„Es gibt einen Brunnen im verbotenen Wald, der einem Wünsche erfüllen kann“, sage ich und weiß noch nicht, wohin ich will. Natürlich kennt Logan die Geschichte mit dem Brunnen, habe ich ihn doch belauscht, wie er Robin davon erzählt hat. Als würde Robin einen Wunschbrunnen brauchen. Sie hat doch alles.
„Er heißt nicht um sonst verbotener Wald. Und Wunschbrunnen sind dummer Aberglaube“, erwidert Logan und mein Herz krampft sich schmerzhaft zusammen. Wieso wollte er mit Robin dorthin, aber mit mir nicht? Eine dumme Frage, auf die ich die Antwort doch schon so lange kenne.
„Und das aus dem Munde des Sohnes unseres hauseigenen Alchimisten“, versuche ich, ihn zu necken und mich abzulenken.
„Alchemie ist nicht gleich Magie und Zauberei“, erwidert er trotzig und rückt etwas von mir ab.
Die tröstende Wärme seines Körpers fehlt mir …
„Ach nein? Versucht dein Vater nicht Gold herzustellen?“, frage ich und ziehe mich in mich selbst zurück, umklammere meine Knie fest mit beiden Armen.
„Das ist nicht seine Hauptaufgabe, es ist mehr ein privater Zeitvertreib. Und gelungen ist es ihm noch nicht“, verteidigt Logan seinen Vater. Nimor Nihilor – ein Mann so seltsam wie sein Name. An sich kein Mensch, mit dem man freiwillig Zeit verbringen will. Aber ein Charakterzug macht ihn für mich mehr als sympathisch: Robins Abneigung ihm gegenüber. Manchmal glaube ich sogar, dass es Angst ist. Ein kleiner Vogelschiss auf dem sonst so perfekten Spiegelbild von Robin, der die Sonne nicht reflektieren kann, der beim Hinsehen einen nicht so sehr blendet, dass man sich vor Schmerzen die Augen auskratzen möchte.
„Er meinte neulich, er stünde kurz davor“, gebe ich zu bedenken, während ich weiterhin an Vogelscheiße denke.
„Das behauptet er seit Jahren“, erwidert Logan und fühlt sich dabei sichtlich unwohl. Es ist keine Scham. Ich glaube jedenfalls nicht, dass er sich für seinen Vater schämt. Und doch ist ihm dieses Thema unangenehm. Logan scheint mir das Gegenteil seines Vaters zu sein. Nimor Nihilor strahlt trotzt des ungesunden Weiß‘ seiner Haut Schwärze aus, als hätte sich die Nacht selbst in seinen Haaren und Augen verfangen. Logan dagegen scheint bei der Geburt von der Sonne geküsst worden zu sein. Seine Haare haben die Farbe von Sonnenstrahlen, seine Auge gleichen dem Himmel und seine Haut erinnert an halbgetrockneten Sand. Und das auf die schönste Art, die überhaupt möglich ist.
Mir wird von meinen eigenen Gedanken schlecht und ich wünschte, ich könnte sie ein für alle Mal auskotzen.
„Das stimmt wohl. Aber seine Majestät, der König, er hat einen Hofzauberer“, gebe ich zu bedenken und lenke Logans Gedanken von seinem Vater zur Magie – und meine weg von Logans Aussehen.
„Dessen Kräfte unbekannt sind“, entgegnet er und ich glaube, so etwas wie Sehnsucht in seiner Stimme zu hören.
„Man sagt, er kann fliegen, das Wetter beeinflussen und Tote wieder zum Leben erwecken“, sinniere ich nachdenklich und stelle mir vor, wie es wäre, solche Kräfte zu besitzen. Magie existiert, so viel ist klar. Doch sie ist nur einigen wenigen vorbehalten und ich habe sicher kein Körnchen Zauberkraft in mir.
„Gerüchte, nicht mehr. Außerdem hört sich das eher nach einer Hexe an“, fügt Logan hinzu, als wisse er, wovon er spricht. Ich blicke ihn verwundert an, doch er weicht meinen Augen aus, als hätte er ein Geheimnis. Doch das ist lächerlich. Logan und ich sind beste Freunde. Wir erzählen uns alles. Mehr als ich eigentlich hören möchte.
„Ich muss es versuchen. Dieser Körper … er ist weder Fisch noch Fleisch“, lenke ich von Logan ab und bin wieder bei mir und meinem Dilemma.
Wir schweigen eine Weile, während ich kurz darüber empört bin, dass Logan nicht einmal ansatzweise widerspricht.
Dann räuspert er sich und fragt: „Was würdest du wählen?“
„Ist das nicht eindeutig?“, frage ich ihn überrascht.
