„Mal sehen, wie weit du kommst“, zischt und züngelt und kichert der feige Gnom, der sich in dem Feuer versteckt, hilft mir, mich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren und ich sehe mich zum ersten Mal richtig um. Die Holzwände sind behangen mit seltsamen Sachen, Masken, getrockneten Kräutern. Runde Fläschchen stehen auf einem schiefen Regal. Wo ist nur diese verfluchte Tür? Kurz glaube ich, dass ich hier gefangen bin, doch dann sehe ich sie, laufe auf sie zu und trete hinaus.
Es muss noch früh sein. Ich habe wohl nur wenige Stunden gedöst. Wenn ich den Weg jetzt nachhause finde, könnte ich noch vor dem Mittagessen zurück sein und niemand würde mich vermissen, meine kurze Abwesenheit als eine meiner Seltsamkeiten auslegen. Anders zu sein, hat Vorteile und bringt Freiheiten mit sich. Freiheiten, die ich oft genieße, trotz des bitteren Nachgeschmack, der sie immer begleitet, so wie die mitleidigen Blicke. Ich seufze bei dem Gedanken und blicke mich um.
Die Sonne steht noch tief, erreicht die Baumgipfel nicht. Doch es ist bereits hell und ich sehe einen Wald, den verfluchten See, der mich gestern Nacht ausgespuckt hat … und sonst nichts.
Ich erkenne zwei Möglichkeiten.
Entweder ich renne kopflos in den Wald, verirre mich und werde von Wölfen, Bären oder schlimmerem gefressen, oder ich gehe den Weg, den ich hergekommen bin: durch den See.
Irrational und doch die logische Lösung … in meinen Augen.
Ich blicke auf meine getrocknete Kleidung herunter. Ausziehen oder nicht ausziehen, ist hier die Frage. Wenn ich nur in Unterwäsche auf der anderen Seite ankomme, was dann? Renne ich halbnackt durch den Wald und komme nur in Unterwäsche am Hof an? Das würden sie nicht einmal mir einfach so nachsehen. Lieber angezogen. Und so wate ich in das eiskalte Wasser, bibbere wie ein Mädchen und zwinge mich, einen Kopfsprung zu machen, sobald es tief genug ist. Ich schwimme weit hinaus, wo es dunkel ist und die Sonnenstrahlen noch nicht hinreichen. Hier muss der Weg sein. Ich hole tief Luft und schwimme nach unten.
Ich schwimme und schwimme.
Meine Lungen brennen, meine Arme werden schwer, alle Kraft weicht aus meinem Körper und ich weiß nicht mehr, wo oben oder unten ist, strample, so gut es geht. Meine Muskeln schreien, meine Lippen öffnen sich in Verzweiflung, wollen Luft in die Lungen pressen und finden doch nur Wasser.
Mein Körper gibt auf, als mein Geist sich noch an mein Ziel klammert. Dann spüre ich, wie sich Hände um meine Handgelenke schließen. Lippen pressen sich auf meine und ich bekomme Luft, doch es reicht nicht. Ist nicht genug. Eine Hand legt sich auf Mund und Nase, als ich panisch wieder atmen will, dann werde ich weiter nach unten gezogen, oder nach oben?
Mein Kopf durchbricht die Wasseroberfläche.
Hände zerren an mir, dann werde ich hochgehoben, und spüre Gras im Rücken.
„Was habt ihr da nur für ein dummes Mädchen angeschleppt?“, höre ich eine Stimme zischen.
„Warum hast du dich mit ihr verbunden, wenn sie so dumm ist?“, erwidert eine andere.
„Man sieht ihnen nicht immer an, ob sie dumm sind oder nicht“, verteidigt sich die Stimme. Eingebildet, gemein und voller Bissigkeit. Es müssen Undines Worte sein.
„Und deshalb hast du dich an sie gebunden, weil du nicht sicher warst, ob sie dumm ist?“
„Natürlich nicht! Sie hat nach Url gerochen und nach Logan. Ich dachte, sie ist die Richtige. Warum hast du sie, ohne zu prüfen, akzeptiert?“
„Sie hat nach dir, nach Url und nach Logan gerochen“, kommt es zurück, als wäre es die einzig logische Handlung.
„Und jetzt?“, fragt Undine und ich glaube, wirklich Unsicherheit in ihrer sonst vor Arroganz triefenden Stimme zu hören.
„Jetzt riecht sie hauptsächlich nach Fisch“, antwortet es kichernd. Ariel. Eine Leichtigkeit, die an Wahnsinn nicht nur grenzt. Es muss Ariel sein.
