»Wie viele waren es?« fragte er.
Der Kirua hob seine beiden Hände und öffnete sie viermal.
»Vierzig Männer?« fragte Maradsche ungläubig.
Der Kirua nickte eifrig.
»Und sie wurden nicht von den Krokodilen angegriffen?«
»Doch, doch, aber unsere Wächter kamen nicht auf den hölzernen Teppich. Die Fremden hatten Feuerrohre, aus denen Blitz und Donner aufstiegen. Jedesmal, wenn sie donnerten, war ein Krokodil tot.«
»Hatten sie eine helle Hautfarbe?«
»Heller als wir; aber nicht so hell wie die Fremden, die vor ein paar Monaten in der Königsstadt zu Besuch waren. Sie sahen aus, als trügen sie den Krieg mit sich.«
Maradsche blickte nachdenklich in die Ferne. Ob wohl jener Weiße, den sie einst so freundlich beherbergt hatten, diese Männer nach hier geschickt hatte? Es fiel Maradsche schwer, daran zu glauben; denn jener Weiße hatte doch versichert, daß er alles in seiner Macht stehende tun würde, um jedes Übel vom Dschaggaland fernzuhalten.
»Wie schnell marschieren sie?« fragte er.
»Obwohl sie auf jenen Zebras sitzen, scheinen sie nur langsam voranzukommen. Ich habe sie mehrere Stunden lang beobachtet. Du oder ich, wir laufen viermal so schnell wie sie.«
Maradsche ballte die Fäuste.
»Wieviel Tage werden sie noch brauchen, um hierher zu kommen?«
»Vielleicht zwei oder drei«, sagte der Läufer.
»Höre«, erwiderte Maradsche, »du bleibst hier in der Hütte auf Posten. Ich glaube, ich kann mich nicht damit aufhalten, mir den Zug der Fremden noch selbst anzusehen. Ich muß eilen, um den König zu benachrichtigen.«
Sie legten einander die Hände auf die Schultern, was einem Abschiedsgruß gleichkam. Dann setzte sich Maradsche in nördlicher Richtung in Bewegung.
6
Ugawambi saß auf seinem ruhig dahinschreitenden Pferd. Diesmal hielt er die Perücke in der Hand. Nervös zupfte er Haar um Haar aus der künstlichen Haut. Ihm war alles andere als wohl zumute. Je weiter sich die Sklavenhändler Imi Bejs dem Dschaggaland näherten, um so mehr plagte ihn sein Gewissen. Was würde wohl der fremde Massa dazu sagen, wenn er von seinem, Ugawambis, Verrat erfuhr? Und war es nicht wirklich ein schrecklicher Gedanke, diesen grimmigen Haufen auf die friedlichen Eingeborenen loszulassen?
Außerdem hatte es sich mittlerweile unter den übrigen herumgesprochen, daß es Imi Bej gelungen war, Abu Sef auf betrügerische Art abzuschieben. Was dem Satan von Sansibar aber mit Abu Sef gelungen war, würde mit Ugawambi noch viel einfacher sein. Der lange, dürre Neger glaubte nicht mehr daran, daß er wirklich von dem geizigen Araber an einem etwaigen Gewinn beteiligt werden würde. Auf der langen Reise hatte Ugawambi die Erfahrung machen müssen, daß Imi Bej eine Ausgeburt der Hölle war.
Ein Reiter drängte sich neben ihn.
»Du sollst zum Bej kommen«, sagte er.
Ugawambi nickte, stülpte seine Perücke aufs Haupt und folgte dem Befehl.
Imi Bej lächelte freundlich.
»Nun, Ugawambi, sind wir nicht bald an Ort und Stelle?«
Der Neger blickte starr geradeaus. Bisher war es ihm gelungen, den Zug zu verzögern. Immer wieder hatte er so getan, als sei er sich nicht ganz im klaren über die Richtung. Aber auch er wußte, daß es nicht leicht sein würde, Imi Bej tagelang an der Nase herumzuführen.
Er erwiderte :
»Von hier aus werden wir noch etwa eine Woche brauchen, Imi Bej. Es kostet mich viel Zeit und Anstrengung, mich jeweils über den Standort zu orientieren, an dem wir uns befinden.«
Imi Bejs Lächeln blieb; aber es wurde drohend.
