Doch es gibt eine Gegenkraft gegen Normlosigkeit und sittlichen Verfall. Für sie wirbt Benedikt XVI. im letzten Abschnitt seiner Schrift nachdrücklich. Für sie plädiert auch Otto-Uwe Kramer in seinem Beitrag »Solus Christus – Christus allein«: Wenn wir Gott mehr lieben als unsere eigenen Bedürfnisse, wenn Gott auf dem Thron unseres Lebens sitzt und nicht unser Ego, dann können wir, wie es auch John Steinbeck in seinem großen Roman »Jenseits von Eden« in Aussicht stellt, dem Bösen Einhalt gebieten, wenn der große Versucher mit seinen Einflüsterungen uns auf seine Seite zu ziehen versucht und die »objektiven Normen«, die wir eigentlich kennen, plötzlich keine Geltung mehr haben. Das gilt insbesondere für den gesamten Bereich der Sexualität, in dem der Mensch seit jeher besonders versuchbar ist.
Bei fast zwei Dritteln (62,8 %) der von der katholischen Kirche dokumentierten Missbrauchsfälle handelte es sich um Vorgänge zwischen Geistlichen und Jungen. Trotzdem sieht Magnus Striet keinen Zusammenhang zwischen Homosexualität und Missbrauch. Er verweist auf »einschlägige wissenschaftliche Studien«. Sie dürften von ähnlicher Qualität sein wie die, die zum Ergebnis hatten, das Pestizid Glyphosat sei unbedenklich. Der Gelehrte räumt lediglich ein, »dass sexuell unreife homosexuell orientierte Männer ein Gefährdungspotenzial haben«. Aha. Aber wie soll diesem Gefährdungspotenzial begegnet werden? Nicht etwa dadurch, dass ihr Trieb durch meditative Übungen und eine asketische Form der Frömmigkeit sublimiert wird, was selbst die säkulare Psychoanalyse nach Freud für möglich hält, nicht dadurch, dass der Geistliche in seiner Beziehung zu Gott einen Ersatz für seine unauslebbare Neigung findet. Denn das scheint Striet Geistlichen seiner Generation nicht mehr zumuten zu wollen. Er rät lieber zur Überwindung einer »homophoben« Moral. Mit Worten der Bibel heißt das: den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.
Immerhin kann man Magnus Striet uneingeschränkt zustimmen, wenn er das Fazit zieht: »Der Text von Benedikt XVI. bietet ein Lehrstück dafür, dass eine bestimmte Theologie die Probleme überhaupt nicht angemessen in den Blick bekommen kann.« Und diese bestimmte Theologie ist jede Theologie, die nicht mehr von Gott redet, sondern nur noch von autonomer Moral. Nur verdient sie, weit mehr Gedanken der Aufklärung verpflichtet als dem Gott der Bibel, eher das Wort Ideologie: In ihr ist Gott zur Idee degradiert. Aber eine Idee kann nicht auf einem Thron sitzen. Das kann nur eine Person. Als solche begegnet uns der Gott des Alten und Neuen Testaments. Die Degradierung Gottes im Anthropozentrismus ist, mit Striets eigenen Worten, die »missbrauchsbegünstigende theologische Denkfigur«, über die dringend nachzudenken wäre.
Während Magnus Striet seine Thesen immerhin noch auf hohem intellektuellem Niveau vorzutragen vermag, erweist sich Markus Nolte, die dritte kritische Stimme, auf die hier nur noch kurz eingegangen werden soll, mit seinem Kommentar »Schreiben und verschweigen« 6als schlichter Apologet jenes flachen Humanitarismus, der das Ergebnis der von Benedikt beschriebenen Krise der Moraltheologie ist. Hier scheint sich jemand mächtig geärgert zu haben über Benedikts Frontalangriff auf seine Glaubensüberzeugungen, die freilich mit dem Gott der Bibel offenkundig wenig zu tun haben. Denn auch hier: kein einziges biblisches, kein einziges geistliches Argument, Gott hat lediglich in der Floskel »Gott sei Dank« überlebt. Stattdessen: ein klares Bekenntnis zum Relativismus (»was sich in den letzten Jahren in der Kirche verändert hat«). Wer sich als Anhänger des Neopaganismus der Achtundsechziger zu erkennen gibt, indem er ihren selbstreferentiellen Hedonismus als Genuss der »Fülle des Lebens« preist, der »die verquaste Sexualmoral der Kirche« im Weg gestanden habe, konvertiert besser vom Katholizismus zum Epikureismus. Seine Überzeugungen wären ja damit nicht aus der Welt. Er könnte sie jederzeit weiterhin auf Bündnisgrünen-Parteitagen vertreten, ohne Widerspruch seitens der Hüter einer – Zitat Nolte – »überkommenen« Moral befürchten zu müssen. Selbst dem einfachsten Gläubigen ist indes klar, dass, auch wenn Jesus einem Tropfen Wein grundsätzlich nicht abgeneigt war, die Schriften des Neuen Testaments nicht die Auflösung des Individuums im epikureischen Sinnenerlebnis propagieren, sondern eine Haltung der moralischen Lauterkeit und der Hingabe an Gott.
