Klerusblatt 4/2019 bereits zahlreiche Kritiker auf den Plan gerufen hat, die letztlich aber, indem sie eine von der Heiligen Schrift losgelöste Argumentation anstrengen, nur den Nachweis für die Notwendigkeit dessen erbringen, was Benedikt fordert: ein Zurück zu Gott. Die eingangs erwähnten Vipern, die sich durch Benedikts Stellungnahme auf ihren gedrungenen Leib getreten fühlten, wollen davon nichts wissen. Die Finsternis fühlt sich geblendet vom Licht der göttlichen Wahrheit. Stellvertretend seien in dieser Vorrede drei Reaktionen auf Benedikts Schrift kurz herausgegriffen und in das Licht dieser Wahrheit gestellt: die des SPIEGEL-Journalisten Hans-Jürgen Schlamp sowie die des Theologen Magnus Striet und seines Kollegen Markus Nolte, beide veröffentlicht in katholischen Online-Magazinen. Denn es ist wichtig zu verstehen, durch welche geschickt aufgestellten falschen Wegweiser der διαβαλλων, der große Durcheinanderwerfer und Verleumder, der gerade die Kirche des Herrn immer wieder in Verruf bringen muss, die Menschheit in die Irre zu führen trachtet. Alle drei Beispiele illustrieren, wie wenig die Welt, der das Wort vom Kreuz immer Torheit ist, dem geistgewirkten Scharfsinn dieses erlauchten Verkündigers ewiger Wahrheiten entgegenzusetzen hat.
Zunächst zu Hans-Jürgen Schlamps Online-Kommentar: Unter der Überschrift »Schuld sind immer die anderen« 1bemüht sich der aus Rom für den SPIEGEL berichtende Autor, Benedikts Thesen darauf zu verengen, dass er die Schuld von der Kirche auf andere abzuwälzen versuche. Im Gegensatz zu seinem Nachfolger verhehle Benedikt, dass auch die »Machtstrukturen der Kirche« ein Grund für den Missbrauch gewesen seien. Jeder aufmerksame Leser der in diesem Buch nachzulesenden Schrift wird leicht erkennen können, wie unredlich und unsinnig dieser Diskreditierungsversuch ist. Selbstverständlich thematisiert der Text, der ja übrigens in enger Abstimmung mit Papst Franziskus entstanden ist (der vermeintliche »Gegensatz zu seinem Nachfolger« ist also nur konstruiert), problematische Machtstrukturen: Irrlehren (wie Garantismus und Relativismus) lassen sich überhaupt nur durchsetzen mit Macht. Wer also genau liest, versteht sowohl Benedikts fundamentale Kritik an denjenigen innerhalb des Klerus, die den im zweiten Kapitel seiner Denkschrift explizierten Garantismus durchzusetzen vermochten, als auch an denen, die die Bibel als moralische Richtschnur entwerteten, als Kritik an Menschen, die ihre Position, ihren Einfluss für unheilige Zwecke missbraucht haben. Richtig ist, dass es die Versündigung geistlicher Würdenträger an Kirchengesetz und Gottesgebot in der Kirchengeschichte immer gegeben hat. Leugnet der Altpapst das? Zitat aus der hier veröffentlichten Schrift: »Ja, es gibt Sünde in der Kirche und Böses.« Man darf einem ehemaligen Papst durchaus zutrauen, dass die Exzesse der Borgia-Päpste Kalixt III. und Alexander VI. oder der von Luther kritisierte Ablasshandel unter Leo X. in seinem kirchengeschichtlichen Basiswissen keinen blinden Fleck bilden. Es stimmt: Sie hätte Benedikt XVI. genauso zur Buße rufen müssen, wie er es heute mit den Geistlichen tut, die sich nicht mehr von Schrift und Tradition binden lassen wollen. Doch sie lebten nicht in seiner Epoche. Wenn der Emeritus nun aber im letzten Abschnitt seiner Ausführungen schreibt: »Nur der Gehorsam und die Liebe zu unserem Herrn Jesus Christus kann den rechten Weg weisen«, dann ist das zu verstehen als eine für jede Epoche der Kirchen- und Menschheitsgeschichte gültige Richtlinie und nicht als das plumpe Ablenkungsmanöver, zu dem Modernisten mit beschränktem Horizont es zu machen versuchen. Keiner der drei von mir rezipierten Kritiker