Robert Wilson - Quarantäne

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Blind Lake ist eine weitläufige Forschungseinrichtung im Norden Minnesotas, streng abgeschottet von der Öffentlichkeit. Denn hier arbeiten Wissenschaftler mit einer Technologie, die sie selbst kaum verstehen: Sie beobachten intelligentes Leben auf einem Millionen von Lichtjahre entfernten Planeten. Sie können dabei keinen Kontakt mit den Außerirdischen aufnehmen oder sonstwie Einfluss nehmen — sie können nur beobachten. Doch dann wird Blind Lake vom Militär plötzlich unter Quarantäne gestellt, niemand darf das Gelände betreten oder verlassen. Haben die Aliens herausgefunden, dass sie beobachtet werden? Und fühlen sie sich dadurch so gestört, dass sie Gegenmaßnahmen ergreifen? für die Wissenschaftler beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit …
Nach seinem preisgekrönten Bestseller »Spin« stellt Robert Charles Wilson auch mit »Quarantäne« unter Beweis, dass er einer der aufregendsten Science-fiction-Autoren unserer Zeit ist.

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»Nein«, sagte Elaine. »Tut mir leid, aber das ist falsch. Es geht darum, den Leuten etwas ganz Schlichtes und Beruhigendes zu sagen, es aber mit pseudowissenschaftlichem Schwachsinn aufzumotzen. Es handelt von einem Akademiker im Quasiruhestand, der einen Haufen Geld verdient und zwar auf die denkbar zynischste Weise. Oh …«

Sebastian war plötzlich hinter ihr aufgetaucht, und seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, hatte er alles mitgehört. »Ernsthaft, Elaine, das geht jetzt wirklich zu weit.«

»Spielen Sie nicht den Beleidigten, Sebastian. Hat Ihr Verleger schon mal wegen einer Fortsetzung bei Ihnen angeklopft? Wie soll sie denn heißen? Das Zwölf-Punkte-Programm für das Quantenvakuum? Finanzielle Sicherheit mit dem Quantenvakuum? «

Sebastian öffnete den Mund, sagte aber nichts. Er sah nicht wütend aus, fand Sue. Sondern verletzt.

»Ganz im Ernst«, wiederholte er.

Elaine stand auf, knöpfte ihre Jacke zu. »Amüsiert euch noch, Kinder.« Sie zögerte, dann drehte sie sich um und legte Sue eine Hand auf die Schulter. »Okay, ich weiß, ich bin ein furchtbares Miststück. Tut mir leid. Danke, dass ihr mich ertragen habt. Ich bin Ihnen wirklich dankbar für das, was Sie über Ray gesagt haben.«

Sue zuckte die Achseln — ihr fiel keine Antwort ein.

Auf der Rückfahrt war Sebastian sehr still. Fast eingeschnappt. Sie konnte es gar nicht erwarten, nach Hause zu kommen und ihm einen Joint zu drehen.

Sechzehn

Chris fand Marguerite in ihrem Arbeitszimmer im ersten Stock, sie telefonierte lautstark. Die Direktübertragung aus dem Auge füllte den Wandmonitor aus.

Das Bild sah nicht gut aus. Irgendwie angegriffen — von falschen Linien und flüchtigen weißen Punkten durchzogen. Schlimmer noch, das Subjekt kämpfte sich durch haarsträubend schlechtes Wetter, ocker- und rostfarbene Fetzen, ein Staubsturm von solcher Heftigkeit, dass es darin ganz zu verschwinden drohte.

»Nein«, sagte Marguerite, »es ist mir egal, was sie in der Plaza sagen. Kommen Sie, Charlie, Sie wissen, was das bedeutet! Nein! Ich werde da sein. Bald.« Als sie Chris sah, fügte sie hinzu: »In fünfzehn Minuten.«

Die gleich nach seiner Entdeckung erstellte kartographische Darstellung des Planeten hatte jahreszeitlich bedingte Staubstürme von nahezu marsianischer Intensität gezeigt, vorwiegend in der südlichen Hemisphäre. Dieser Sturm hier musste anomal sein, dachte Chris, denn das Subjekt hatte sich noch nicht weiter als hundertfünfzig Kilometer von Hummerhausen entfernt, und Hummerhausen befand sich ein gutes Stück nördlich des Äquators. Vielleicht aber war es auch ein ganz natürlicher Sturm, Teil eines langfristigen Zyklus, der von der Beobachtung nicht erfasst worden war.

Subjekt schob sich, den Rumpf nach vorn gebeugt, ins Undurchsichtige hinein. Sein Bild verblasste, wurde klarer, verblasste erneut. »Charlie hat Angst, dass sie ihn ganz verlieren«, sagte Marguerite. »Ich fahr hin zum Auge.«

Chris folgte ihr nach unten. Tess saß im Wohnzimmer, verfolgte das Samstagvormittagsprogramm von Blind-Lake-TV. Ein Zeichentrickfilm: Kaninchen mit riesigen Brillen, die in mittelalterlichen Bechern und Destillierapparaten Karotten anbauten. Ihr Kopf schlug in regelmäßigem Rhythmus sanft gegen die Sofalehne.

»Du hast gesagt, wir würden rodeln gehen«, rief Tess.