»Höre, Ugawambi, wenn du mich glauben machen willst, daß du die richtige Straße nicht mehr findest, so kannst du dir immer schon ein Stück Erde aussuchen, in dem dein Kopf begraben wird, den ich dir mit einer Machete vom Halse trennen werde. Deinen Rumpf lassen wir den Geiern zum Fraß. Nun, also?«
Ugawambi blieb trotz der Drohung tapfer. Seine Stärke lag im Angriff. Und so schrie er denn Imi Bej wutentbrannt an:
»Wage es nicht noch einmal, in solchem Ton mit mir, deinem Partner, zu sprechen! Entweder, du gehst den Weg, den ich dir zeige, oder du wirst das Ziel nie erreichen. Ich bin nicht von dir, sondern du bist von mir abhängig ! Und wenn du mir den Kopf abschlägst, werde ich nicht ungerächt bleiben, denn es wird euch ohne mich nicht gelingen, jemals lebend die Küste wiederzusehen!«
Er zog sein Pferd nach links, ritt einen Bogen — und schloß sich wieder am Ende des Zuges an.
Imi Bej knirschte wütend mit den Zähnen. Was konnte er dem verdammten Schwarzen schon anhaben? Es blieb ihm nichts weiter übrig, als sich auf seine Führung zu verlassen. Imi Bej wußte genauso gut wie Ugawambi, daß sie ohne ihn verloren waren.
7
Michel und Ojo hatten die erste Terrasse des Kilimandscharogebirges erreicht. Völlig erschöpft und abgerissen hingen sie mehr auf ihren Pferden, als sie saßen. Trotz aller Müdigkeit achteten sie jedoch streng darauf, daß der Gang der Tiere gleichmäßig war. Zwischen den Bäuchen der Tiere, an den Sattelgurten befestigt, schwankte die primitive Trage, auf der Tschams fieberheißer Körper lag.
Michel hatte die Hoffnung auf seine Rettung schon fast aufgegeben. Nur hin und wieder zeigte ein Zucken des kranken Körpers an, daß noch Leben in ihm war.
»Wie weit, Señor Doktor, meint Ihr, müssen wir noch reiten?«
»Einen halben Tag noch, denke ich.«
Ojo nickte stumm und warf einen Blick auf Tscham.
Sie waren zwischen dem Pareegebirge und dem Dschi-pesee hindurch geritten, hatten die Papyrussümpfe durchquert, waren dann in das Tal eingeritten, das sich neben der Königsstadt nach Norden zog, und strebten nun, die grasbewachsene Bergwand, die sie noch von der Stadt Aradmans trennte, zu erklimmen.
Da der Hang sanft anstieg, blieben sie auf den Pferden.
»Haben noch eine ganz schöne Kletterpartie vor uns«, brummte Ojo.
»Und drüben wieder hinunter«, stimmte Michel zu.
Tscham war nur noch ein Schatten seiner selbst.
»Werdet Ihr ihn durchbringen, Señor Doktor?«
Michel wiegte bedenklich das Haupt. Dann meinte er:
»Im allgemeinen glaube ich nicht an Wunder. Doch hoffe ich sehr, daß diesmal eins geschieht.«
»Vielleicht kennen die Medizinmänner des Königs ein Mittel gegen das Fieber«, warf Ojo ein.
»Möglich.«
Die Pferde blieben plötzlich stehen. Ojos Gaul brach vorn in die Knie. »Absteigen«, befahl Michel.
Dann führten sie die Tiere am Zügel weiter. Es schien den beiden Gäulen schwerzufallen, die Bahre mit Tscham zu tragen.
»Das hätte uns noch gefehlt«, schimpfte Ojo, »daß ihr Biester kurz vor dem Ziel schlappmacht.«
»Es sind keine Esel«, sagte Michel. »Sie haben die Urwälder überwunden, sind uns über Sumpfpfade gefolgt, und haben uns in Gegenden getragen, die noch keines Weißen Fuß betrat.
Einmal müssen selbst die edelsten Pferde ausgepumpt sein. Und diese sind nicht einmal edel.«
Schritt für Schritt zogen sie dahin. Immer näher kamen sie dem Gipfel. Ohne daß sie es merkten, beschleunigten sie ihren Gang. Das Wissen um die jenseits liegende Stadt wirkte wie ein Magnet auf sie.
Nach zwei Stunden waren sie oben. Wieder wurden sie, wie beim erstenmal, durch den lieblichen Anblick, der sich ihnen bot, versöhnt. Dort lag sie, die Perle des Dschaggalandes, die Stadt des Königs Aradman. Geschäftig sah man die Bewohner in den Straßen hin und her eilen.
Das an den Fels geschmiegte Strohschloß beherrschte das Gesamtbild.
Auch die Tiere schienen alle Müdigkeit vergessen zu haben. Es war, als drängten sie zum Weitergehen. Michels Brauner jedenfalls stupste den Pfeifer mit der Schnauze an der Schulter.
Ja, dort unten gab es klares Quellwasser.
»Los, Diaz, wir werden auch das letzte Stück noch hinter uns bringen.«
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