Ich verliere mich in dem Weiß des Nichts, in dem Moment der vollkommenen Stille. Dann dringt das Echo von Hufgetrampel und einem panischen Wiehern an meine Ohren und ich stolpere blind in die Richtung, aus der die verzweifelten Laute kommen. Mein Mr. Perfekt hat Angst, ich muss zu ihm! Dieser Gedanke nimmt mich vollkommen ein, verdrängt das Nichts und die Ruhe, erfüllt mich mit Sorge und ein kleiner Teil von mir trauert dem Nichts nach.
Wie lange ich in der Milchsuppe herumirre, weiß ich nicht. Es fühlt sich an, als würde ich durch Wasser laufen. Der Nebel saugt sich in meine Kleidung, erschwert mir jeden Schritt und doch treibt mich die Sorge immer weiter. Jede Bewegung kostet Kraft. Meine Glieder schmerzen, meine Beine weigern sich weiterzugehen, doch ich zwinge sie, zwinge mich.
Dann, als ich glaube, dass ich keinen Schritt weiter kann, fällt der Nebel von mir ab und ich werde so leicht, dass ich nach vorne stolpere und mich gerade noch so fangen kann, als sich mein linker Knöchel in irgendetwas Biegsamen verfängt und ich mit dem Gesicht in einer Matschpfütze lande. Schön mit Schmackes und Geplatsche. Wundervoll.
Ein seltsames Gefühl, etwas Weiches, Lebendiges presst sich gegen meine Lippen und ich spüre einen Stich, als würde eine dünne Nadel in die empfindliche Haut dringen. Panisch zerre ich meinen Kopf aus dem Schlamm.
Mein schöner Anzug ruiniert, meine Unterlippe brennt. Hat mich ein Wurm gebissen? Haben Würmer überhaupt Zähne? Ist es vielleicht eine giftige Schlange gewesen? Vorsichtig richte ich mich auf und als ich mir den Dreck aus den Augen wische, glaube ich, ein Lachen zu hören. Doch ich muss mich irren. Das Lachen … es kommt aus der Pfütze … aus der Erde? Ich durchsuche mein Gehirn vergeblich nach Geschichten über lachende Würmer, kann nur Umrisse erkennen und erst nach mehrmaligem Blinzeln fokussiert die Welt sich durch den Dreckschleier und ich sehe verschwommen einen Brunnen und nicht weit von ihm ein Gefäß.
Halbblind stolpere ich darauf zu und ertaste einen Holzeimer. Ich lange hinein und bin froh, als ich Wasser durch meine Finger rinnen fühle. Es ist eiskalt und ich reinige gerade so viel von meinem Gesicht, dass ich wieder sehen kann und finde vor mir doch tatsächlich einen Brunnen.
Ein Brunnen, mitten im Wald?
Ich blicke um mich herum und sehe … Bäume. Ich bin auf einer Lichtung. Doch sie wirkt … seltsam. Die Bäume bilden einen perfekten Ring um den Brunnen, der direkt in der Mitte steht. Ein Kreis, um einen Kreis.
Kann es sein?
Bin ich so weit gelaufen, dass ich im verbotenen Wald angekommen bin?
Ist das der Wunschbrunnen, über den Logan gesprochen hat? Das ist nicht möglich … oder?
Vorsichtig wage ich mich an den Rand und blicke hinein.
„Hallo?“, rufe ich hinunter.
… „Hallo!“, erklingt es nach einer Weile.
„Hallo, Echo!“, sage ich aus einem Anfall von Dummheit und panischem Humor heraus.
„Echo ist nicht hier, meine Schwester bevorzugt Berge und Hänge“, schallt es mir entgegen.
Erschrocken zucke ich zusammen. Ist das ein Scherz?
„Und … wer bist du?“, frage ich nervös, ängstlich und doch rast mein Herz vor Aufregung.
„Ich bin das Wasser. Wen erwartest du sonst noch in einem Brunnen?“, antwortet es mir.
„Das Wasser also … hallo, Wasser“, entgegne ich albern und schiebe das der Nervosität zu.
„Nun, ich habe einen Namen“, sagt das Wasser.
„Und … der wäre?“, frage ich und schlucke jeden Kommentar zu einem Wesen, das sich als Wasser vorstellt, anstatt mit seinem Namen.
„Gut, ich habe viele Namen“, kriege ich zum Dank für meine Zurückhaltung. Das ist eine Steilvorlage gewesen! Sie zu ignorieren, hat mich viel Mühe und Selbstbeherrschung gekostet. Doch ich schlucke den Ärger hinunter und erwidere nur: „Einer würde mir reichen.“
„Hm … Rusalka hat mir immer gefallen, auch wenn es das nicht ganz trifft.“ Was für ein albernes Wasser … Ich knirsche mit den Zähnen und erwidere nur: „Ach nein?“ Etwas, das mich viel Anstrengung kostet. Und habe ich die Selbstbeherrschung erwähnt?
