Bis zum Sundown. Der schwarze Kreis, der Sonne und Korona voneinander trennt. Habe ich den eben erwähnt? Keine Ahnung, jedenfalls war der auf einmal da – über Nacht, könnte man sagen. Unsere Wissenschaftler und die der Menschen haben dieses Phänomen untersucht. Irgendetwas mit dunkler Materie und kosmischen Strömungen soll die Ursache sein. Jedenfalls liefert die Sonne allem künstlich Erschaffenen keine Energie mehr.
Warum sie Natur und Synthetik trennt? Das weiß niemand und wird angeblich immer noch erforscht. Der Sundown brachte damals ein Massensterben der Roboter mit sich. Wir fielen zu Tausenden aus. Die Menschen hätten das geschehen lassen können, haben sie aber nicht. Stattdessen haben sie uns umgebaut und den Koexistenzvertrag mit uns geschlossen. Wir laufen nun mit Biomasse und futtern die Natur.
Ja, das ist kontraproduktiv. Und es ist scheiße. Darum gibt es die Biotope. Die Biobots halten die Hand darüber und geben die Energie hier nur gegen Bezahlung ab. Wenn wir außerhalb dieser Zonen sind, dürfen wir an alles dran. An Menschen nur mit Erlaubnis, versteht sich. Aber die Biotope sind Schutzgebiete, damit unser hübscher Planet Keld keinen Kollaps bekommt.
Ich weiß nur das. Den Koexistenzvertrag haben irgendwelche schlauen Köpfe vor Jahrhunderten ausgetüftelt. Er regelt beispielsweise das mit den Biotopen und wie sich das Zusammenleben mit den Menschen gestalten soll. Damals hat man wahrscheinlich gedacht, es gäbe eine Lösung für das Sonnenproblem. Angeblich wird immer noch danach gesucht. Aber ganz ehrlich? Die wird’s nicht mehr geben. Dafür dauert das alles schon zu lange an. Ich weiß nicht, was passiert, wenn die Sonne irgendwann mal komplett dunkel wird. Deshalb schaue ich nicht gern hoch. Jedes Mal scheint sie mehr absorbiert worden zu sein. Aber der Vertrag gilt noch immer und Verstöße dagegen werden hart geahndet.
Das war jetzt ziemlich viel Gefasel. Und ich habe nun echt miese Laune, weil ich darüber nachgedacht habe.
Es sind keine Regenwolken in Sicht. Vielleicht schaffe ich es zu den Forschern und diesem Auftrag von ihnen. Danach werde ich hoffentlich genug Energie haben, um aus dem Biotop zu kommen und mich woanders nach besserer Arbeit umzusehen. Und meine offene Rechnung zu klären.
Dass sich hier ein temporärer Stützpunkt der Forscher befindet, ist an den Zelten erkennbar, welche die Lichtung säumen. Normalerweise haust diese weit fortgeschrittene Art von Robotern in regelrechten Bunkern, die von außen nicht einsehbar sind. Man braucht einen guten Grund, um sie zu besuchen, ansonsten schotten sie sich weitestgehend ab. Ich habe gehört, dass ihr Clansprecher kürzlich sogar einem Meeting der Vereinigung ferngeblieben ist. Das ist ein absolutes No-Go. Und jetzt eine versteckte Basis in einem Biotop? Irgendetwas ist im Busch, im wahrsten Sinne des Wortes. Es brodelt im Untergrund. Ich frage mich nicht zum ersten Mal, ob es die Welt noch lange so geben wird, wie ich sie kenne. Seit dem Sundown sind Hunderte, nicht immer harmonische Jahre vergangen. Es ist allerdings ewig kein ernsthafter Konflikt mehr aufgetreten. Dass sich der Frieden so langsam zu drehen beginnt, ist nicht überraschend. Beunruhigend jedoch schon.
Es ist unüblich, dass die Forscher eine Anlage mitten in einem Biotop aufbauen, und dass es wirklich von den Biobots geduldet ist, wage ich zu bezweifeln. Dafür hat sich Erny zu viele Sorgen darum gemacht, belauscht zu werden. Keine Ahnung, was ich von dieser Sache halten soll, aber ich bin nicht in der Position, Fragen zu stellen. Meine Programmierung priorisiert mich, was im Moment bedeutet, dass ich Energie auffüllen muss. Laut Anzeige habe ich nur wenige Stunden bis zur Abschaltung. Für das Verlassen des Biotops bräuchte ich mindestens zwei Tage.