»Schätzchen, es ist ein Notfall bei der Arbeit. Hab ich dir doch gesagt. Chris ist da und passt auf dich auf, okay?«

»Ich könnte doch mit ihr rodeln gehen«, schlug Chris vor. »Es ist allerdings ein ziemlich weiter Weg.«

»Echt?«, fragte Tess. »Können wir?«

Marguerite schürzte die Lippen. »Ich denke schon, aber ich möchte nicht, dass ihr hin und zurück zu Fuß geht. Mrs. Colangelo hat angeboten, dass wir ihr Auto ausleihen könnten, falls wir es mal brauchen — Chris kann sich darum kümmern.«

Er versprach, dass er nachfragen würde. Tess war beschwichtigt, und Marguerite schlüpfte in ihre Winterjacke. »Falls ich nicht bis zum Abendessen zurück bin, findet ihr im Gefrierschrank, was ihr braucht. Seid kreativ.«

»Wie ernst ist das Problem?«

»Es war eine mühsame und heikle Arbeit, die O/BEKs darauf zu trainieren, sich auf ein einzelnes Individuum zu fixieren. Falls wir das Subjekt im Sturm verlieren, kriegen wir es vielleicht nicht wieder zurück. Schlimmer noch ist, dass es immer wieder zu Signalverfall kommt, und Charlie weiß nicht, was die Ursache sein könnte.«

»Und Sie glauben, dass Sie helfen können?«

»Nicht im technischen Bereich. Aber es gibt Leute in der Plaza, die liebend gern diese Gelegenheit nutzen würden, um sich vom Subjekt zurückzuziehen. Das will ich verhindern. Also mische ich mich ein.«

»Viel Glück.«

»Danke. Und danke, dass Sie Tess Gesellschaft leisten. Egal wie, ich werde zurück sein, bevor sie zu Bett geht.«

Sie eilte aus dem Haus.

Im Interesse der journalistischen Kameradschaft rief Chris Elaine an und berichtete von der sich im Auge entwickelnden Krise. Sie sagte, sie wolle sehen, was sie herausfinden könne. »Die Sache wird merkwürdig«, sagte sie. »Ich kriege dieses Luken-dichtmachen-Gefühl.«

Er musste zugeben, dass er selbst ein bisschen unruhig war. Fast vier Monate Quarantäne inzwischen, und das bedeutete, so hartnäckig man auch versuchen mochte, den Vorgang zu ignorieren oder zu rationalisieren, dass etwas ungeheuer Schwerwiegendes passierte — vielleicht draußen, vielleicht drinnen. Etwas Schlimmes, etwas Gefährliches, etwas derzeit noch Verborgenes, das irgendwann unter dramatischem Getöse ans Tageslicht kommen würde.

Als Geschäftsführerin des Bekleidungsgeschäfts im Einkaufszentrum von Blind Lake befand sich Mrs. Colangelo seit der Abriegelung praktisch im Ruhestand. Sie stellte Chris ihren kleinen limettengrünen Marconi-Roadster zur Verfügung, und Tess packte ihren altmodischen Holzschlitten in den Kofferraum. Die meisten Kinder benutzten Snowtubes oder Schlitten aus Plastik, erläuterte Tess, aber sie hatte dieses Gerät (ein echt originaler Rodelschlitten, wie sie beteuerte) in einem Trödelladen entdeckt und ihre Mutter angefleht, es zu kaufen. Das war noch in Crossbank gewesen, wo es hügeliger war als in Blind Lake, aber auch ziemlich dicht bewaldet — hier konnte man wenigstens nicht gegen irgendwelche Bäume fahren.

Noch immer stellte Tess ein gewisses Rätsel für Chris dar. In vielerlei (vielleicht allzu vieler) Hinsicht erinnerte sie ihn an seine Schwester Portia — der Eigensinn, die Unberechenbarkeit, die gelegentliche Kratzbürstigkeit. Aber Portia hatte viel und gerne geredet, vor allem, wenn sie etwas entdeckt hatte, für das sie sich begeistern konnte. Tess aber sprach nur sporadisch.

Auch jetzt schwieg sie in den ersten fünf Minuten der Fahrt, doch offenbar dachte sie währenddessen auch an Portia. »Ist deine Schwester je rodeln gegangen?«, fragte sie schließlich.

Seit dem Fenstervorfall war sie mehrfach zu ihm gekommen, um weitere Porry-Geschichten zu hören. Als Einzelkind schien Tess fasziniert davon, sich Chris als älteren Bruder vorzustellen — weniger als ein Elternteil, mehr als einen Freund. Sie schien zu glauben, dass Portia ein zauberhaftes Leben geführt habe. Dem war nichts so. Portia lag auf einem verregneten Friedhof in Seattle begraben, Opfer der tödlichen Krankheit des Erwachsenseins in ihrer gravierendsten Ausprägung. Das sagte er Tess natürlich nicht. »Dort wo wir aufgewachsen sind, hat es nicht viel geschneit. Das Einzige in Richtung Rodeln, was wir gemacht haben, war Snowtubing in einem kleinen Ferienort in den Bergen.«

»Mochte Portia das?«

»Zuerst nicht. Zuerst hatte sie ziemliche Angst. Aber nach ein paar Abfahrten fand sie dann doch, dass es Spaß macht.«

»Ich glaube, sie mochte es«, sagte Tessa. »Außer dass man davon anfängt zu frieren.«

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