„Ja, sie riecht lecker. Ich könnte sie auffressen, dann wären wir sie los“, sagt Undine und ich glaube, zu hören, wie sie sich geräuschvoll und vor allem genüsslich die Lippen leckt.
„Kannst du sie auffressen?“, fragt Ariel neugierig und ich versuche, aufzustehen oder zumindest wegzurobben. Doch ich finde gerade mal die Kraft, einen kleinen Finger zu heben.
„Sie ist nur ein halbes Hemd. Die schaffe ich doch mit links, als Vorspeise.“ Ist das Entrüstung oder Hunger in Undines Stimme? Beides lässt mir die Haare zu Berge stehen.
„Da bin ich mir sicher. Deine Brüste kommen ja nicht von irgendwoher“, erwidert Ariel kichernd.
„Nennst du mich verfressen und fett?“, faucht Undine und ich fühl, wie Wassertropfen mein Gesicht berühren. Warum zum Teufel gehorcht mir mein verräterischer Körper nicht? Ach ja, richtig. Ich bin ja beinahe ertrunken. Was für eine geniale Idee, in die Tiefe des Sees hinunter zu schwimmen …
„Nein, nur wohlgeformt“, antwortet Ariel und kichert wieder. Nicht einmal ich nehme ihr das ab und ich fürchte gerade um Leib und Seele.
„Pass auf, dass ich dich nicht fresse!“, zischt Undine und ich juble innerlich, feuere Undine an, sich mit Ariel den Bauch und die Brüste vollzustopfen anstatt mit meiner Wenigkeit.
„Du kannst mich einatmen, aber nicht fressen.“ Schade, denke ich mir. Wirklich schade.
„Das glaubst auch nur du!“ Undine bleibt stur und ich feuere sie wieder innerlich an, finde die Kraft, meine Finger zu krümmen. Noch ein bisschen und ich kann unbemerkt davonkriechen, wenn Undine über Ariel herfällt.
„Wir sind abgeschweift. Könntest du sie wirklich fressen? Wir sind mit ihr verbunden und verpflichtet, ihr zu helfen.“ Verflucht sollst du sein, Luftgeist! Lass dich fressen und stirb für mich!
„Ich glaube, wenn ich sie jetzt fresse, wäre ihr geholfen … und der Welt auch“, sagt Undine und ich kann ihren Blick auf mir spüren. So ein Mist! Böse Ariel! Böse Undine! Dann glaube ich, zu spüren, wie sich scharfe Zähne in meinen Oberschenkel graben und die Taubheit fällt von meinem Körper ab. Ich schrecke hoch, keuche und huste Wasser.
„Was tut ihr da?“, höre ich Logans Stimme, „Luka, ist alles okay bei dir?“
Ich kann ihn nur stumm anstarren, als er sich zu mir beugt. Wie kann Logan, mein bester Freund, mein Vertrauter, Teil dieser Welt sein? Ich bin verletzt und fühle mich hintergangen. War alles, was wir geteilt haben, eine Lüge? Wer ist dieser Junge vor mir? Kann ich ihn noch als Freund bezeichnen? Ist er es noch?
„Wir haben sie gerettet. Wir haben ihr das Leben gerettet“, beeilt sich Undine, ihm zu entgegnen. Sie hört sich an wie ein liebestolles Hündchen, das dabei erwischt worden ist, wie es an einem Schuh herumkaut. Ich fühle mich wie ein Schuh. Wie ein nasser, angekauter Schuh …
„Dafür seid ihr ja auch da“, erwidert Logan mit strenger Stimme und ich kann wieder den selbstsicheren Jungen sehen, in den ich mich verliebt habe, statt den gehorsamen Lakaien einer alten, verschrobenen Hexe.
„Sie wollte mich auffressen!“, schreie ich wie am Spieß, bevor ich mich zurückhalten kann.
„Undine?“, fragt er streng.
„Ich habe sie gerettet! Wer will denn schon so etwas fressen? An dem Dummchen sind nur Haut und Knochen. Die würde mir im Halse stecken bleiben. Außerdem schmeckt sie nicht.“ Dieses gemeine Nixen-Luder! Wut steigt in mir auf und ich genieße sie, koste die Kraft aus, die sie mir verleiht und schreie aufgebracht: „Du hast mich gebissen!“
„… Nur um zu sehen, ob du noch lebst …“, erwidert Undine mit großen Kulleraugen.
„Und ob ich schmecke!“, zische ich.
„Tust du nicht. Das haben wir also aus der Welt geschafft. Siehst du! Ich habe dir einen Gefallen getan. Jetzt weiß ich, dass du nicht schmeckst, und du weißt, dass ich dich nicht fressen werde.“ Zufrieden mit ihrer Logik grinst sie mich an.
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