Die Stimmen kamen bedrohlich näher. Außerdem hörte es sich so an, als würden sie systematisch mit ihren schweren Stiefeln gegen die verschiedenen Tische treten, offenbar weil sie ihr Versteck ahnten. Karl benötigte dringend einen Fluchtweg. Hinter ihm, nur wenige Meter und ein paar Stände entfernt, verlief die Kaimauer. Sollte er einfach ins Wasser springen? Durch eine Ritze in der Tischplatte, die ihn verdeckte, sah er plötzlich einen schwarzen Stiefel bedrohlich näher kommen. Im selben Augenblick hörte er ein lautes Krachen, spürte er einen dröhnenden Schmerz an der Stirn. Das gibt eine Beule, dachte er noch. Im Nu hatte er sich hochgerappelt und nahm die Beine in die Hand. »Viens! Vite!«, rief er nur, für mehr Anweisungen blieb keine Zeit. Der Junge lief ihm hinterher. Sie ließen die letzten Stände hinter sich, rempelten noch ein paar Passanten um und stürzten sich ohne lange zu überlegen mit einem lauten Schrei in das Hafenbecken. Karl tauchte unter eine der vielen Segelyachten, die dort vor Anker lagen und deren hohe, weiße Masten das Bild bestimmten. Er war froh, dass er heute Morgen keine lange Hose angezogen hatte. Die hätte ihn jetzt unter Wasser nur behindert. Hinter dem Boot tauchte er auf. Er hatte keine freie Sicht auf den Kai, aber er hörte lautes Geschrei. Wahrscheinlich waren die Männer unschlüssig, was zu tun war, und schrien sich daher gegenseitig an. Dann hörte er ein lautes Platschen. Zumindest einer der Männer hatte offenbar die Verfolgung aufgenommen. Plötzlich zuckte Karl zusammen. Jemand stieß unter Wasser an sein Bein und schien es packen zu wollen. Instinktiv trat er nach hinten aus und schwamm sofort davon. Erst als er zwischen zwei Segelbooten wieder auftauchte und neben sich den Jungen vom Markt entdeckte, war ihm klar, dass er unter Wasser keine Feindberührung gehabt hatte. Karl fiel gerade nichts anderes ein, als dass er nicht einmal den Namen des jungen Burschen kannte, der ihm das alles hier eingebrockt hatte. Und obwohl das kaum der geeignete Moment sein konnte um sich bekannt zu machen, fragte er ihn in seinem schlechten Französisch danach. »Hamid«, kam die atemlose Antwort. »Karl!«, antwortete Karl, nahm die linke Hand kurz aus dem Wasser und deutete auf sich. Für mehr Vertraulichkeit blieb den Jungen keine Zeit. Denn fast gleichzeitig sahen sie von unten einen Schatten auf sich zu rasen. Wie auf Kommando tauchten sie in verschiedene Richtungen ab. Karl schoss durch die kühlen Fluten, als ginge es um sein Leben, und – wer weiß – vielleicht war es ja auch so. Im grünlichen Meerwasser sah er eine Ankerkette vor sich auftauchen. Er spürte, dass seine Lungen vorm Zerplatzen waren, und bewegte sich Richtung Wasseroberfläche. Aber er kam nicht oben an, denn der Griff, den er diesmal an seinem Bein spürte, war ein alles andere als freundschaftlicher. Jetzt hatten sie ihn! Jeder andere Junge wäre in Panik verfallen. Karl jedoch wusste und hatte es schon tausendmal erlebt: Ruhe bewahren, Panikattacken vermeiden, ein Stoßgebet zum Himmel – und irgendeine Lösung würde sich auftun. Und genau diese ein, zwei Sekunden Bewegungslosigkeit hatten die Aufmerksamkeit seines Gegners geschwächt. Karl strampelte instinktiv mit den Beinen und konnte so noch ein paar Meter vorankommen, ehe der Feind ihn wieder zu packen versuchte. Doch jetzt war Karl nah genug an der Ankerkette des Schiffs über ihm um danach greifen zu können. Er zog seinen Körper an die Kette, lehnte sich an sie und hatte nun einen Widerstand im Rücken, der es ihm ermöglichte, kraftvoll nach seinem Gegner zu treten. Mehrfach trat er den unheimlichen Angreifer, den er in der grünen Brühe nur schemenhaft erkennen konnte, gegen Arme, Bauch und Gesicht. Er zwang ihn damit, von seinem Opfer abzulassen und zurückzuweichen. »Danke, Gott!«, dachte Karl noch, während er sich von der Ankerkette abstieß, diesmal in die entgegengesetzte Richtung. Dann tauchte er auf. Endlich Luft!
