„Undine! Wir fressen nicht die zukünftige Hexe“, sagt Logan streng, als rede er mit einem unartigen Kind und nicht mit einer Monsterbusen-Nixe, die mich fressen wollte. Auf welcher Seite steht dieser blöde Logan?
„Sie ist keine zukünftige Hexe. Sie wird nie eine Hexe werden“, erwidert Undine.
„Warum hast du sie dann akzeptiert?“, fragt Logan und ich glaube nicht, dass es eine Fangfrage ist.
„… sie hat nach dir gerochen und gestern nach dir geschmeckt“, erwidert Undine und zuckt mit den Schultern.
„Ja, sie hat nach Logan geschmeckt!“, fügt der Luftgeist hinzu. Beide kommen näher, starren Logan an. Die Luft ist schwer mit … ja was? Kann es Eifersucht sein? Sind die beiden in Logan verschossen? Dieser Weiberheld!
„Ich … äh … wir sind seit Jahren befreundet. Wir verbringen viel Zeit miteinander … ähm …“, stottert Logan und weicht zurück.
Meine Finger fahren zu meinen Lippen, meine Augen weiten sich und ich hole aus, boxe Logan in den Bauch, springe auf ihn drauf, rolle mich über ihn, packe ihn am Kragen und schlage mit den Fäusten auf ihn ein.
„Das ist deine Schuld! Du bist an all dem hier schuld! Sie haben deinen Kuss an mir gerochen und mich verwechselt. Du hast mir das hier angetan!“ Ich schlage zu und Tränen rinnen mir die Wangen hinunter. Ich fühle mich verraten. Mehr als die Angst vor den seltsamen Monstern, die mich anknabbern, beleidigen und verbrennen, ist es der Schmerz der Erkenntnis, der aus mir herausbricht.
Wenn Logan Teil dieser Welt ist … hat er Geheimnisse vor mir, während ich ihm alles erzählt habe … ich weiß nicht das geringste über ihn, während er mich in- und auswendig kennt … Kann ich irgendetwas noch von dem glauben, was er mir erzählt hat? Oder schlimmer noch … Eine Gewissheit, die mich durch alle Schmach begleitet hat, die mir immer Kraft gegeben hat: die Freundschaft mit Logan. Selbst als ich mehr für ihn empfunden habe, konnte ich es ertragen. Konnte die Gewissheit ertragen, dass er mich nicht liebt, weil er mein Freund ist. Weil mich auf diese Weise etwas Besonderes mit ihm verband.
Wir sind Freunde.
Wir waren Freunde?
Waren wir jemals wirklich Freunde?
Und dieser Gedanke, tut mehr weh als die Zurückweisung meiner Gefühle vor vier Jahren. Schmerzt mehr als das schallende Lachen in meinen Ohren, die Finger, die auf mich zeigen.
Logan wehrt sich nicht. Ich schüttle ihn und als mir die Schwere meiner Situation bewusst wird, ich verstehe, dass es nicht nur unsere Freundschaft ist, die es vielleicht nie gegeben hat, sondern dass ich vielleicht nie wieder in mein altes Leben zurückkehren kann, rollen mir Tränen über die Wangen, tropfen auf Logans Wange. Ungläubig starre ich einer Träne nach, die von seiner Nasenspitze auf seine Lippe hinuntertropft. Seine Zunge schießt vor und leckt sie gierig ab.
Peinlich berührt lasse ich ihn los, schlage die Hände vor die Augen und schluchze: „Ich will wieder nachhause.“
Ich spüre, wie Logan mir übers Haar streichelt, nicht wie sonst rau und freundschaftlich, sondern sanft, tröstend … zärtlich.
„Es tut mir leid“, flüstert er.
Das will ich nicht hören.
„Bringst du mich nachhause?“
Das Streicheln hält inne. Ich kenne die Bedeutung und will es doch nicht wahrhaben.
„Bringst du mich nachhause?“, frage ich drängender, nehme die Hände vom Gesicht und blicke auf ihn herunter. Hoffe, etwas von der alten Freundschaft zu entdecken und einen Weg, wie ich zurückkehren kann in mein Leben vor dem Kuss, vor dem Ball.
„Das kann ich nicht. Du … du bist mit Url, Undine und Ariel einen Pakt eingegangen. Und Großmutter, sie wird so schnell keine neuen Elementargeister finden, die frei und willens sind, einer Hexe zu dienen. Aber Großmutter hat nicht mehr viel Zeit. Sie braucht eine Nachfolgerin … und die braucht eine Verbindung mit den vier Elementen. Du … bist die einzige Nachfolgerin, die wir jetzt haben.“
Ich starre ihn voller Entsetzen und Verwirrung an. Seine Worte ergeben keinen Sinn. Diese Worte voller Wissen über eine Welt, die mir fremd ist, die meinem Logan fremd sein müsste, können nicht wahr sein. Dürfen nicht von seinen Lippen kommen.
