Die leuchtenden Augen meines Gegenübers flackern für einen Moment, dann greift er ohne Umschweife nach dem anderen Arm des Mädchens und zieht es mit sich. Kaia schreit auf, aber der Stärke des Forschers ist sie definitiv unterlegen. Ihre Finger entgleiten mir und meine Hand ballt sich zur Faust. Aus Reflex, hoffentlich, und nicht, weil ich das hier womöglich gar nicht zulassen will.
»Bezahlung?«, frage ich. »Biomasse.« Ich rede abgehackt und alles in meinem Sichtfeld blinkt rot.
Der Anführer nickt dem Roboter hinter mir zu. »Danke für deine Dienste. Folge ihm.« Damit wendet er sich von mir ab und nimmt Kaia mit, die immer wieder versucht, sich loszureißen und zu mir zurückzukehren.
Mechanisch drehe ich mich um und gehe meiner Belohnung entgegen. Ich werde in ein Zelt geführt, in dem jede Menge Kisten und Käfige stehen. Der Forscher stellt eine davon auf den Tisch und verbindet Schläuche mit mir. Ich kann nicht erkennen, was darin ist, doch obwohl ich kurz vor dem Tod bin, bin ich noch wählerisch.
»Pflanzen?«, krächze ich, woraufhin die Forschereinheit nur knapp nickt. Muss ich wohl hinnehmen. »Wie viel?«
»Eine Woche.«
Wow, das gibt mir einen Energieboost, auch ohne die Aufnahme von Biomasse. »Eine Woche?«, rufe ich und muss mich geradezu ekstatisch am Tisch festhalten.
Der Roboter nickt und knipst etwas an den Verbindungen an und endlich – endlich! – fühle ich, wie sich mein Akku auflädt. Seufzend lehne ich mich zurück.
»Es wird etwas dauern. Hiernach erhältst du eine zweite Ladung. Ich komme gleich wieder.« Damit entfernt sich der hübsche Kumpan und ich kann mich gebührend freuen und balle siegreich eine Faust vor meiner Brust. Eine ganze Woche! Das reicht locker für das Verlassen des Biotops und das Suchen neuer Aufträge. Außerhalb muss ich mir auch keine Sorgen mehr machen, nicht so richtig jedenfalls. So schnell würde ich wohl kein Biotop mehr betreten, die machen mich und meine Synapsen echt fertig.
Während ich wacher werde, funkt Erny mich erneut an. Diesmal kann ich es mir leisten anzunehmen. »Hab sie gefunden«, sage ich direkt. »Danke noch mal …«
»Deswegen melde ich mich nicht.«
Ich verstumme und setze mich gerade hin, weil ich plötzlich angespannt bin. »Was ist los?«
»Kann ich noch nicht sagen. Aber wenn du kannst, hau ab. Oder komm her und hilf uns.«
Mir kommt in den Sinn, was das Spender-Empfänger-Pärchen gesagt hat. »Was soll das heißen? In Biotopen ist friedliches Verhalten vorgeschrieben.« Ich hab mich nicht daran gehalten, aber pst!
»Wir haben gerade aus mehreren Bereichen die Meldung bekommen, dass wir angezapft werden. In dieser Größenordnung ist das noch nie vorgekommen. Noch nie!«
Hätte ich ein menschliches Herz, würde es nun wie verrückt in meiner Brust schlagen. Dinge, die sonst nie vorkommen, sind fatal. Wie eine grausame Krankheit, die plötzlich von einem Körper Besitz ergreift und alles Gekannte auf den Kopf stellt. Der Sundown war so etwas. Und jetzt passiert es womöglich wieder?
Schwarzmalerei kann ich, falls dir das noch nicht aufgefallen ist. Und die Energie, die ich aktuell zu mir nehme, begünstigt diese kreativen Gedankengänge. Keine gute Kombination. »Danke für die Warnung. Ich warte meine Bezahlung ab, sonst bin ich zu nichts zu gebrauchen.«
Erny kappt ohne einen Abschiedsgruß die Verbindung und ich versuche zu verdrängen, dass ich mindestens zwei Tage brauche, um hier rauszukommen. In denen so einiges passieren kann, und ich will eigentlich nicht mittendrin sein. Das klingt schon eine Nummer zu groß für einen einzelnen Söldner. Andererseits sind die Biotope überlebenswichtig. Kann ich so einfach wegsehen?
Während sich mein Akku weiter auflädt, grübele ich darüber nach, was das Spender-Empfänger-Pärchen damit zu tun hat. Warum wissen sie von dem Coup oder was auch immer hier gerade passiert? Warum sonst haben sie mich gewarnt? Steckt dieser Clan mit drin? Haben sie etwas aufgeschnappt?
