Während der vergangenen sechs Jahre, die dahingegangen waren ohne ein Lebenszeichen von Anna, hatte Lisa ohnehin oft gedacht, die Schwester sei vermutlich längst gestorben, irgendwo auf dem südamerikanischen Kontinent. Sie hatte kaum noch damit gerechnet, sie jemals wiederzusehen. Insofern war es nicht anders gekommen, als sie vermutet hatte. Und doch… Anna war nicht irgendwo jenseits des Ozeans verscharrt worden. Lisa hatte ihre Leiche identifizieren müssen. Sie war mit den zwei Polizeibeamten nach Augsburg gefahren. Im Keller des Polizeipräsidiums hatte man ihr Anna präsentiert. Durch ihr starres Gesicht war ein häßlicher Schnitt verlaufen, später, bei der Beerdigung, hatte man den kaum noch gesehen. Ein Tuch bedeckte ihren Körper bis zum Hals, und als Lisa eine Handbewegung machte, von der der Gerichtsmediziner offenbar annahm, sie habe damit das Tuch zurückschlagen wollen, hielt er sie am Arm fest.
«Nicht! Sie ist ziemlich schlimm zugerichtet. Sie sollten sich den Anblick ersparen.«
Der ermittelnde Beamte, dem sie später gegenübersaß, Kommissar Hülsch, hatte ihr mitgeteilt, Anna habe keinerlei Papiere bei sich gehabt, nichts, was über ihre Identität hätte Auskunft geben können.
Er hatte schwach gelächelt, als er sagte:»Ein Vorteil, wenn man auf dem Land lebt. Hier kennt jeder jeden. Das Paar, das Ihre Schwester gefunden hat, wußte sofort, um wen es sich handelte. Das heißt, er wußte es. Sie war nicht vernehmungsfähig. Sie hätte ihren eigenen Namen nicht mehr gewußt.«
Er war überrascht gewesen zu hören, daß die Familie — der klägliche Rest der Familie — seit sechs Jahren keinen Kontakt zu Anna gehabt hatte, völlig im unklaren über ihren Aufenthaltsort gewesen war.
«Seit sechs Jahren! Haben Sie keinerlei Nachforschungen angestellt? Sich keine Sorgen gemacht?«
Lisa seufzte. Ihm die spezielle Familiensituation Heldauer zu erklären würde schwierig sein. Auf seinem Schreibtisch hatte sie ein gerahmtes Foto entdeckt, das eine junge, recht hübsche Frau und drei kleine Kinder zeigte. Der Kommissar hatte eine intakte Familie und hing vermutlich an ihr. Er hätte wahrscheinlich Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, wenn eines seiner Kinder plötzlich über Jahre verschollen gewesen wäre.
«Meine Mutter lebt nicht mehr«, erklärte Lisa,»und mein Vater ist schwer krank. Krebs. Wir…«
Sie brach hilflos ab und zuckte mit den Schultern, überzeugt, daß er niemals eine so vage Erklärung akzeptieren würde. Aber offenbar begriff er, denn er nickte sehr nachdenklich.
«Ich verstehe«, sagte er. Er überlegte eine Weile, dann fragte er:»Haben Sie irgendeine Idee, wo Ihre Schwester all die Jahre gewesen sein könnte?«
«In Südamerika.«
«In Südamerika? Wie kommen Sie darauf?«
«Dorthin wollte sie damals«, erklärte Lisa,»als sie fortging.«
«Und Sie nehmen an, sie hat diesen Plan durchgezogen?«
«Sie war entschlossen. Sie hatte schon lange von Südamerika geträumt.«
«Aber sie hat von dort nie eine Karte oder etwas Ähnliches geschickt?«
«Nein.«
«Sie kann von Südamerika nicht ohne Papiere hierhergekommen sein.«
«Bestimmt hatte sie ihre Papiere noch, ehe sie… nun, ehe sie dem Mörder begegnete«, meinte Lisa.»Er hat sie ihr dann abgenommen.«
«Warum?«
«Wie?«
«Na ja — warum sollte er ihr die Papiere abnehmen?«
«Er hat ihr wahrscheinlich die ganze Brieftasche geklaut. Weil er ihr Geld wollte. Und da war dann eben auch ihr Ausweis dabei.«
«Die Dinge passen hier alle nicht so recht zusammen, Frau Heidauer«, sagte Hülsch,»ein Raubüberfall war das nicht. So wie der Kerl Ihre Schwester zugerichtet hat, sie an einen Baum gefesselt hat… das weist auf einen Psychopathen hin. Einen Irren, der entweder Frauen haßt oder eine perverse Art von Triebbefriedigung empfindet, wenn er wehrlose Menschen quält.«
Lisa lief ein Schauer über den Rücken.