„Luka, du musst die Nachfolgerin für Großmutter werden, du musst dich von ihr zur Hexe ausbilden lassen, sonst ist das Gleichgewicht zerstört und Chaos wird über die Welt hereinfallen. Über deine Eltern, deine Schwester …“
Versucht diese engherzige Kopie meines Logans, mich gerade wirklich zu erpressen? „Die Welt ist mir scheißegal! Sie kann mit all ihren Zu-schön-um-wahr-zu-sein Counts untergehen“, fahre ich ihn an.
„Denk an … denk an … Mr. Perfekt. Willst du nicht, dass Mr. Perfekt in einer guten, sicheren Welt lebt?“, versucht es der falsche Logan erneut und trifft ins Herz, als würde er mich wirklich kennen. Mr. Perfekt … Ich schniefe. Ich will, dass Mr. Perfekt sicher ist.
„Wo ist Mr. Perfekt?“, frage ich und sehe mich unnützerweise um.
„Ich werde ihn finden und zu dir bringen“, verspricht Logan leise und ruhig, als könne er es wirklich.
„Das würdest du tun?“, frage ich und mein Herz zieht sich vor Freude zusammen. Darüber, dass selbst wenn mir dieser Logan unbekannt ist, er mich doch so gut kennt, dass er mich ohne jegliche Mühe manipulieren kann. Ich weiß, dass ich manipuliert werde, aber ich habe keine Kraft, es abzuschütteln und kralle mich an das einzige fest, das mir helfen kann, das mir Ruhe bringt. Mr. Perfekt in einer schönen Welt. An meiner Seite.
„Wenn du den ersten Test von Großmutter bestehst“, fügt Logan hinzu und lässt meine Seifenblase zerplatzen. Einfach so …
„Das … ist … das ist Erpressung!“, zische ich ihn an.
„Nennen wir es Motivation“, erwidert er und hat den Anstand, zumindest zerknirscht zu wirken.
Ich schüttle ihn. Dann sinke ich auf ihm zusammen. Mein Ohr gepresst an seine Brust. Ich höre dem Schlagen seines Herzen zu, das … immer schneller schlägt.
„Luka …“
„Ja?“, murmle ich und will eigentlich nur meine Ruhe.
„Ich will mich nicht zu laut beschweren, aber um meiner Jungfräulichkeit willen, würdest du von mir herunter gehen?“, fragt er etwas angestrengt.
„Deiner … Jung…“ Dann spüre ich es. Den Druck an der Innenseite meines Schenkel, es pulsiert … und ich springe von ihm herunter, starre auf die Beule in seiner Hose.
„Da… das ist eine natürliche Reaktion eines Mannes auf eine Frau“, stottert Logan zu seiner Verteidigung.
„Ich weiß, was das ist!“, schnauze ich ihn an und kann doch nicht wegsehen.
„Na, du scheinst ja doch nicht so unweiblich zu sein, wie du auf den ersten Blick wirkst. Dass der Junge keine Erfahrung hat, macht es natürlich leichter“, krächzt eine dunkle Stimme und ich kann meinen Blick von Logans Schritt losreißen.
„Aber wehe, du gibst deinen Trieben nach, Bürschchen! Du bist mir ohne deine Jungfräulichkeit nichts nütze, Bengel. Und du lässt dich nicht von irgendjemandem schwängern, hast du verstanden?“
„Sch… sch…“, ist es an mir jetzt, zu stottern.
„Schwängern!“, zischt die Hexe und fixiert mich mit ihrem Blick aus Stahl.
„Ich … ich bin zum Brunnen gekommen, um zu entscheiden, ob ich ein Mann oder eine Frau werden will. Nicht um mich sch… sch…“ Warum kommt mir dieses bescheidene Wort nicht über die Lippen? Meine Wangen brennen und ich bin mir sicher, dass mein Kopf die Farbe einer überreifen Tomate hat, die kurz davor ist, zu platzen.
„Du willst ein Mann oder eine Frau sein? Seit wann können sich die Menschen aussuchen, was sie sein wollen? Wenn man sich entscheiden könnte, gäbe es sicher keine Männer mehr auf der Welt und wir würden in Frieden leben und in Frieden aussterben. Was für ein dümmlicher Gedanke!“, zischt die Hexe und wackelt ungeduldig mit dem Kopf.
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