Mit einem Mal fängt meine Umgebung an zu zittern. Kisten fallen aus den Regalen und zersplittern. Ich kralle mich mit aller Macht an der Tischkante fest. Allerdings rumpelt es überaus heftig und ich fliege vom Stuhl. So viel Kraft habe ich wohl noch nicht zurückerlangt. Unsanft lande ich auf dem Rücken und sehe, wie der Kasten mit meiner kostbaren Bezahlung vom Tisch segelt und neben mir zerdeppert. Zum Vorschein kommt ein halb verwester Fuchs, und mir dreht sich der Magen um – metaphorisch gesehen. Ernsthaft? Ernsthaft? Ich weiß, das sollte gerade meine geringste Sorge sein, aber ich fasse es einfach nicht, dass die Forscher mich belogen haben. Warum haben sie das getan? Perplex blicke ich mich um und entdecke überall ausgebüxte Tiere, die aufgescheucht durch die Gegend rennen, schlängeln oder hüpfen. Keine einzige Pflanze ist in diesem Zimmer.
Die Erde bebt erneut. Rings um mich herum ist es bis auf das Gewusel und die Laute der Tiere absolut still. Allerdings schreien Roboter in der Regel auch nicht aus Panik herum, wir agieren logisch und vernünftig. Vermutlich sind die Forscher vor ihre Zeltsiedlung getreten, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Ich kann wenigstens die Ereignisse mit Ernys Warnung verknüpfen, was mich jedoch nicht im Ansatz beruhigt. Genauso wenig, wie dass ich Kaia nicht wahrnehme. Keine Ahnung, warum ich an sie denke, aber ein Kind hat doch sicher Angst, wenn ein Erdbeben das nächste jagt, oder? Und da sie schon geschrien hatte, nur weil ich erwähnte, dass ich für die Forscher arbeite, müsste sie nun vollkommen aufgelöst sein. Es sei denn, der Anführer hat etwas mit ihr gemacht. Sie schlafen gelegt oder so. Wieder bemerke ich dieses ungute Gefühl in mir, das mich mehr aufwühlt als alles andere.
Mein Selbsterhaltungstrieb sollte dafür sorgen, dass ich mich aus dem Staub mache und mir das Spektakel aus sicherer Entfernung ansehe. Stattdessen sitze ich hier und kappe seelenruhig die Verbindung zur Kiste, während ich an das Mädchen denke. Verrückt. Ist heute vielleicht Tag X, an dem alles anders wird? Oder den Bach runtergeht? So wie damals beim Sundown?
Nicht nur Schwarzmalerei kann ich gut. Ich bin auch ein Experte darin, mir philosophische Gedanken in den unmöglichsten Situationen zu machen. Meine Synapsen sind vermutlich noch ein wenig überfordert mit der Sachlage. Erst bekommen sie Energie, kurz darauf nicht mehr. Außerdem besteht offenbar eine diffuse Gefahr, die ich nicht recht erfassen kann. Und dann sitze ich auch noch hier und werde von zwei Katzen angeflauscht. Ich nehme eine davon auf den Schoß und rufe meine Energieanzeige ab. Besonders lang war ich nicht an der Kiste angeschlossen und habe keine Ahnung, wie viel Biomasse so ein Fuchs liefert. Laut Anzeige haben mir die vergangenen zehn Minuten gerade mal zwei weitere Stunden geschenkt. Was irgendwie nicht passt, so angefault, wie der Fuchs ist. Oder haben sie ihn mir schon so vorgesetzt? Wenn ja, habe ich ein Problem. Ein noch größeres. Denn verfaulte Biomasse wirkt sich auf einen Roboter in etwa so aus wie ranziges Essen auf einen Menschen. Ich würde zwar nicht kotzen, aber Spaß hätte ich definitiv keinen in nächster Zeit.
Spaß, ha! Unwillkürlich presse ich die Katze an mich, die dabei leise schnurrt. Ich fühle mich wie gelähmt, weil die Gesamtsituation miserabel ist.
Kurze Bestandsaufnahme, für alle, die inzwischen den Faden verloren haben. Inklusive mir, denn ich bin immer noch nicht so schnell im Denken.
1 Das Biotop, in dem ich festsitze, wird unrechtmäßig angezapft. An mehreren Stellen gleichzeitig. Nicht gut.
2 Das Erzittern der Erde ist zu regelmäßig für ein Erdbeben. Wahrscheinlicher sind Explosionen in der Ferne. Ziemlich beschissen.
3 Ich hatte gerade Fuchs zu Mittag. Angefaulten. So richtig beschissen.
4 Eingebracht hat er mir nur zwei weitere Stunden Laufzeit. Das ist immerhin etwas, aber in Kombination mit dem Rest macht es keinen Unterschied. Ich werde sterben.
Читать дальше