Kurz nach dieser Begegnung hörten Karl und seine Freunde es laut scheppern. Ganz in ihrer Nähe musste ein Stand umgekippt sein. Sie gesellten sich zu den Schaulustigen, die der Zwischenfall rasch gefunden hatte, und konnten mit ansehen, wie die beiden Männer Hamid zu packen und fortzuschleifen versuchten, wogegen der sich mit Händen und Füßen wehrte. In dem Tumult waren zwei Stände links und rechts umgestoßen worden, was bei den betroffenen Händlern für laute Unmutsbekundungen sorgte. Hamid biss dem Stämmigen, der ihn von hinten gepackt hatte, in den Arm und trat nach dem Coolen vor ihm. Der Coole stürzte nach hinten, fiel auf einen weiteren Tisch und riss diesen mit sich zu Boden. Äpfel, Pfirsiche, Nektarinen und Tomaten kullerten in rauen Mengen über den Weg. Ihre Besitzerin schrie Zeter und Mordio. Als der Coole aufstehen wollte, zerdrückte er mit der rechten Hand seine Hundert-Euro-Sonnenbrille, die ihm beim Sturz von der Nase gefallen war. Mit einem Fluchen schleuderte er die zerstörte Sonnenbrille durch die Gegend. Dabei verlor er erneut das Gleichgewicht und landete mit dem Hintern auf zwei Tomaten und drei reifen Pfirsichen, die er auf diese Weise zu einem ungenießbaren Mus zermantschte. Man durfte wohl davon ausgehen, dass sich seine Laune jetzt nicht mehr verschlechtern konnte. Als daraufhin der Stämmige begann wütend auf Hamid einzuschlagen, hielt es Karl nicht länger in der Menge der Zuschauer. Er preschte vor, stellte sich schützend vor Hamid, der gerade einer weiteren Ohrfeige auszuweichen versuchte, und rief: »Arrêtez, c’est un petit...«, was so viel heißt wie: »Sofort aufhören, er ist doch nur ein kleiner...« Und schon verließen Karl seine nicht gerade glorreichen Französisch-Kenntnisse und er bat Bobine für ihn zu dolmetschen. Gerade als er sich zu ihr umgedreht hatte, traf ihn ein heftiger Hieb im Nacken. Karl stürzte zu Boden. Bobine schrie auf. Hamid nutzte die allgemeine Verwirrung zur Flucht und kroch unter dem nächsten Tisch, der noch stand, hindurch um im Marktgetümmel unterzutauchen. Doch er kam nicht weit. Der Coole, der eben gestürzt war und noch am Boden lag, hielt ihn am Fuß fest. Karl, der inzwischen wieder aufgestanden war, hatte es mit friedlichen Mitteln versucht. Jetzt hieß es handeln. Er trat dem Mann, der am Boden lag, auf den Arm, so dass Hamid wieder frei kam. Hamid kroch unter drei, vier Tischen hindurch und Karl folgte ihm, während Kurt und Bobine ihnen verzweifelt nachriefen. Karl fand sich zwischen stinkenden Abfällen, überraschten Füßen und abgegriffenen Kisten wieder. Er sah nur noch Beine: Tischbeine, Stuhlbeine und Menschenbeine. Immer wieder stieß er mit etwas zusammen, meistens waren es Menschenbeine. Hamid vor ihm hatte es allerdings noch viel schwerer. Er musste schließlich für beide den Weg durch diesen Markt-Untergrund bahnen. Schließlich gelangten sie zur nächsten Marktpassage. Hamid richtete sich vor den völlig verblüfften Augen einer molligen französischen Gemüsehändlerin auf und Karl folgte ihm, was die arme Marktfrau fast die Besinnung gekostet hätte. Zum Glück hatte ihre Nachbarin eine frisch angeschnittene Knoblauchzehe zur Hand, die sie ihr unter die Nase hielt um der drohenden Ohnmacht zuvorzukommen. Hamid und Karl hatten gerade noch Zeit die beiden aufgebrachten Männer brüllend um die Ecke pesen zu sehen, ehe sie sich wieder ins Getümmel stürzten. Hamid wählte diesmal den direktesten Weg der Flucht. Er stieg unter großem Oh und Ah der Umstehenden auf den nächstbesten Tisch, kletterte auf den Sonnenschirm über ihm und brach mit ihm zusammen. Der Sonnenschirm stürzte mit einem Knirschen in das Zeltdach des Nachbarstandes und es gab einen Riesen-Aufruhr. Viele Menschen flohen in Panik, rissen dabei weitere Stände um und versetzten auf diese Weise wieder andere in Unruhe, so dass schließlich ein heilloses Durcheinander herrschte, begleitet von den wüstesten französischen Schimpfwörtern, die schon deshalb an dieser Stelle nicht wiederholt werden können, weil sie schlicht unübersetzbar sind.
