»Beim Schejtan«, rief er laut, »geht in Deckung!« Aber es war schon zu spät. Schüsse fielen.
Abu Sef hörte nur noch den ersten. Dann starrte er mit weitaufgerissenen Augen, so, daß sein Gesicht aussah, als sei er sehr verwundert, dorthin, woher die Schüsse gekommen waren. Über seiner Nasenwurzel sickerte Blut aus einem kleinen Loch. Langsam rutschte er vom Pferd. Wie ein Mehlsack klatschte er auf den Boden und blieb liegen.
Malik el Suwa und vier, fünf andere Geistesgegenwärtige hatten die Pferde gewendet und preschten auf die gegenüberliegende Straßenseite zu, wo sie die Tiere rücksichtslos in den Busch trieben. Im Absitzen ergriffen sie ihre Büchsen. Die, die nicht hierher geflüchtet waren, fielen den Schüssen zum Opfer.
Da brach aus dem gegenüberliegenden Waldrand dieMeute der »Dreizehn Verlassenen« hervor.
Mit lautem Geschrei stürzten sie heran. Messer und Dolche blitzten.
Aber Malik el Suwa war nicht umsonst jahrelang in die Lehre seines Herrn gegangen. Er wußte, wie man solche Situationen meistert.
»Genau zielen!« rief er, »keinen Schuß verschwenden! Jede Kugel muß treffen!«
Dann legte er das Gewehr an und feuerte als erster. Seine Kugel fand ihr Ziel. Hassan sah mit Schrecken, wie Abd el Ata der Länge nach auf den Boden stürzte.
Weitere Schüsse peitschten vom Waldrand herüber. Sie hatten die Straße noch nicht zur Hälfte überschritten, als vier von ihnen tot oder verletzt auf der Straße lagen.
»Werft euch hin!« rief Hassan.
Aber nur wenige folgten seinem Befehl. Der Rachedurst hatte die übrigen blind gemacht. Erst als zwei weitere ihr Leben ausgehaucht hatten, nahmen sie Vernunft an.
Es entspann sich ein Kugelwechsel. Jetzt aber richteten die Schüsse weder hüben noch drüben Schaden an.
Malik el Suwa überlegte krampfhaft, wie er sich retten könnte. Aber die Feinde drüben würden jede Bewegung wahrnehmen. Es sei denn, er ließ sein Pferd zurück. Was jedoch tat er ohne Pferd? Nein, die Tiere durften nicht aufgegeben werden.
Er tat das Verkehrteste, was er in dieser Situation hätte tun können.
»Wir werden uns auf die Pferde schwingen und ausbrechen«, flüsterte er dem ihm am nächsten Liegenden zu.
Dieser nickte, froh, daß jemand da war, der das Kommando an Abu Sef s Stelle übernommen hatte.
Der Befehl wurde weitergegeben. Alle waren damit einverstanden.
Hassan sah, wie drüben eine Bewegung entstand. Auch ein anderer bemerkte es.
»Sie werden versuchen, mit den Pferden zu entkommen«, rief er.
Hassan gab keine Antwort.
»Wir sollten ebenfalls unsere Pferde holen«, rief der andere wieder.
»Bleibt liegen und zielt gut«, war alles, was Hassan sagte.
»Aber sie werden uns mit den Pferden entkommen«, blieb der andere eigensinnig.
Hassan kümmerte sich nicht um ihn.
»Gebt acht«, rief er, »ich nehme den ersten, der mir am nächsten Liegende den zweiten und so weiter und so weiter. Wenn ihr aufpaßt, kriegen wir sie alle.«
Drüben brachen die Reiter aus dem Waldrand hervor. Sofort wandten sie sich nach Osten zur Flucht.
Hassan zielte ruhig. Die, die seine Weisung verstanden hatten, ebenfalls. Als die Schüsse verklungen waren, gab es keinen Malik el Suwa mehr. Auch die anderen Sklavenjäger lagen mit den Gesichtern am Boden.
Einer der »Dreizehn Verlassenen« sprang auf.
»Sieg!« schrie er, »Sieg!«
Auch Hassan erhob sich langsam. Er blickte sich um. Tiefer Ernst stand auf dem Gesicht des Jungen. Er nickte.
»Sieg«, sagte er, »ja, Sieg. Aber um welchen Preis!«
Aus den »Verlassenen Dreizehn« waren »Verlassene Sieben« geworden. Hassan eilte zu Abd el Ata. Der Führer lebte noch.
»Abd el Ata, Abd el Ata«, sagte Hassan, und Tränen rannen ihm über die Wangen. »Bist du schwer verwundet?«Abd el Ata schlug mühsam die Augen auf.
