Das ist die Stelle, an der sich entscheidet, wem der Mensch mehr vertrauen möchte: der Stimme des Rufers in der Wüste oder den fetten Vipern, den arglistigen Schlangen, die daran schuld sind, dass sein Land zur geistlichen Einöde geworden ist. Bei dieser Entscheidung möchte das vorliegende Buch Orientierungshilfe leisten. Denn wenn Gott existiert, kann es dann etwas Wesentlicheres geben als ihn? Müssen sich dann nicht an ihm und seinem Wort alle richtungsweisenden gesellschaftlichen Entscheidungen messen lassen? Bei der Entscheidung für die Eheschließung zwischen Menschen desselben Geschlechts ist genau dies offenkundig nicht geschehen. In einem voluminösen Essay, der im vorliegenden Buch auf Benedikts Denkschrift zur Missbrauchskrise folgt, geht es um die Prämissen und Hintergründe für dieses Politikum. Der Text stammt zwar nicht von dem Papa emeritus; im entscheidenden Kapitel (»Die Haltung der katholischen Kirche«) kommt er mit Texten aus seiner Zeit als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, der höchsten Instanz in Fragen der Interpretation und Verteidigung des Katholizismus, aber erneut ausführlich zu Wort.
Jesus zu verkündigen, das war nicht nur Papst Benedikt XVI. stets ein Anliegen; es war auch das Leitmotiv während der Amtszeit von Propst Dr. Otto-Uwe Kramer, Benedikts protestantischem Glaubensgenossen. Auch er die Stimme eines Rufers in der Wüste, wenngleich er in den Jahren seines Wirkens im schleswig-holsteinischen Kirchenkreis Oldenburg vieles in Bewegung setzte, manche geistliche Einöde zum Erblühen brachte und mit seinen Predigten begeisterte, ehe er schließlich kurz nach Erreichen des Pensionsalters 2015 viel zu früh von seinem himmlischen Vater in sein Reich geholt wurde. Von ihm stammt in diesem Buch der Beitrag »Solus Christus«, ein wegweisender Titel.
Den Abschluss dieser Textsammlung bildet Sherif Moukhtarsgroßartiges Prosastück »Der Letzte seines Geschlechts«, das in bester biblischer Tradition grundlegende Wahrheiten in einer Gleichniserzählung zu veranschaulichen sucht und sich ideal zum Einsatz in Bibelkreisen, Gesprächsrunden oder im Religionsunterricht eignet. Die Vielgestaltigkeit seiner Texte macht dieses Buch zu einer besonders lohnenden Lektüre.
Es ist ein besonderes Gnadengeschenk, dass der Papa emeritus mit der hier erstmals im E-Book-Format veröffentlichten Schrift zu einem der Kernprobleme der westlichen Gesellschaften noch einmal die Gelegenheit ergreifen konnte, einen Bußruf in die Welt hinaus zu senden. Höret die Stimme!
Die Kirche und der Skandal des sexuellen Missbrauchs
Benedikt XVI.
Vom 21.-24. Februar 2019 hatten sich auf Einladung von Papst Franziskus im Vatikan die Vorsitzenden aller Bischofskonferenzen der Welt versammelt, um über die Krise des Glaubens und der Kirche zu beraten, die weltweit durch erschütternde Informationen über den von Klerikern verübten Missbrauch an Minderjährigen zu spüren war. Der Umfang und das Gewicht der Nachrichten über derlei Vorgänge haben Priester und Laien zutiefst erschüttert und für nicht wenige den Glauben der Kirche als solchen in Frage gestellt. Hier musste ein starkes Zeichen gesetzt und ein neuer Aufbruch gesucht werden, um Kirche wieder wirklich als Licht unter den Völkern und als helfende Kraft gegenüber den zerstörerischen Mächten glaubhaft zu machen.
Da ich selbst zum Zeitpunkt des öffentlichen Ausbruchs der Krise und während ihres Anwachsens an verantwortlicher Stelle als Hirte in der Kirche gewirkt habe, musste ich mir – auch wenn ich jetzt als Emeritus nicht mehr direkt Verantwortung trage – die Frage stellen, was ich aus der Rückschau heraus zu einem neuen Aufbruch beitragen könne. So habe ich in der Zeit von der Ankündigung an bis hin zum Zeitpunkt des Zusammentreffens der Vorsitzenden der Bischofskonferenzen Notizen zusammengestellt, mit denen ich den ein oder anderen Hinweis zur Hilfe in dieser schweren Stunde beitragen kann. Nach Kontakten mit Staatssekretär Kardinal Parolin und dem Heiligen Vater selbst scheint es mir richtig, den so entstandenen Text im »Klerusblatt« zu veröffentlichen.