„Ich meine nicht das, was die anderen in dir sehen. Was möchtest du sein?“, fragt er erneut und in einem Ernst, der mich aus der Fassung bringt.
Wenn ich die Wahl hätte … würde ich eine Frau oder ein Mann sein wollen? Die Antwort müsste leicht sein. Ich bewege mich wie ein Junge, ich benehme mich wie einer. Ich genieße die Freiheiten, die mir dieses Dasein erlaubt. Ich reite und trainiere gerne und raufe mich mit Freuden … und doch … wenn ich an den Moment zurückdenke, als Count Zu-schön-um-wahr-zu-sein mich mit Begehren angesehen hat, fand ich es … angenehm. Mehr sogar.
Wenn ich einen weiblichen Körper bekommen würde, was würde sich ändern? Man würde mich als Frau anerkennen. Müsste ich mich dann wie Robin kleiden und benehmen? Die Anziehungskraft von Kleidern habe ich nie verstanden. Korsetts, Absätze und Wimpernzangen sind für mich Folterinstrumente, Erfindungen von Männern, die ihre Beute am liebsten unbeweglich haben. Mutter hat es schon lange aufgegeben, mich in Frauenkleider zwängen zu wollen. Und seit der Geschichte vor vier Jahren wagt es niemand das Thema mir gegenüber auch nur zu erwähnen – Narrenfreiheit, die teuer erkauft worden ist.
Und wenn ich ein Mann werden würde, einen echten Schwanz hätte, dann … dann würde ich so bleiben können, wie ich bin. Ich würde nur Frauen hinterherjagen. Oder Männern, wie der Count. Ist der Count im Herzen weiblich und sucht deshalb nach männlichen Partnern?
Wäre ich dann wie der Count?
Zu welchem Geschlecht fühle ich mich hingezogen?
Ich blicke zu Logan und wieder fällt mir ein, wie mein Herz einen Sprung gemacht hat, als ich ihn das erste Mal gesehen habe. Wie es sich angefühlt hat, bevor ich die Schmetterlinge, einen nach dem andern, in Magensäure ertränkt habe.
Für den Count habe ich mich ebenfalls interessiert.
Und für Frauen? Habe ich schon einmal eine Frau angesehen und wollte sie anfassen? Küssen? Geküsst werden?
„Ich weiß es nicht“, gebe ich kleinlaut zu.
„Findest du es nicht gefährlich, zu einem Wunschbrunnen zu gehen, der irgendwo in einem verbotenen Wald herumsteht, wenn du nicht einmal weißt, was du dir wünschen sollst?“, fragt Logan und es liegt kein Hohn in seiner Stimme, sondern echte Sorge. Und was mich vor allem trifft, ist, dass die Idee aus Logans Mund albern klingt.
Doch ich muss mich irgendwann entscheiden. Bereits jetzt ist es nicht mehr angemessen, wie ein Bursche zu fluchen und herumzulaufen.
Oder?
„Wie ist es, mit einer Frau zu schlafen?“, frage ich Logan.
Sein Kopf läuft rot an und ich muss kichern.
„Bist du etwa noch eine Jungfrau?“, witzele ich.
„Da... da… das geht dich überhaupt nichts an!“, erwidert er stammelnd und weicht vor mir zurück.
„Willst du es mit mir tun? Bevor ich mich entscheide? Ich sage dir, wie es für eine Frau ist und du beschreibst, wie es sich für einen Mann anfühlt“, schlage ich vor und meine es … irgendwie ernst. Auch wenn es keine Liebe ist, jedenfalls nicht für ihn, wäre es so schlecht, meine verfluchte Jungfräulichkeit an Logan zu verlieren?
Und zum ersten Mal sehe ich Wut in Logans Gesicht. Er ist schnell, drückt mich zu Boden, seine Augen funkeln. Ohne Vorwarnung presst er seine Lippen auf meine und ich wünsche mir, dass das hier mein erster Kuss wäre und nicht der zuvor. Heu, das mein Ohr kitzelt, statt raue Rinde, die meinen Rücken aufreibt.
Dann sind seine Lippen an meinem Ohr.
„Glaubst du wirklich, ich würde mein erstes Mal an eine Frau verschwenden, die mich nicht liebt?“, flüstert er. Dann fühle ich die Wärme seines Körpers nicht mehr. Er ist weg. Und aus irgendeinem Grund laufen mir Tränen über die Wangen. Ich habe so hart daran gearbeitet, ihn nicht zu lieben, mich selbst und die Welt davon zu überzeugen, dass meine Gefühle nicht mehr als eine kurze Verliebtheit eines naiven Dummchens waren. Und jetzt, nach all den Jahren und dem Erfolg, schmerzen seine Worte und ich wünsche mir, sie wären wahr.
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