des Papstes a.D. hat das begriffen. Das beweist das von allen dreien mehr oder weniger explizit vorgetragene Argument: Der Papst wolle doch wohl kein Zurück zur verklemmten Sexualmoral der fünfziger Jahre! Sie haben nicht begriffen, dass es vollkommen gleichgültig ist, ob ich mangels Vertrauen zu Gott in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts außerehelichen Geschlechtsverkehr habe und somit »ungewollt« schwanger werde, mit allen unerfreulichen Konsequenzen, oder ob ich mangels Vertrauen zu Gott als geweihter Priester in den siebziger Jahren Unzucht mit Minderjährigen treibe, mit allen unerfreulichen Konsequenzen. Genau vor diesen Konsequenzen will mich ja Gottes Ordnung, Gottes Gebot, schützen. Denn es ist eine Ordnung der Liebe zu den Menschen, auf die diese mit Liebe zu Gott antworten sollten. Emanzipieren wir uns von dieser Ordnung, wie es die Schlange Adam und Eva im Paradies rät, begeben wir uns in die Hand des Bösen. Oder um es mit Benedikts Worten zu sagen: »Die Macht des Bösen entsteht durch unsere Verweigerung der Liebe zu Gott.« Deswegen ist auch der anthropozentrische Relativismus völlig verfehlt, dem der Freiburger Fundamentaltheologe Magnus Striet mit seinem Postulat einer autonomen, »an Freiheitsrechten orientierten Moral« das Wort redet. Autonom, das heißt unabhängig, wovon? Von Gott? Wozu dann noch Theologie? Wollen wir von Gott lernen oder von uns selbst? Die Theologie kann sich von Gott und seinem in der Heiligen Schrift erklärten Willen nicht einfach lossagen wie ein enttäuschter Wähler von der Partei, der er jahrelang die Treue gehalten hat. Das ist das eine. Das andere: Eine Gesellschaft, die vor hundert Jahren Vernunftgründe dafür fand, Homosexualität zu ächten, und dieses heute nicht mehr tut, offenbart, dass die immanente menschliche Vernunft kein zulängliches Fundament für das Erkennen universeller Normen und Werte ist. Die Erfahrung der NS-Zeit lehrt uns vielmehr, Vernunft und Wissenschaft zutiefst zu misstrauen und ihnen die – dem Bereich des Transzendenten zuzurechnende – Offenbarung des göttlichen Willens vorzuziehen, welche uns in Gestalt der Bibel gegeben ist. Nur sie bildet ein tragfähiges Fundament für sittliche Grundsätze, die allen Stürmen der Zeit standhalten. Was mit diesem ethischen Fundament nicht in Einklang zu bringen ist, muss – jedenfalls in jedem theozentrischen Weltbild, das Gott, nicht den Menschen in den Mittelpunkt rückt – als dem Bösen zugehörig identifiziert werden.
Eben dies sei durch die Verwirrung, die die gesellschaftlichen Umbrüche Ende der sechziger Jahre ausgelöst haben, nicht mehr möglich gewesen, argumentiert Benedikt, auch nicht in der Kirche, die zu dieser Zeit ganz offenkundig vom Bösen überwunden wurde, zumindest in weiten Teilen: »Zu der Physiognomie der 68er Revolution gehörte, dass nun auch Pädophilie als erlaubt und als angemessen diagnostiziert wurde.« Hans-Jürgen Schlamp bestreitet dies mit dem absurden Argument, dass die Grünen 1985 wegen ihrer Forderung nach Legalisierung von »einvernehmlichem Sex« zwischen Erwachsenen und Minderjährigen den Einzug in den nordrhein-westfälischen Landtag verpasst hätten. Das ist allerdings kein Argument gegen, sondern für das, was Benedikt geschrieben hat. Er hatte ja lediglich verdeutlichen wollen, dass in den Kreisen, die die sexuelle Revolution anführten, eine beispiellose Enttabuisierung festzustellen war, die auch den Bereich sexueller Handlungen mit Minderjährigen einschloss. Und es war genau diese Enttabuisierung, die noch anderthalb Jahrzehnte später bei den Erben der Bewegung, den Grünen, virulent war, aber von der Gesellschaft nicht in allen Teilen übernommen wurde, Gott sei Dank.