Mit ihrem sturen Festhalten an einer Theologie, die den in der Bibel sich offenbarenden und zu uns sprechenden Gott zunehmend wegzudenken versucht, machen sich moderne Theologen beider Kirchen zum Sprachrohr derer, die das Unheil überhaupt erst über sie gebracht haben: der Verfechter des Relativismus, die glauben eine autonome Verstandesmoral an die Stelle göttlicher Offenbarung setzen zu können. Sie repräsentieren ein verweltlichtes Christentum, das Benedikt XVI. als Grundübel seiner Kirche ausgemacht hat und das sie in eine Reihe stellt mit Päpsten wie Alexander VI. oder Leo X. Auch die so genannten Deutschen Christen , die sich kritik- und charakterlos dem faschophilen Zeitgeist unterwarfen und sich für keine Verbiegung der christlichen Lehre zu NS-Erfüllungsrhetorik zu schade waren, gehören in diese Reihe. Hier waren und sind Menschen am Werk, die eine neue Moral postulieren, ohne jedoch ein Heilmittel anbieten zu können für das böse Herz, das in uns Menschen schlägt, die wir moralische Grundsätze zwar kennen, aber trotzdem fortdauernd dagegen verstoßen.
Wo sich wie ein Krebsgeschwür der Relativismus ausbreiten konnte, sind selbstverständlich auch Menschen mit davon befallener Theologie in Amt und Würden gekommen. Das ist die Antwort auf Magnus Striets Frage, wer eigentlich die Bischöfe ernannt habe, die jetzt beschuldigt werden. Er will damit sagen: Das waren doch nicht alles Leute aus dem Umfeld der Studentenunruhen und also kann die Bewegung dafür auch nicht in Haftung genommen werden. Nimmt man es genauer unter die Lupe, erweist sich auch dieses Argument als vollkommen unbrauchbar. Muss man etwa ein bekennender Achtundsechziger sein, um sich von der falschen Lehre umgarnen zu lassen, für die die Bewegung steht? Muss man selbst in einer Kommune gelebt haben, um in den Sog des Lügengeistes und der Depravation zu geraten, die damals – Benedikt schildert anschauliche Beispiele – um sich griffen, und unter dem Einfluss dieses Lügengeistes und dieser Depravation noch Jahre später einen Irrweg nach dem anderen zu beschreiten, eine falsche Entscheidung nach der anderen zu treffen? Es sind oft die einfachen Wahrheiten, die am leichtesten übersehen werden: Die Achtundsechziger-Bewegung war eine Studentenbewegung und jeder Pfarrer, jeder Priester, jeder Bischof hat als junger Mensch Theologie studiert. Er ist mithin automatisch in den Sog des revolutionären Aufbruchs und seiner ideologischen Prämissen geraten. Er konnte dem nicht entkommen. Das Gift des Relativismus, durch den es, wie der emeritierte Papst schreibt, »nicht mehr das Gute, sondern nur noch das relativ, im Augenblick und von den Umständen abhängige Bessere« gab, hat der Sünde das Feld bereitet. Jeder heidnische Tyrann, jeder atheistische Diktator orientiert sich an der Maxime: Im Zweifel ist das Bessere das, was mir am meisten nützt. Mit ihr lässt sich das anthropozentrische Weltbild auf den Punkt bringen. In führenden kirchlichen Kreisen wurde die Vorstellung, dass da schon kein Gott so genau hinschauen werde, zum Maßstab des Handelns, auch bei Personalentscheidungen, die im Licht der Erkenntnisse von heute fragwürdig erscheinen. Damals aber waren sie opportun. Alles relativ! Und es ist – um die Vokabel eines seiner Kritiker zu benutzen – grotesk, mit Joseph Ratzinger ausgerechnet die Person für Vertuschungen und Fehlbesetzungen verantwortlich zu machen, die gerade diesen Sünde nährenden Relativismus immer als große Gefahr ausgemacht und vor ihm gewarnt hat.
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