Magnus Striet offenbart mit Vokabeln wie »grotesk«, »absurd« sowie dem linken Diskussionshemmer »Homophobie« grundsätzlichen Unwillen, vielleicht auch eine grundsätzliche Unfähigkeit, sich einer offenen Diskussion zu der Frage zu stellen, ob zwischen Verlust von Volksfrömmigkeit und Sittenverfall eine Beziehung bestehen könnte. Es ist die Unfähigkeit desjenigen, der berauscht um das goldene Kalb tanzt, zu erkennen, dass genau dieses selbst gegossene Kalb der fundamentale Irrtum ist. Dabei stammt Striet – verstörend genug – selbst aus dem Umfeld der katholischen Kirche. Seine Gegenrede zu Benedikts Essay wurde auf katholisch.de , dem Internetportal der römisch-katholischen Kirche in Deutschland veröffentlicht. 2Schon der Titel des Beitrags »Die Gesellschaft ist nicht schuld an der Missbrauchskrise!« weist in die völlig falsche Richtung. Es wird, ganz ähnlich wie in dem Kommentar von Hans-Jürgen Schlamp und vermutlich mit voller Absicht, das Missverständnis erzeugt, Benedikt hätte Verfehlungen seiner Kirche auf die Gesellschaft abwälzen wollen. Doch darum geht es nicht. Es geht um die Frage, ob eine Gesellschaft, die Gott aus den Augen verloren hat, damit nicht automatisch ihres moralischen Kompasses verlustig gegangen ist und ob sie ohne diesen Kompass noch eine »heile« Gesellschaft sein kann. Dabei ist es völlig irrelevant, wie diese Gesellschaft sich selbst versteht – als geistliche oder als weltliche Gemeinschaft. Es geht um die Frage, ob nicht Kirche und Gesellschaft, gleichsam Seite an Seite, zwangsläufig in einen moralischen Abwärtsstrudel geraten, wenn Gott in ihnen abwesend ist. Magnus Striet weist das zurück. Die »Abwesenheit Gottes« ist für ihn nicht das Problem. Dabei ist sein Beitrag ein grandioses Quod-erat-demonstrandum für eben diese Abwesenheit. Gott ist nämlich in dem Artikel anwesend nur in Form von Benedikt-Zitaten. Striets eigene Argumentation – und der Mann ist Theologe! – kommt komplett ohne Gott, ohne Christus und selbstverständlich auch ohne den Heiligen Geist aus. Insofern trifft immerhin die Vokabel »sprachlos« ins Schwarze, mit der er sich in seinem Kommentar selbst beschreibt: Der Mann ist sprachlos in seinem Reden von Gott. Glaubt er eigentlich an den θεος, dem die Wissenschaft, in der er sich betätigt, ihren Namen verdankt? Die Frage führt Striet in ein Dilemma: Verneint er, bestätigt er die von Papst Benedikt beklagte Abwesenheit Gottes im Denken der Menschen, namentlich der Theologen. Sagt er Ja, muss er erklären, warum er dann nicht auf Gott rekurriert und biblisch argumentiert. Die Antwort liegt auf der Hand: Striet kann nicht biblisch argumentieren, weil das erste Kapitel des Römerbriefs ihm fundamental widerspricht, wenn er forsch behauptet:
Nicht homosexuelle Orientierungen als solche stellen ein Problem dar, sondern eine nicht in die Persönlichkeit integrierte Sexualität und ein Raum, der mit seiner Doppelmoral für entsprechende Personen attraktiv ist. Pädophile Neigungen dürfen um keinen Preis ausgelebt werden, weil sie Menschen ein Leben lang traumatisieren können; gleiches gilt für den Missbrauch von Minderjährigen. Für homosexuell liebende Menschen aber nicht . 3
Im Klartext: Homosexuelle Neigungen dürfen Striet zufolge ausgelebt werden, pädophile nicht. Und auf Benedikts Diagnose vom Sittenverfall in Priesterseminaren antwortet er: Nicht etwa die Veränderungen im sittlichen Verhalten der Priester seien das Problem gewesen, sondern: Man hätte »über das Phänomen von Homosexualität« nachdenken »und die eigene moralische Überzeugung« hinterfragen sollen. So hätte, meint der Theologe, Missbrauch verhindert werden können. Was er unterschlägt: Die zweifelhafte moralische Überzeugung, von der er spricht, geht zurück auf den nach seinem Verständnis »homophoben« Apostel Paulus, der in seinem Brief an die Gemeinde in Rom die homosexuelle Praxis als »verwerflich« (αδοκιμοϛ, wörtlich: »untauglich«) und als »Schande« (ασχημοσυνη, auch mit »Unanständigkeit« oder »Hässlichkeit« zu übersetzen) bezeichnet hat. 4Paulus erklärt: Eine degenerierte Gesellschaft, die nicht mehr den Schöpfer ehrt, sondern das Geschöpf, wird von Gott ihren dekadenten Lüsten und Leidenschaften überlassen, zu ihrem eigenen Unheil. Es sei nur der Form halber kurz in Erinnerung gerufen: Beim Apostel Paulus handelt es sich um einen Zeitgenossen des Nazareners, bei Magnus Striet um einen Menschen mit 2000 Jahren Distanz zum historischen Jesus. Als theologisch interessierter Leser möchte man da schon gern wissen, wie Magnus Striet seinen eklatanten Widerspruch zur Heiligen Schrift begründet und auf welche