Lässt man die unseriösen polemischen Passagen außen vor, die keiner Replik bedürfen, findet sich in Schlamps Kommentar noch ein drittes Argument. Und das scheint das stichhaltigste zu sein: Der von der katholische Kirche selbst in Auftrag gegebenen Studie zufolge gab es sexuellen Missbrauch in der Kirche auch in den Jahren vor 1968. Mindestens 3.677 Minderjährige sind nach dieser Studie zwischen 1946 und 2014 in allen deutschen Diözesen missbraucht worden. Diese Zahlen widerlegen Ratzingers These vom Zusammenhang zwischen der sexuellen Enthemmung Ende der sechziger Jahre und dem Missbrauchsskandal in der Kirche aber natürlich nur dann, wenn man den Nachweis erbringt, dass die weitaus größere Zahl der Fälle zwischen 1946 und 1968 liegt. Über das exakte Zahlenverhältnis jedoch schweigt sich der SPIEGEL-Enthüller aus. Dafür kann es zwei Gründe geben: Entweder er kennt die Zahlen nicht oder er kennt sie, verschweigt sie aber lieber, weil sie seine eigene Argumentation torpedieren würden. Welcher Grund auch immer zutrifft, entwertet ist sein Argument auf jeden Fall. Gleichsam als Ersatz für die fehlende Statistik für die Zeit von 1946 bis 1968 dienen ihm zwei andere Fälle aus der Zeit vor 1968: In Mexiko habe der Gründer der Legionäre Christi seit 1960 mit mehreren Frauen Kinder gezeugt, Seminaristen seien missbraucht worden. Und in Pennsylvania habe man rund 300 katholische Priester des Missbrauchs an mehr als tausend Kindern überführen können. Der Freiburger Theologe Magnus Striet, ein noch entschiedenerer Benedikt-Kritiker, schlägt in dieselbe Kerbe: Der Emeritus müsse erklären, wie es eigentlich vor 1968 zu sexuellem Missbrauch habe kommen können. Alle diese Skandale stehen aber überhaupt nicht im Widerspruch zu dem, was der Papst a.D. schreibt, wenn man nur Ohren hat zu hören. Deswegen hier noch einmal in einfachem Deutsch: Es geht Benedikt XVI. nicht darum zu leugnen, dass katholische Geistliche grundsätzlich versuchbare und somit zu moralischer Verfehlung fähige Menschen sind. Man mag es glauben oder nicht: Auch Joseph Ratzinger ist vertraut mit der sündigen Natur des Menschen. Er führt ein ganzes Kapitel (»Die sexuelle Revolution und die Krise der Moraltheologie«) lang aus, dass gerade sie das Kernproblem ist, das es zu bekämpfen gilt: Geistliche, die sich vom Bösen überwinden lassen, obwohl sie wissen müssten, wie man sich dagegen wappnet, Geistliche, die sich in anthropozentrischem Relativismus von der Autorität der Bibel und ihrer Gebote lossagen und auf einmal glauben, sich ihre Moral und ihre Gebote selbst stricken zu können. Richtig ist, dass diese Hybris, die Anmaßung, sich von der Autorität Gottes zu emanzipieren und zu verneinen, dass er über mein Trachten und Handeln ein Urteil fällen darf, kein Alleinstellungsmerkmal der Achtundsechziger ist, sondern – ein Blick in das erste Buch der Bibel reicht aus, um das festzustellen – ein Problem der Menschheit schlechthin.
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