Meine Arbeit ist in drei Teile gegliedert. In einem ersten Punkt versuche ich ganz kurz, den allgemeinen gesellschaftlichen Kontext der Frage darzustellen, ohne den das Problem nicht verständlich ist. Ich versuche zu zeigen, dass in den 60er Jahren ein ungeheuerlicher Vorgang geschehen ist, wie es ihn in dieser Größenordnung in der Geschichte wohl kaum je gegeben hat. Man kann sagen, dass in den 20 Jahren von 1960 – 1980 die bisher geltenden Maßstäbe in Fragen Sexualität vollkommen weggebrochen sind und eine Normlosigkeit entstanden ist, die man inzwischen abzufangen sich gemüht hat.
In einem zweiten Punkt versuche ich, Auswirkungen dieser Situation in der Priesterausbildung und im Leben der Priester anzudeuten.
Schließlich möchte ich in einem dritten Teil einige Perspektiven für eine rechte Antwort von seiten der Kirche entwickeln.
I. Die sexuelle Revolution und die Krise der Moraltheologie
1.
Die Sache beginnt mit der vom Staat verordneten und getragenen Einführung der Kinder und der Jugend in das Wesen der Sexualität. In Deutschland hat die Gesundheitsministerin Frau Strobel einen Film machen lassen, in dem zum Zweck der Aufklärung alles, was bisher nicht öffentlich gezeigt werden durfte, einschließlich des Geschlechtsverkehrs, nun vorgeführt wurde. Was zunächst nur für die Aufklärung junger Menschen gedacht war, ist danach wie selbstverständlich als allgemeine Möglichkeit angenommen worden.
Ähnliche Wirkungen erzielte der von der österreichischen Regierung herausgegebene »Sexkoffer«. Sex- und Pornofilme wurden nun zu einer Realität bis dahin, dass sie nun auch in den Bahnhofskinos vorgeführt wurden. Ich erinnere mich noch, wie ich eines Tages in die Stadt Regensburg gehend vor einem großen Kino Menschenmassen stehen und warten sah, wie wir sie vorher nur in Kriegszeiten erlebt hatten, wenn irgendeine Sonderzuteilung zu erhoffen war. Im Gedächtnis ist mir auch geblieben, wie ich am Karfreitag 1970 in die Stadt kam und dort alle Plakatsäulen mit einem Werbeplakat verklebt waren, das zwei völlig nackte Personen im Großformat in enger Umarmung vorstellte.
Zu den Freiheiten, die die Revolution von 1968 erkämpfen wollte, gehörte auch diese völlige sexuelle Freiheit, die keine Normen mehr zuließ. Die Gewaltbereitschaft, die diese Jahre kennzeichnete, ist mit diesem seelischen Zusammenbruch eng verbunden. In der Tat wurde in Flugzeugen kein Sexfilm mehr zugelassen, weil in der kleinen Gemeinschaft der Passagiere Gewalttätigkeit ausbrach. Weil die Auswüchse im Bereich der Kleidung ebenfalls Aggression hervorriefen, haben auch Schulleiter versucht, eine Schulkleidung einzuführen, die ein Klima des Lernens ermöglichen sollte.
Zu der Physiognomie der 68er Revolution gehörte, dass nun auch Pädophilie als erlaubt und als angemessen diagnostiziert wurde. Wenigstens für die jungen Menschen in der Kirche, aber nicht nur für sie, war dies in vieler Hinsicht eine sehr schwierige Zeit. Ich habe mich immer gefragt, wie junge Menschen in dieser Situation auf das Priestertum zugehen und es mit all seinen Konsequenzen annehmen konnten. Der weitgehende Zusammenbruch des Priesternachwuchses in jenen Jahren und die übergroße Zahl von Laisierungen waren eine Konsequenz all dieser Vorgänge.
2.
Unabhängig von dieser Entwicklung hat sich in derselben Zeit ein Zusammenbruch der katholischen Moraltheologie ereignet, der die Kirche wehrlos gegenüber den Vorgängen in der Gesellschaft machte. Ich versuche ganz kurz den Hergang dieser Entwicklung zu skizzieren. Bis hin zum II. Vaticanum wurde die katholische Moraltheologie weitgehend naturrechtlich begründet, während die Heilige Schrift nur als Hintergrund oder Bekräftigung angeführt wurde. Im Ringen des Konzils um ein neues Verstehen der Offenbarung wurde die naturrechtliche Option weitgehend abgelegt und eine ganz auf die Bibel begründete Moraltheologie gefordert. Ich erinnere mich noch, wie die Jesuiten-Fakultät in Frankfurt einen höchst begabten jungen Pater (Schüller) für den Aufbau einer ganz auf die Schrift gegründeten Moral vorbereiten ließ. Die schöne Dissertation von Pater Schüller zeigt einen ersten Schritt zum Aufbau einer auf die Schrift gegründeten Moral. Pater Schüller wurde dann nach Amerika zu weiteren Studien geschickt und kam mit der Erkenntnis zurück, dass von der Bibel allein her Moral nicht systematisch dargestellt werden konnte. Er hat dann eine mehr pragmatisch vorgehende Moraltheologie versucht, ohne damit eine Antwort auf die Krise der Moral geben zu können.
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