Er kramte eine Zigarettenschachtel aus der Tasche, hielt sie Leona hin.»Ich weiß gar nicht mehr, ob du rauchst. Möchtest du?«
Sie hatte vor Jahren damit aufgehört, jedoch wieder begonnen, als Wolfgang sie verlassen hatte. Mit jedem ersten Zug, den sie tat, löste sich etwas von der Anspannung, in der sie seit zwei Wochen lebte. Psychisch tat ihr das Rauchen gut. Mit den Folgen für ihre körperliche Gesundheit würde sie sich auseinandersetzen, wenn sie seelisch wieder etwas stabiler wäre. Er gab ihr Feuer, und sie sah, daß seine Hand dabei ganz leise zitterte. Sie hätte gern irgend etwas Tröstendes gesagt, aber ihr fiel nichts ein, was überzeugend geklungen hätte. Sie betrachtete den gutaussehenden Mann mit dem intelligenten Gesicht. Ganz sicher hatte er Angebote von anderen Frauen. Wie lange würde er die Dinge, wie sie waren, ertragen und bei Olivia und Dany bleiben?
«Das schlimmste ist«, sagte er leise,»daß ich anfange, Dany zu hassen. Mein eigenes Kind, von dem ich doch weiß, daß es für seine Behinderung und all die Probleme überhaupt nichts kann. Aber manchmal kann ich kaum gegen dieses Gefühl von… Zorn an. Ich hasse die Art von Leben, zu der sie uns zwingt. Ihren dauernden Kampf gegen uns, als wären wir ihre schlimmsten Feinde. Vor allem das, was sie aus Olivia macht. Bereits aus ihr gemacht hat.«
Leona dachte an die junge Olivia zurück. Sie war die attraktivste der drei Schwestern gewesen. Nicht blond, wie die beiden anderen, sondern rothaarig. Grünäugig und grazil wie eine Katze. Selbstbewußt, klug, ehrgeizig und energisch. Eine Frau, der sich die meisten Türen von selbst zu öffnen schienen, auch wegen ihres Wesens, das jeden für sie einnahm.
Paul schien ebenfalls mit seinen Gedanken in die Vergangenheit geschweift zu sein, und die Erinnerung tat ihm weh, denn er wechselte abrupt das Thema.
«Wie geht es Wolfgang?«fragte er.»Es ist ganz ungewohnt, dich ohne ihn hier zu sehen!«
Offenbar hatte Olivia wirklich dicht gehalten, auch ihrem Mann gegenüber. Aber Leona hatte keine Lust mehr, ihn anzulügen. Sie hatte allen etwas von Wolfgangs Arbeitsüberlastung erzählt, die den Urlaub unmöglich gemacht habe, aber irgendwann würde sie der Familie reinen Wein einschenken müssen. Sie konnte nach Olivia gleich bei Paul weitermachen.
«Wolfgang und ich haben uns getrennt«, sagte sie mit spröder Stimme,»genauer gesagt: er hat mich wegen einer anderen Frau verlassen. Er ist Anfang September daheim ausgezogen.«
Paul schien ziemlich schockiert.»Das tut mir entsetzlich leid, Leona. Ich habe mich schon gefragt, warum du so dünn geworden bist und so traurig wirkst, selbst wenn du lachst.«
Sie hatte keine Ahnung gehabt, daß man es ihr so sehr anmerkte.»Paul, ich möchte dich bitten, meinen Eltern noch nichts zu erzählen«, sagte sie sachlich,»vor allem nicht meiner Mutter. Irgendwann wird sie es natürlich erfahren, aber… na ja, du weißt ja, wie sie ist.«
«Ich weiß, wie sie ist«, sagte Paul, und sie lächelten einander etwas hilflos an.
Olivia erschien nicht zum Abendessen. Paul, der hinaufging, um nach ihr zu sehen, kam allein wieder zurück.
«Sie will nichts essen«, berichtete er,»und sie will nicht herunterkommen. Sie ist ziemlich fertig mit den Nerven.«
«Sie wird immer dünner«, sagte Elisabeth, ihre Mutter, vorwurfsvoll, ohne daß ganz klar wurde, an wen sich der Vorwurf richtete.»Ich werde ihr etwas Suppe hinaufbringen.«
Sie wollte mit Olivias unberührtem Teller zum Herd eilen, aber Paul hielt sie am Arm fest.
«Nicht. Das hat keinen Sinn. Laß sie in Ruhe.«
«Olivia schafft es, ständig ein Drama um sich zu
inszenieren«, meinte Carolin, die mit gutem Appetit aß.»Und ihr alle spielt das Spiel bereitwillig mit.«
«Das geht dich nichts an, Carolin«, sagte Paul scharf.
