Das Tier wackelt mit dem Puschelschwanz und hüpft weiter seines Weges. Du fragst dich mittlerweile vielleicht, was uns Roboter davon abhält, uns einfach am Biotop zu bedienen. Ich sprach vorhin von dem Koexistenzvertrag. Daran sind einige Gesetze geknüpft. Beim Bruch der meisten gibt es die höchste Strafe – den Shutdown, oder anders ausgedrückt, den Tod. Dazu gehört auch das Anzapfen des Biotops ohne Erlaubnis. Kommt eventuell etwas krass rüber, wenn sich jemand nur an einem kleinen Blümchen bedient. Aber überleg mal: Was wäre, wenn das alle tun würden? Und womöglich auch noch gleichzeitig. So, wie es teilweise außerhalb der Biotope üblich ist. Diese riesigen Grünflächen müssen unantastbar bleiben, damit Keld keinen Kollaps erleidet und wir alle – auch die Menschen, wohlgemerkt – nicht sterben.
Die Biobots müssen gar nicht omnipräsent im gesamten Dschungel sein. Sie können sehen, wo sich jemand genährt hat, und durch die entstandene Verbindung zwischen Natur und Technik auch, wer. Die Oberhäupter der Clans wissen jede Seriennummer ihrer Schützlinge und können sie aufspüren. Keine Chance, einfach zu verschwinden. Das Urteil wird immer vollstreckt. Ich kenne nicht einen Fall, in dem eine Einheit entkommen ist.
Die meisten Roboter machen deswegen einen Bogen um die Biotope und gehen nur hinein, wenn sie keine andere Wahl haben. Oder wenn sie sterben wollen. Ich bin wegen meines Auftrags hier und war so dumm zu glauben, dass bei meinem Botengang genug Energie rausspringen würde, damit ich das Biotop wieder verlassen kann. Das hat man davon, wenn man einmal gegen seine Prinzipien verstößt.
Während ich über all das nachdenke, stapfe ich weiter und vergleiche das Suchraster der Forscher mit meinem Weg. Die abgesuchten Bereiche färbe ich blau. Falls ich die Kleine nicht finde, bevor mir die Energie ausgeht, kann ich den Forschern zumindest zeigen, wo ich schon gesucht habe. Dabei versuche ich, einen Anflug von Panik abzuwenden. Hätte ich den Auftrag ablehnen sollen? Aber raus hätte ich es niemals geschafft. Das hier ist meine einzige Chance. Oder habe ich etwas übersehen? Nie wieder werde ich so dumm sein und in ein Biotop gehen. Ehrlich, nie wieder!
Die Funkverbindung knackt und ich bleibe stehen, um das Signal zu empfangen.
»Smoke, bist du noch da?« Es ist Erny.
Ich knurre ein »Ja«. Meine Laune ist echt am Boden angelangt.
»Die anderen Basen wissen nichts, doch mir ist etwas eingefallen. Vor ein paar Stunden haben unsere Sensoren eine Energieaufnahme angezeigt. Es war aber falscher Alarm, da ein Spender-Empfänger-Pärchen durch das Biotop reist. Ich habe das Signal erneut aufgerufen. Sie sind bei dir in der Nähe. Vielleicht haben sie etwas gesehen.«
Na großartig! Wenn es eine Kaste gibt, die ich noch weniger leiden kann als die Forscher, ist es diese. »Kannst du mich lotsen?«
»Ich schicke dir die Koordinaten.«
Nach ein paar Sekunden blinkt es grün auf meinem Visierinterface. Wäre ich ein Mensch, würde ich jetzt die Augen zusammenkneifen, um es von den ganzen anderen schmackhaften Pflanzenfarben unterscheiden zu können. »Ist angekommen.«
»Dann weiterhin viel Erfolg bei der Suche!«
»Jaja …«, brumme ich und kappe die Verbindung.
Es ist wirklich nicht weit, aber mir kommt gerade jegliche Bewegung zu viel vor. Und dann stolpere ich auch noch. Beim Abfangen büße ich ein weiteres Prozent meiner Energieanzeige ein. Langsam blicke ich nach unten und trete sofort einen Schritt zurück. Denn dort liegt ein rostiger Roboterkörper, leblos und halb mit der Natur vereint. Feuchtes Moos zieht sich über die Beine, während sich das Efeu des Baumes, an dem der Körper lehnt, des Brustkorbes bemächtigt hat. Zwischen den gespreizten Fingern wachsen kleine Blumen mit violetten Blüten. Eigentlich ein schönes Bild. Aber auch ein trauriges. Ich weiß, wer hier zum Sterben hingeht: der Naturclan. Sie haben ihren Ursprung in den ersten Jahren nach dem Sundown. Trotz Umprogrammierung der Energieslots haben sie sich irgendwann geweigert, Biomasse aufzunehmen. Ihre Meinung ist, dass Keld den Menschen gehört. Dem organischen Leben, keinem künstlich erschaffenen. Sie sind damals in Scharen in die frisch angelegten Biotope gereist, um in den Armen von Mutter Natur zu sterben. Bis heute gibt es sie – die Roboter, die diese Ansicht erlangen und sich für den Freitod entscheiden.