„Ich sauge niemandem die Lebensenergie aus … jedenfalls nicht bis zum Tod.“ Stolz klingt in der Stimme mit.
„Das ist … beruhigend?“ Ich hoffe, ich kann den Hohn und ja, ich gebe es zu, die Angst, gut in meiner Stimme verdecken.
„Was willst du?“, fragt die Stimme plötzlich angenervt, als würde ICH die mehrdeutigen Antworten geben.
„Meinst du meinen Wunsch?“, erwidere ich hoffnungsvoll und etwas ängstlich … nun gut, ich gebe es zu: ängstlich und etwas hoffnungsvoll.
„Was für einen Wunsch?“, entgegnet es mir prompt. Warum unterhalte ich mich mit einem Wesen, das in einem Brunnen haust? Vor allem noch mit so einem unhöflichen?
„Ist das nicht ein Wunschbrunnen?“, frage ich mit dem letzten Funken Höflichkeit in mir.
„Wenn, dann wäre das hier nicht EIN Wunschbrunnen, sondern DER Wunschbrunnen“, tönt es eingeschnappt von unten.
„Gut … ist das hier nicht DER Wunschbrunnen?“, entgegne ich Zähne knirschend.
„Wenn du es gerne so möchtest.“ … ist das ihr Ernst? Es muss eine sie sein.
„Kann er denn Wünsche erfüllen?“, frage ich nach und bin schon in Gedanken dabei, dieses dumme sprechende Wasser samt Brunnen hinter mir zu lassen.
„Wer?“, wird mir verwirrt entgegengeworfen
„Der Brunnen!“, schreie ich hinein.
„Sei nicht albern! Wie soll ein Brunnen Wünsche erfüllen?“ Das kann nicht ihr Ernst sein. Ich werde hier doch verarscht.
„Dann ist das hier kein Wunschbrunnen. Danke für … äh … das Gespräch!“ Ich zwinge meine Finger den Stein, in den sie sich frustriert gekrallt haben, loszulassen, drehe mich um und gehe.
„Warte!“, ruft es plötzlich von unten her.
„Warum?“ Ja, warum sollte ich meine Zeit hiermit verschwenden?
„Du hast mir deinen Wunsch noch nicht gesagt.“ Ich bin fassungslos.
„Ich dachte der Brunnen kann keine …“, erwidere ich stupide und mit einem weniger höflichen Unterton.
„Dummer Mensch! Der Brunnen nicht, aber ich vielleicht. Kommt auf den Wunsch an. Also?“ Die Stimme klingt von angenervt bis fröhlich. Dieses beschissene Brunnenwasser genießt es, mich auf den Arm zu nehmen! Ich fass es nicht!
„Also?“, wiederhole ich. Mir liegen eine Tonne Beleidigungen und scharfe Erwiderungen auf der Zunge und alles, was ich herausbringe, ist dieses Wort?
„Nenn‘ mir deinen Wunsch!“, fordert dieses … Ding!
„Ich bin mir nicht sicher“, erwidere ich aus irgendeinem Grund ehrlich.
„Du bist dir nicht sicher? Was willst du dann hier?“, empört sich das schale Brunnenwasser.
„Der Nebel hat mich hierhergeführt.“ Verdammt noch eins! Jetzt gehe ich aber wirklich!
„Nebel führen niemanden, … ich zweifle langsam wirklich an deiner Intelligenz“, wagt es sich, dieses Brunnenwässerchen zu erdreisten!
„Und ich an meinem Geisteszustand“, erwidere ich und bin wieder kurz davor zu gehen, bleibe aber, sicher aus Gewohnheit, stehen.
„Da sind wir uns ja einig. Also … was überlegst du dir zu wünschen?“, fragt der Wassergeist. Die Nicht-Rusalka.
„Ähm … also …“, stottere ich und fühle mich von einer unsichtbaren Stimme verspottet und in die Enge gedrängt.
„Ich habe nicht die ganze Nacht Zeit. WAS WILLST DU?“, schreit der geistesgestörte Brunnen mich an.
„Ich denke darüber nach, ob ich ein Mann sein will oder eine Frau“, entschlüpft mir die Wahrheit. Einfach so. Ohne mein Zutun.
„…“
„Hallo?“, rufe ich hinein.
„…“
„Hallo?“, versuche ich es noch einmal. So gar keine Reaktion auf mein Herzensproblem zu bekommen, ist beleidigend.
„Ruhe! Ich suche in meinem Gedächtnis. Soweit ich mich entsinnen kann, habt ihr Menschlein keine Wahl. Steht das nicht bei eurer Geburt schon fest?“, fragt das Brunnengewässer etwas unsicher nach.
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