höhere Autorität er sich dabei beruft. Es kann doch ein redlich arbeitender Exeget sich nicht hinstellen und in Anbetracht von Römer 1,22ff. allen Ernstes behaupten, Menschen würden, indem sie ihre homosexuelle Neigung ausleben, den Schöpfer ehren und nicht das Geschöpf! Weiterhin ist zu fragen: Was soll an die Stelle der ethischen Grundsätze treten, die Magnus Striet für reformbedürftig hält, und mit welcher Legitimation? Hier kommt nun der von Benedikt als Wurzel vieler Übel beklagte Relativismus ins Spiel. Striet nennt ihn euphemistisch eine »auf Autonomiefüße gestellte Moral«. Während ich in meinem Theologiestudium noch gelernt habe, dass die Autonomie des Menschen der größte Mythos der Aufklärung ist, huldigt der Freiburger Fundamentaltheologe genau diesem Mythos, dem goldenen Kalb der Moderne. Er vertritt ganz offensichtlich eine Theologie, in der Bibel, Kirchenväter und Scholastik nur historische Wegmarkierungen für einen in letzter Konsequenz atheistischen Vernunftglauben sind, dem »die Wahrheit von objektiven Normen« zugänglich ist. Wenn er von Autonomie spricht, meint er in letzter Konsequenz eine Autonomie von Gott. Deshalb, so darf man folgern, ist die Abwesenheit Gottes für ihn kein Problem. Von Gott, den man sich wohl als menschliches Konstrukt denken muss, ist sowieso nichts zu erwarten. Der Mensch muss sich alleine auf diesem Planeten zurechtfinden, mit einer eklektizistisch aus religiösen und philosophischen Versatzstücken selbst zurechtgezimmerten Moral. Die ist dann aber natürlich nicht schuld am sexuellen Missbrauch. Denn, so Striet, »eine an Freiheitsrechten orientierte Moral« sei ja keine Lizenz zum hemmungslosen Ausleben von »Begierden«. Das mag stimmen, aber wenn nicht die von Striet beschworene autonome Moral versagt hat, als Priester Kinder missbrauchten, was dann? Warum also haben sich Geistliche an Minderjährigen vergangen? Benedikts Antwort lautet: weil sie an die Stelle der Liebe zu Gott ihr Ego gesetzt haben. Striets Antwort lautet: weil »autoritäre Strukturen« es ihnen leicht gemacht haben. Welche Erklärung geht tiefer? Welche packt das Problem bei der Wurzel? Machtstrukturen, so viel ist klar, machen sich nicht selbst, sie werden von Menschen gemacht. Und niemand ist gezwungen, sich in diesen Strukturen böse zu verhalten oder sie in inhumaner Weise zum eigenen Vorteil zu nutzen wie jener Kaplan, der seinen Missbrauch mit den für die heilige Eucharistie vorgesehenen Worten einleitete: »Das ist mein Leib, der für dich hingegeben wird.« Die Frage ist doch nicht, woher wir unsere moralischen Regeln haben, die Frage ist, warum wir sie nicht befolgen. Der entscheidende Faktor ist das böse Herz, das Gott dem Menschen in Genesis 8,21 attestiert und das immer wieder tut, was falsch, und unterlässt, was richtig ist. Dieses böse menschliche Herz vermag in seiner Rebellion gegen Gottes Gebot gewaltigen Schaden anzurichten, und zwar nicht nur in der katholischen Kirche, sondern auch in der evangelischen, die 2019 einen zaghaften Prozess der Aufarbeitung ihrer Missbrauchsfälle einleitete. Jenseits der nach Ansicht vieler durch das Zölibat verursachten Übergriffe katholischer Würdenträger gab es nämlich auch dort Missbrauch – in ähnlich hohem Ausmaß 5. Damit zerfällt das Hauptargument gegen den von Benedikt aufgezeigten Zusammenhang zwischen sexueller Revolution und Missbrauch. Hätte sich dieser ausschließlich in der katholischen Kirche mit seinen starren Hierarchien und dem Zölibatsgebot ereignet, hätte man auch nach den Ursachen ausschließlich dort suchen müssen und nicht in der Gesellschaft. Nun aber ist der sexuelle Missbrauch kein Phänomen allein der Kirche, er ist das Symptom einer durch die Achtundsechziger sexuell »befreiten« – man könnte auch sagen: in die Libertinage entlassenen – Gesellschaft mit Folgen auch, aber nicht nur für die Kirche. Die Vorfälle an der Odenwaldschule unter dem Regiment des Reformpädagogen Gerold Becker, einem Verfechter von Bildungskonzepten der Achtundsechziger, und der Missbrauch von über tausend Jungen im Kreuzberger Falckenstein-Keller, einem Treffpunkt der Berliner Alternativen Liste, sind nur zwei von etlichen Beispielen, die belegen, dass der Altpapst mit seiner These einer Korrelation zwischen sexueller Revolution und sexuellem Missbrauch richtig liegt. Nur besonders Verblendete haben daran wohl ohnehin je gezweifelt. Es ist klar, dass die anarchische Grundstimmung jener Zeit viele moralische Normen außer Kraft gesetzt hat. Mit Folgen für alle. Warum kann man das nicht einfach mal zugeben?
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