt dreizehn Meter lange rosa Seidenschal war eines Tages verschwunden. Böse Zungen behaupteten, Fünftklässler (die noch keine Unterweisung in Sexual- und Genderkunde empfangen hatten und es daher nicht besser wissen konnten) hätten Bobine das Utensil geklaut, um sie zu ärgern, es später in 88 Teile zerschnitten und in Textiles Werken zu Topflappen, Augenklappen, Baseballkappen und ähnlichem Zeug umgeschneidert. Ein albernes Gerücht, hatte Karl angenommen, bis er eines Tages einen Mitschüler dabei ertappt hatte, wie er ein halbseidenes, rosa schimmerndes Lätzchen um den Hals wickelte, ehe er seine üppige Pausenmahlzeit zu sich nahm. Karl hatte dann allerdings davon abgesehen, den Entlarvten zu verpfeifen. Denn er wusste aus leidiger Erfahrung, was einer solchen Anklage folgen würde: Bobine würde sich ob ihrer neu entdeckten Weiblichkeit, die nun allen, die Wert darauf legten, noch einmal neu zu Bewusstsein kam, abermals einer Reihe von Anfeindungen ausgesetzt sehen und tagelang als »Boby-Baby« verspottet werden, übrigens nicht nur von Fünftklässlern, sondern auch von Sechs- bis Zwölfklässlern, die es entweder an der nötigen Reife vermissen ließen oder den Genderunterricht einfach geschwänzt hatten.
All diese Ereignisse lagen inzwischen aber schon einige Monate zurück. Und jetzt wollte Karl an etwas anderes denken. Denn sie befanden sich im Urlaub. Da waren sie also – Karl, sein bester Freund Kurt und Bobine, der Junge, der ein Mädchen war (oder sich jedenfalls so fühlte) und eigentlich Robert hieß – in einem schicken Hotel im Süden von Marseille, gar nicht weit von der malerischen Côte d’Azur. Die heiße Mittelmeersonne hatte sie früh aus dem Bett geworfen und gegen elf hatten sie sich aufgemacht ein bisschen die Stadt zu erkunden. Und dabei hatte es sie naturgemäß Richtung Altstadt, Richtung Meer getrieben. Das Wasser – und den Fisch – konnte man ja förmlich riechen in dem Viertel, in dem ihr Hotel lag. Sie waren also Richtung Hafen flaniert und dann war Bobine auf die ersten Stände dieses fast schon orientalisch anmutenden Marktes gestoßen. Teilweise kam man sich tatsächlich vor wie auf einem arabischen Basar, so eng war die Gassenführung zwischen den Tischen und Ständen, so heiß und schwül die Atmosphäre unter den Sonnenschirmen und provisorischen Überdachungen. Auch die Menschen, die hier die verschiedensten Sachen feilboten, von Obst und Gemüse bis hin zu afrikanischen Holzfiguren und wertvollen Schmuckstücken, hatten nicht selten einen fremdländischen Einschlag. Viele waren vermutlich Einwanderer aus Nordafrika, aus Algerien und Marokko und anderen einstmals französischen Kolonien. Bobine hatte auf dem Markt unwillkürlich die Führung übernommen, denn sie sprach fließend und praktisch akzentfrei Französisch, weil sie als Kind ein paar Jahre in Frankreich gelebt hatte. (Selbiges galt übrigens, dank ihres Diplomatenvaters, für England und Spanien mit den entsprechenden Auswirkungen auf Bobines Verständigungsfähigkeit.) Für Karl und Kurt hatte das zur Folge, dass sie ständig an irgendwelchen langweiligen Schmuck- oder Modeständen auszuharren hatten, die sie nicht die Bohne interessierten. Die beiden Jungs taten gerade mal wieder ihre Ungeduld kund, indem sie mit den Fingern auf dem Verkaufstisch herumzutrommeln begannen, vor dem Bobine in ihrer Geldbörse wühlte, als plötzlich Unruhe aufkam. Ein kleiner Junge, Hamid, wie sie inzwischen wussten, drängelte sich durch die Menschenmenge zwischen den Ständen und sorgte so für Unmut unter den Passanten. Der wurde bald noch größer, denn als Hamid an den drei Freunden vorbei war, sahen sie auch schon die Köpfe seiner beiden Verfolger in der Menge auftauchen und rasch näher kommen. Der Hintere rief laut: »Au voleur!«, was den Verdacht nahe legte, dass Hamid ein Taschendieb war, der auf frischer Tat ertappt worden war. Beide hatten ein südländisches Aussehen und gehörten vermutlich ebenfalls der großen Schar von Einwanderern an, die für das Erscheinungsbild von Marseille so typisch waren. Der Vordere war schwer und stämmig und miserabel rasiert. Er trug ein völlig verdrecktes T-Shirt, das mal weiß gewesen sein musste. Der Mann hinter ihm war klein und drahtig und verkörperte mit seinem aufgekrempelten Karo-Hemd und der Angeber-Sonnenbrille offensichtlich den Coolen im Bunde.
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