An einem Schiffsrumpf entlang schwamm er auf die Kaimauer zu, an der zum Glück an dieser Stelle ein paar Stufen eingelassen waren. Erschöpft zog er sich an ihnen aus dem Wasser und stapfte hinauf. Rechts von ihm stand ein Denkmal mit der Büste eines berühmten Komponisten. Aber für Kunst hatte Karl jetzt keine Zeit. Er passierte ein altes Hafengebäude, das heute einem Fast-food-Restaurant, einem Souvenir-Laden und einer Eisdiele Raum bot. Vor ihm erstreckte sich ein Platz mit einigen geparkten Wagen. Im Hintergrund dehnte sich, leicht ansteigend, die Stadt mit den vielen historischen Gebäuden aus, die sich, zumeist in Pastell-Farbtönen, der Sonne entgegen reckten, darunter das alles überragende Hôtel-Dieu , das in seiner Majestät die anderen Häuser von hinten zu umarmen schien.
Ein paar Touristen blickten den Jungen verwundert an, gingen dann aber gleichgültig weiter. Das Geschrei auf der anderen Seite des Hafengebäudes, wo der Markt zu Hause war, schien sie mehr zu interessieren. Außerdem war das schon der zweite nasse Junge, der ihnen auf diesem Platz am Hafenbecken entgegenkam. Denn keine hundert Meter vor ihm, kurz davor die belebte Hafenstraße zu überqueren, befand sich Hamid. Er hatte eine deutlich sichtbare Wasserspur hinterlassen, der Karl nur nachzugehen brauchte. Aber nicht nur er. Und während Karl noch an den Verfolger dachte, der sich in diesem Augenblick hinter ihm aus dem Wasser zog, sah er dessen Komplizen, den Stämmigen mit dem Schmuddel-T-Shirt, bereits aus der Richtung, in der der Markt lag, die Straße entlang auf Hamid zu rennen. »Hamid! Attention!«, rief er über den belebten Platz und begann gleichzeitig Hamid im Laufschritt hinterherzueilen. Hamid wandte sich um und sah sofort die doppelte Gefahr: den Mann, der von rechts auf ihn zukam, und den Mann, der vom Hafenbecken kommend Karl hinterherlief. Ohne zu überlegen stürzte er sich in den lärmenden Verkehr auf der Straße vor ihm. Er löste damit ein wütendes Hupkonzert aus, kam aber heil auf der anderen Seite an. Er preschte in eine Straße, die leicht bergan zu einem Platz mit einer Kirche führte. Ihr Turm ragte weithin sichtbar aus dem Häusermeer heraus. Als sein wütender Verfolger es ihm gleichtun wollte, wurde er von einem der Autos erfasst. Der Fahrer, ungeduldig geworden, hatte nach der Verkehrsstörung, die Hamid verursacht hatte, die verlorene Zeit wettmachen wollen und heftig beschleunigt. Der Mann flog über die Kühlerhaube und fiel seitlich wieder herunter. Als er sich aufgerappelt und die andere Straßenseite erreicht hatte, war Hamid in der Menschenmenge verschwunden. Er wandte sich um zu seinem Kumpan, der in diesem Augenblick Karl erreichte, ihn brutal am Kragen packte und zur Rede stellte. Er nahm offenbar an, dass er ihn zu Hamid führen könne, weil er augenscheinlich mit ihm befreundet war. Karl stellte sich dumm, was ihm angesichts seiner beschränkten Französisch-Kenntnisse nicht schwer fiel. »Filons!«, rief ihm sein Kumpel von der anderen Straßenseite aus zu. Dass das auf Deutsch so viel bedeutete wie: »Hauen wir ab!«, konnte man auch ohne Fremdsprachenkenntnisse erraten, denn der Stämmige gestikulierte wild und zeigte in Richtung Innenstadt. Er hatte nämlich gesehen, was der Mann, der Karl wütend gegenüberstand, so schnell nicht registriert hatte: dass eine offensichtlich aufgebrachte Meute von Händlern, unter ihnen Kurt und Bobine, vom Markt her auf sie zugeeilt kam. Irgendwo in der Ferne ließ sich jetzt auch das eigenwillige französische Martinshorn hören. Und plötzlich war der Mann, der Karl eben noch bedroht hatte, verschwunden.
»Mensch, Karl!«, rief Kurt sichtlich erleichtert. Bobine war vor Schreck ganz blass geworden. Beide kamen eilig auf Karl zugeschritten und hielten das Abenteuer für überstanden. Doch Karl sagte nur: »Kommt mit!«, gab ihnen einen Wink und ging mit ihnen zur nächsten Ampel, damit sie die mehrspurige Straße gefahrlos überqueren konnten. Die aufgebrachten Franzosen sahen, dass sie nicht mehr viel gegen die Unruhestifter ausrichten konnten, und zogen es vor, ihre umgestürzten Tische wieder in Ordnung zu bringen und der Polizei, die unterdessen am Marktplatz eingetroffen war, ein paar Erklärungen zu geben.
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