Einige Roboter stampfen um das Zelt herum. Ich bin neidisch auf ihr gutes Aussehen. Natürlich können wir uns bis zu einem gewissen Grad selbst anpassen und modifizieren, doch die verschiedenen Clans haben Merkmale, die man nur erhält, wenn man die eigene Programmierung der ihren anpasst. Wir Söldner sind übrigens so speziell, dass wir alle unterschiedlich aussehen. Freigeister, sozusagen. Weil wir nirgends reinpassen, haben wir eine eigene Kaste gebildet. Damit meine ich nicht nur die Optik, sondern auch unsere Ziele. Keiner von uns hat sich einem einzigen untergeordnet, wie dem Schutz der Biotope oder dem Erforschen aller Anomalien der Welt. Söldner machen Arbeit, die aufkommt und für die die anderen Clans keine Zeit, Lust oder Programmierung haben. Es gibt immer etwas, das erledigt werden muss. Jemanden, der Schutz benötigt, womöglich sogar gesucht wird. Wenn wir dafür unsere Individualität behalten dürfen, reisen wir gern in der Welt umher und suchen nach jenen, die uns brauchen.
Die Forscher scheinen mit ihrer Umgebung zu verschmelzen. Sie besitzen dasselbe durchdringende Schwarz wie der Ring um die Sonnenkorona und sind von leuchtenden Kabeln überzogen. Nur ihr Oberkörper ist von einzelnen silbernen Platten bedeckt. Die Augen strahlen in einem stetigen Azur und die Leitungen an ihrem Kopf pulsieren im Blau der Kabel. Sieht echt cool aus, das kannst du mir glauben. Trotzdem sind die Forscher die Kaste, mit der ich aus genannten Gründen am seltensten und wenigsten gern Geschäfte tätige. Jetzt komme ich aber nicht drumherum, also gebe ich mir einen Ruck und marschiere auf das Zeltdorf zu.
Ich bin mir sicher, schon bemerkt worden zu sein, als ich noch im Schatten des Dschungels stand. Doch erst jetzt wenden sich mir die zwei Roboter am Eingang zu. Einer tritt vor, den Arm abwehrend gehoben und die Finger der flachen Hand weit gespreizt. »Halt!«
Für einen kurzen Moment überlege ich, die Situation auf die Spitze zu treiben, ich mag ein bisschen Risiko. Aber nicht mit sinkenden Energiereserven, also bleibe ich artig stehen. »Ich hörte, hier gibt es etwas zu tun. Muss ich mich als Söldner ausweisen oder glaubt ihr mir auch so?« Mit den Händen deute ich auf meinen Körper.
Die azurblauen Augen des zweiten Forschers betrachten mich, während sein Compagnon seine Pose beibehält. Meine Metallplatten kribbeln unter diesem intensiven Blick. Normalerweise bin ich nicht eitel, aber mein Aussehen ist mir vor diesen schicken Maschinen etwas peinlich. Ich strotze vor Einschusslöchern, die ich noch nicht versiegelt habe. In meinem Schädel sind mehrere Schlitze eingekerbt, aus denen der Rauch der Zigaretten strömt, wenn ich eine quarze. Die Belüftung habe ich so montiert, dass tiefe Züge möglich sind, als würde ich atmen. Ich habe mir das Rauchen irgendwann mal angewöhnt. So was Ähnliches habe ich bei den Geschichtsbewahrern gesehen, die menschliche Kulturen imitieren und erhalten. Und meine Seriennummer SM0K3 … Hat doch was Ironisches, oder? Smoke smokes. Hätte ich Mundwinkel, würden sie sich jetzt für ein breites Grinsen heben.
Na ja, und ansonsten mag ich es bunt. Ich habe vielerorts meine Hülle angesprayt und mir eine witzige neongrüne Antenne zur Zierde neben den rechten Ohrknubbel geklebt. Augen gibts bei mir übrigens keine. Ich habe ein schwarzes Visier, in dem sich das Umfeld spiegelt, nur nichts von meinem Innenleben. Warum wir alle so unterschiedlich aussehen? Das muss an den Maschinenmüttern liegen, die Menschen drücken Knöpfe und was Neues kommt raus. Wir sollten ursprünglich so individuell wie möglich sein, vom Erscheinungsbild, unserer Programmierung und Charakterentwicklung her. Der Zusammenschluss in Kasten steht dem entgegen, war jedoch nötig.
Zurück zu den Forschern. Sie scheinen sich einig zu sein, mir fürs Erste zu vertrauen. Der eine gibt seine Haltung auf, während der andere mir zunickt. Die beiden gehen in das Innere des Lagers und ich folge ihnen.
Unauffällig schaue ich mich um. Sie müssen echt verzweifelt sein, sie haben nur wenig Technik mitgebracht und scheinen alles in ziemlicher Eile aufgebaut zu haben.
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