Er haßte diese Schwägerin unverhohlen, und sie erwiderte das Gefühl aus tiefstem Herzen. Sie war die jüngste der drei Schwestern, fünfundzwanzig Jahre alt, und noch immer ohne Beruf oder Ausbildung. Gelegentlich jobbte sie im Dorfgasthof als Serviererin oder trug Zeitungen aus. Für Paul war sie der Prototyp des nutzlosen, ewigen Schmarotzers, während er in ihren Augen einen angepaßten Karrierestreber darstellte. Sie hatte einen fünfjährigen Sohn, dessen Vater, ein arbeitsloser Schauspieler, mit ihr im Haus der Eltern wohnte und sich ein angenehmes Leben auf Kosten der Familie machte. Er wurde von Paul und Leona gleichermaßen verabscheut, wobei beide allerdings damit rechneten, daß er eine vorübergehende Rolle in Carolins Leben spielte. Vor der Geburt des Kindes hatte sie ihre Liebhaber wochenweise gewechselt.
«Wenn Olivia nicht bald Dany in ein Heim gibt, wird es hier unerträglich«, sagte Carolin.»Diese andauernde Schreierei müssen wir schließlich alle aushalten.«
«Du könntest ausziehen, wenn du es nicht mehr erträgst«, schlug Leona vor, die zwar fand, daß Carolin in der Sache recht hatte, daß es ihr aber von allen am wenigsten zustand, sich zu beklagen.
«Warum ich?«fragte Carolin sofort empört.»Warum nicht Olivia, Paul und Dany?«
Pauls Lippen preßten sich zu einem Strich zusammen. Die Eskalation der Auseinandersetzung stand unmittelbar bevor.
«Bitte, streitet euch nicht«, bat Julius.
Er saß mit gestreßtem Gesichtsausdruck am Kopfende des Tisches und war deutlich nur an einem interessiert: an Ruhe. Julius war Lehrer für Geschichte und Latein gewesen und arbeitete seit seiner Pensionierung an einem Buch über die Caesaren. Er hatte den ganzen Tag über komplizierten, uralten Textquellen gebrütet, die zu übersetzen selbst ihm Probleme bereitet hatte. Er war nicht richtig vorangekommen, hatte Kopfschmerzen und war frustriert. Er hatte den Eindruck, daß das Landhaus, in dem er mit Elisabeth drei eigenwillige Mädchen großgezogen hatte, von immer mehr Menschen und immer brisanteren Spannungen heimgesucht wurde. Die ständig schreiende Dany zerrte auch an seinen Nerven, aber er hätte sich eher die Zunge abgebissen, als das laut zu äußern. Und wie lange mußte er wohl noch den verlotterten Typen mit der Zottelmähne an seinem Tisch dulden, den Carolin vor Jahren als ihren Lover eingeführt hatte?
Wie gut, daß wenigstens Leona keine Sorgen machte. Aber ein wenig blaß und dünn sah sie aus. Er betrachtete sie liebevoll, und sie sah ebenfalls in diesem Moment zu ihm hin und erwiderte sein kaum merkliches Lächeln. Doch sie wirkte gequält. Bedrückt stellte er fest, daß er sich geirrt hatte. Auch um Leona mußte man sich sorgen.
Und Leona begriff in diesem Moment, weshalb sie es nicht wagte, das Scheitern ihrer Ehe zu gestehen. Es war die Müdigkeit in den Augen ihres Vaters. Es war der tapfere Optimismus, mit dem ihre Mutter zwischen Olivia und Carolin vermittelte, sich um Dany bemühte, Carolins schmarotzenden Freund entgegenkommend behandelte.
Es war die eiserne Entschlossenheit, mit der ihre Eltern an ihrer Vorstellung von einer intakten Familie festhielten und es damit tatsächlich schafften, das brüchige Gefüge weiterbestehen zu lassen. Sie wußte, daß Elisabeth und Julius einen nicht unerheblichen Teil ihrer Kraft aus der Tatsache schöpften, daß wenigstens Leona in einer stabilen Beziehung lebte, daß sie glücklich war und sich mit vergleichsweise unbedeutenden Problemen herumschlagen mußte. Sie brauchten diese Gewißheit, um glauben zu können, daß sie das waren, was sie unter allen Umständen sein wollten: eine große, glückliche Familie, in der es zwar dann und wann ein paar Schwierigkeiten, gab, in der aber nicht ernsthaft jemals etwas in Unordnung geriet.
Sie brachte es nicht fertig, sie zu enttäuschen, so absurd diese Komödie auch war, die sie spielte. Irgendwann würden sie es erfahren und nicht im mindesten verstehen, warum sie so lange geschwiegen hatte.
Die gute Tochter, dachte sie sarkastisch, die gute Tochter, bei der nichts schiefläuft. Irgend etwas muß ich einmal tun, was niemand von mir erwartet.
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