Niemand konnte nun mehr genau sagen, was wo gestanden hatte. Karl, der sofort in die Schneise getreten war, die der umgestürzte Sonnenschirm gebildet hatte, war gerade noch ins Auge gesprungen, wie sich Hamid nach links abzusetzen versuchte, und eilte ihm nach. Hinter einem umgestürzten Tisch, der zusätzlich durch ein abgerissenes Stück Plane verdeckt wurde, hatten schließlich beide Unterschlupf gefunden – zumindest für eine kurze Weile.
»Ich habe Angst«, sagte Karl, der Schuhe, Socken und sein nasses T-Shirt ausgezogen und ausgewrungen hatte. Jetzt, nachdem die Sonne ihn ein wenig getrocknet und gewärmt hatte, zog er sich wieder an.
»Man sieht’s. Du zitterst am ganzen Leib«, erwiderte Bobine.
»Ach, das ist nur, weil ich frier’«, sagte Karl. »Aber das trocknet schon wieder. Nein, was ich meine, ist: Ich habe Angst um Hamid. Was wird mit ihm passieren, wenn die Männer ihn doch noch zu fassen kriegen?«
»Der ist längst auf und davon«, meinte Kurt.
»Möglich. Trotzdem können wir noch nicht ins Hotel zurück. Nicht ohne Hamid! Ich will wissen, was er angestellt hat, dass die beiden Irren hinter ihm her sind wie der Teufel hinter der armen Seele. Da stimmt doch was nicht.«
»Ich vermute, das ist ein ganz gewöhnlicher Taschendieb«, sagte Kurt. »Einer, der sich illegal hier aufhält – ob mit oder ohne Eltern – und mit Diebstahl über die Runden zu kommen versucht.«
»Na gut, nehmen wir mal an, das ist so. Aber warum rufen die Bestohlenen dann nicht einfach die Polizei und die Sache ist geritzt? Stattdessen veranstalten die so einen Affenzirkus und bringen sich womöglich noch selber in den Knast.«
»Südländisches Temperament. Vielleicht sind einfach die Nerven mit ihnen durchgegangen«, meinte Bobine.
»Nee, nee, Leute. Ich sage euch: Da steckt mehr dahinter.«
»Vielleicht hat er was geklaut, was die Männer unbedingt brauchen, was aber illegal ist, und deswegen wollen die keine Polizei.«
»Gar nicht mal schlecht kombiniert, Kurt. Aber eines dürfte klar sein.«
»Nämlich?«
»Dass wir auf keinen Fall länger untätig hier herumsitzen können. Mir ist nämlich mächtig kalt! Meine Hose ist immer noch pitschnass.«
Mit diesen Worten erhob sich Karl von der Bank und nahm Hamids Fährte wieder auf. Er bog in die Straße ein, in der er den Jungen zuletzt gesehen hatte. Die Straße stieg, gesäumt von mehrgeschossigen Jugendstil-Häusern, leicht an und nach ein paar Hundert Metern erreichten sie einen kleinen Platz mit einer alten Kirche. »Wir sollten mal einen Blick da reinwerfen«, schlug Karl vor.
»Willst du beten?«, erkundigte sich Kurt.
»Ach, ein kleines Dankgebet, dass ich noch lebe, kann sicher nicht schaden. Aber dafür brauche ich keine Kirche.«
»Mir wär’s manchmal lieber«, entgegnete Bobine schnippisch, »er packt dich bei den Schultern und hält dich davon ab, immer so waghalsige Sachen zu machen.«
»Also, wozu jetzt in die Kirche? Was hast du vor?«
»Stellt euch mal vor, ihr seid auf der Flucht vor solchen miesen Typen, wie wir sie eben erlebt haben. Ihr seid völlig fertig und könnt nicht mehr. Fällt euch etwas ein, wo ihr vielleicht versuchen würdet euch in Sicherheit zu bringen, wenn ihr zufällig daran vorbeikämt?«
»Eine –«
»– Kirche?«
Durch das große Portal betraten die drei Freunde das im gotischen Stil errichtete Gotteshaus. Eine endlose Reihe von Holzbänken vor einem bunt leuchtenden Altarraum empfing sie, als sie in die andachtsvolle Stille und Kühle des Kirchenschiffs traten. Alle Fenster links und rechts und hinter dem Altar schillerten, vom Tageslicht beschienen, in den bunten Farben der Glasmalerei. Links und rechts des Mittelgangs, durch den Bobine schritt, gab es ein paar betende Menschen, aber von Hamid war nichts zu sehen. Kurt ging den linken, Karl den rechten Gang ab und sie alle blickten suchend in die Reihen der Bänke, an denen sie vorbeikamen. Karl näherte sich nun dem Beichtstuhl, der rechts von ihm lag. Einem Impuls folgend betrat er den für den Pfarrer vorgesehenen Teil des Beichtstuhls und zog den Vorhang zu. Er spürte, dass jenseits der hölzernen Trennwand mit dem halb durchsichtigen Gitter jemand angstvoll atmete. »Hamid?«, fragte er leise.
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