«Für gewöhnlich«, fuhr Hülsch fort,»klauen diese Typen kein Geld. Daran sind sie gar nicht interessiert.«
Lisa war der Ansicht, daß jeder Mensch, irr oder nicht, immer und vor allem an Geld interessiert war, aber sie mochte dem Kommissar nicht widersprechen.
Der schien bekümmert; er hatte von der Schwester des Mordopfers noch weniger Auskünfte erhalten, als er befürchtet hatte. Die ganze Sache war verworren und undurchdringlich. Er hatte keine Ahnung, wie er Licht in das Dunkel bringen sollte.
«Es ist zu dumm, daß wir keinen Anhaltspunkt haben, woher sie gekommen ist«, sagte er,»dadurch wird sie gewissermaßen zu einer Frau ohne Vergangenheit. Nichts, wo man einhaken könnte.«
«Aber der Mord hat bestimmt nichts mit ihrer Vergangenheit zu tun«, widersprach Lisa,»sie ist doch hier umgebracht worden! Im Wald gleich beim Dorf! Das war jemand aus dieser Gegend, nicht jemand von dort, wo sie hergekommen ist.«
«Da war kein Gepäck«, sagte der Kommissar, mehr zu sich selbst als zu Lisa.»Man kommt doch nicht nach sechs Jahren nach Hause zurück ohne Gepäck! Man geht aber mit dem ganzen Gepäck auch nicht durch den Wald. «Er machte sich eine Notiz auf einem Zettel.»Schließfächer in den Bahnhöfen Augsburg und München überprüfen.«
«Sie wird getrampt sein«, meinte Lisa,»und der Mörder hat sie mitgenommen. Ihr Gepäck ist noch in seinem Auto. Sie ist schon früher immer getrampt. Sie ist nie anders gereist.«
«Das ist möglich. Natürlich. Aber ebensogut ist es möglich, daß der Täter etwas mit ihrer Vergangenheit zu tun hat. Daß er ihr gefolgt ist — oder sie selber hierhergebracht hat.«
«Das ist kaum herauszufinden.«
«Ja. «Er klopfte mit seinem Kugelschreiber nervös auf dem Schreibtisch herum.»Südamerika«, murmelte er.»Sie war sehr braungebrannt, am ganzen Körper. Sie muß sich irgendwo aufgehalten haben, wo viel Sonne ist. Sie hatte diese sehr tiefe Bräune, die über Jahre entsteht. Sie war nicht in Deutschland!«
Tolle Schlußfolgerung, hatte Lisa gedacht und war enttäuscht gewesen von dem Mann. Natürlich war Anna nicht in Deutschland gewesen! In dem verregneten, kalten Land, in dem der Sommer höchstens als schlechter Scherz durchgehen konnte. Nein, Anna hatte sich irgendwo eine phantastische Zeit gemacht!
Und nun mußte sie immer wieder an dieses Gespräch denken und viel zu oft an Anna. Obwohl es gerade erst September war, dachte sie ständig an den Herbst, den bevorstehenden Winter, an Weihnachten. Mehr als im Sommer wünschte sie sich, die Dinge rundherum wären in Ordnung. Die Familie wäre intakt. Zum erstenmal hegte Lisa die Vorstellung, wie schön es hätte sein können, wenn Anna ihr Ziel erreicht hätte, wenn sie zu Hause angekommen wäre. Sie hätten an langen Herbstabenden zusammensitzen und plaudern können, sie hätten einander in der Pflege des Vaters abwechseln, hätten sich trösten können, wenn es ihm schlechter ging und sein Leid kaum noch mit anzusehen war. Sie hätte jemanden gehabt in der Eintönigkeit und Tristesse des täglichen Lebens.
Sie hatte Benno gekündigt, nicht lange nach Annas Tod. Sie hatte das schon längere Zeit vorgehabt, denn seine Hilfe kostete natürlich Geld, und sie mußte sparen für die Zeit, wenn ihr Vater tot war und seine Rente ausblieb. Sie hatte die Entscheidung vor sich hergeschoben, aber Annas Tod stellte die Zäsur dar, an der sie endlich die Dinge zu regem beschloß.
«Tut mir leid, Benno. Ich war immer sehr zufrieden mit Ihnen. Es geht wirklich nur ums Geld, glauben Sie mir.«
«Klar, weiß ich. Ich würde Ihnen gern auch so helfen, aber…«
«… von irgend etwas müssen Sie leben. Natürlich.«
Benno fehlte ihr, seine zupackende Art, seine ausgeglichene Freundlichkeit. Das Gejammere und Geschimpfe ihres Vaters mußte sie nun ganz allein aushalten, sich mit ihm abquälen bei Verrichtungen, die im Grunde über ihre Kräfte gingen. Sie war überzeugt, Anna hätte ihn aufmuntern können. Sie war immer die Lieblingstochter gewesen, so fröhlich und lebhaft, manchmal ein wenig egoistisch, dabei aber stets so liebenswürdig, daß viele Leute dieses Zuges an ihr gar nicht gewahr wurden.
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