»Hassan, Junge«, flüsterte er, »siehst du, wohin die Rache führt? — Ja —, ja, vierzig — Jahre — hat es gedauert — nun ist es — zu spät.«
Abd el Ata schloß die Augen. Ein Ruck ging durch seinen Körper. Dann fiel sein Kopf zurück.
—
Zwei Tage später waren die übrigebliebenen sieben wieder an jener Stelle, an der Ojo und Michel mit dem kranken Tscham sie verlassen hatten. Um dem Pfeifer zu folgen, mußten sie seine Spur finden. Aber so sehr sie sich auch mühten, der Urwald hatte das letzte Anzeichen der Berührung durch einen Menschen ausgemerzt. Nirgends wies eine geknickte Liane oder ein zertretener Halm den Weg. Nichts war von den dreien übriggeblieben als der Hauch eines Gedankens.
Hassan ließ die Schultern hängen. Sein Blick ging in die Weite. Gar zu gern hätte er mit dem Pfeifer über Abd el Ata gesprochen. Gar zu gern hätte er vom Pfeifer gewußt, warum Abd el Ata vierzig Jahre gebraucht hatte, etwas zu erkennen, das die Leute in Frankistan sicher schon in frühester Jugend wußten.
Der arme Hassan konnte nicht ahnen, daß die Geister in Frankistan ebenso verwirrt waren wie anderswo in der Welt, daß es nur einigen wenigen gegeben war, mit klarem Verstand um sich zu blicken. Und daß zu diesen wenigen Ausnahmen in Frankistan eben der Pfeifer gehörte.
»Was nun?« fragte einer der sieben Einsamen.
»Ja, was nun?« war Hassans ausweglose Antwort.
Nach langem Hin und Her entschlossen sie sich endlich, den Weg, den sie gekommen waren, zurückzureiten. Was für ein Weg würde es sein? War es für Hassan der Weg, den Abd el Ata, wahrscheinlich in der Vorahnung seines Todes, vorgezeichnet hatte?
Der Klang der sich nach Osten entfernenden Hufschläge hallte noch lange auf dem Gestein der Lavastraße wider.
5
Dort, wo die von den Eingeborenen strikt eingehaltene Grenze zwischen dem Kirua- und dem Moschiland war, saß in einer Strohhütte der Königsläufer Maradsche und spähte in das ihm vorgelagerte Land.
Die Kirua gehörten wie die Moschi zu den Wadschagga. Alle in dieser Gegend wohnenden Wadschaggastämme hatten Aradman, den Häuptling der Moschi, als ihren Oberkönig anerkannt.
Sie waren von seiner Weisheit und Klugheit überzeugt und fühlten sich wohl unter seinem Schutz.
Maradsche trat jetzt aus der Hütte und hielt die Hand über die Augen, um sie vor der sengenden Sonne zu schützen. Weiter unten im Tal, im Land der Kirua, nahm er einen schwarzen, kleinen, sich auf ihn zu bewegenden Punkt wahr. Angestrengt spähte er hinab.
Es mochte wohl eine Viertelstunde vergangen sein, als er klar erkennen konnte, daß sich dort unten ein Mensch näherte. Dieser Mensch, ebenso nackt wie Maradsche, eilte in einem für Europäer unvorstellbaren Lauftempo die mit saftigen grünen Matten überzogenen Hänge empor, bis er die Späherhüte Maradsches erreichte. Diese Hütte war sozusagen die Nachrichtenzentrale des Königs Aradman, in der alle Nachrichten aus der Umgegend zusammenliefen, um, sorgfältig ausgewählt, von dem Königsläufer dem König in Abständen von je nach Wichtigkeit ein, zwei oder drei Tagen unterbreitet zu werden.
Der Ankömmling war ein Kiruakrieger.
»Setz dich und ruhe dich aus«, sagte Maradsche. »Dein Lauf war zu schnell. Du wirst krank werden, wenn du dich des öfteren so überanstrengst.«
Der Kirua nickte, ließ sich nieder und rang nach Atem. Man sah ihm an, daß er eine äußerst wichtige Meldung zu überbringen hatte. Aber noch gestattete ihm seine keuchende Lunge nicht, sie in klare Worte zu fassen.
Endlich, nachdem er sich wohl fünf Minuten lang verschnauft hatte, begann er zu sprechen, hastig und abgerissen:
»Krokodilfluß — — viele bärtige Männer — bauen schwimmenden Teppich aus Holz ——
haben alle gezähmte Zebras — — dann überqueren den Fluß auf schwimmendem Teppich — — und nun auf dem Wege nach hier.«
Der Kirua hielt erschöpft inne. Maradsche krauste die Stirn.
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