Ich wende mich ab. Der Anblick geht mir eigentümlich nah. Vielleicht, weil ich kurz davor bin, ebenso zu verenden. Nur nicht in der Überzeugung, Keld damit einen Gefallen zu tun – sondern weil ich aus Dummheit hier gelandet bin. Das kann ich nicht auf mir sitzen lassen und so will ich ganz bestimmt nicht sterben.
* * *
Ich wandere weitere Minuten durch die Wildnis, die mir wie eine Ewigkeit vorkommen, bis ich Geräusche wahrnehme.
»Komm, wir müssen weiter«, höre ich eine mechanische Stimme sagen. Etwas zu scheppernd für meinen Geschmack.
»Ja, aber … sie lässt mich nicht los.« Die zweite Stimme ist menschlich und klingt erschöpft.
Ich schnaube und schreite an den Bäumen vorbei, die mich von der Szenerie trennen. »Finger weg!«
Vor mir steht ein schimmernder, schwarzer Roboter. Ohne Gesicht oder Kontur. Sein Metall pulsiert in stetiger Dunkelheit, was bedeutet, dass er dauerhaft Energie aufnimmt. Jedoch nicht vom Biotop. Die Kabel und Schläuche an seinem Körper führen zu einer menschlichen Frau. Ihre Haut hat einen kränklichen Gelbton. Das dünne Haar hat sie zu einem schrägen Zopf zurückgebunden. Ein grauer Overall hängt schlabberig um ihren Körper. Ihr Lebenslicht flackert wie ein trauriges Feuerchen und an manchen Stellen sind schon Zeichen einer Umwandlung zu sehen.
Das ist ein vertrauter Anblick für mich. Mitglieder der Spender-Kolonien sind zwar selten außerhalb ihrer Siedlungen anzutreffen, aber auf meinen Reisen habe ich schon so gut wie alles gesehen. Die Roboter dieses Zusammenschlusses haben ihre Unterscheidungsmerkmale aus Respekt vor ihren Spendern abgelegt. Die Spender sind Menschen, die freiwillig kommen und ihre Biomasse abtreten. Sie werden mit einem einzigen Roboter verbunden, die Symbiose hält bis zu zehn Jahre an, aber auch nur, weil den Menschen zwischendurch Regenerationsphasen erlaubt werden. Nach dieser Zeit werden sie in 27,658 Prozent der Fälle umgewandelt. Warum, weiß niemand. Zwar haben die Forscher das untersucht, konnten es angeblich aber nicht erklären. Die Versammlung unserer Oberhäupter räumt dem keine Priorität ein und nennt es Evolution. Es gibt genug Menschen, die sich diesen Kommunen anschließen, aber nicht so viele, dass der Rat tätig werden müsste. Es ist geduldet, solange die Roboter nicht aktiv Spender anwerben oder zwingen. Immerhin haben die Menschen einen freien Willen. Warum sie sich das freiwillig antun? Manche hoffen vielleicht auf die erwähnte Metamorphose. Einige tun es, um die Natur zu entlasten. Und manchen geht dabei wahrscheinlich einer ab. Wenn sie ihr Leben derart wegwerfen wollen, bitte. Ich habe dafür nichts als Verachtung übrig. Selbst jetzt, wo ich dringend Energie benötige, würde ich mich niemals auf Dauer auch nur irgendeinem Individuum anschließen. Diese Ernährung über Jahre hinweg klingt nach klarer Folter.
Viel interessanter ist jedoch das dritte Wesen, das ich vor mir sehe. Offenbar muss ich nicht länger suchen, wie praktisch. Auf meinem Interface findet sich automatisch das Bild des Ziels ein und vergleicht die Gesichtszüge miteinander. Das Haar ist so dunkel, dass es meiner Panzerung echte Konkurrenz macht. Dagegen steht die Blässe der Haut, nur Nase und Augen sind ein wenig gerötet. Mag an den Tränen liegen, die dem Mädchen über die Wangen laufen. Die Lider öffnen sich just in dem Moment, in dem ich den Kopf etwas schräg lege und die Musterung intensiviere. Stahlgraue Augen starren zurück und ich muss zugeben, dass ich noch nie so gefühlsintensive Seelenspiegel gesehen habe. Es ist ein wenig so, als würde das Mädchen jegliche Empfindungen auf einmal in sich tragen und alle würden um die Vorherrschaft kämpfen. Am Ende ist es Furcht, die siegt und mir entgegenblickt. Fast bekomme ich ein schlechtes Gewissen. Oder vielmehr ein ungutes Gefühl. Manchmal ist es schwierig, ein passendes Synonym zu finden, wenn man nichts Echtes empfindet.
Читать дальше