der nach –
— nach was, nach wem? –
geschaffen ist?
Sie zog die Stirn in Falten, während sich der Rest des Textes mühelos einstellte:
Du mußt geistlich auferstehen
und aus Sündengräbern gehen,
wenn du Christi Gliedmaß bist.
Aber sie wollte sich nicht so leicht geschlagen geben. Leise versuchte sie, den Text zu summen, kam dem fehlenden Wort trotzdem nicht auf die Spur. Ungläubig wiegte sie den Kopf — alles war so verwirrend, viel zu verwirrend, um es zu erfassen.
Was in Blumenberg noch an Geistesgegenwärtigkeit war, wurde allmählich trüber, Bilder, Halbsätze drifteten in Schwallen an ihm vorbei, und darin entschwammen einzelne Wörter; wie wesentlich das Entschwimmende war, kam ihm mit sachtem Schrecken zu Bewußtsein, als er merkte, daß er sich nicht mehr an seinen Namen erinnern konnte, auch an die Namen der anderen nicht, die in seiner Nähe saßen. Wie durchziehende Vogelschwärme kreuzten Wörter in ihm, sanken, erhoben sich, pfeilten vorüber, er tastete an den Wortleibern herum, die er kurz zu fassen bekam, probierte Silbenkombinationen aus, ohne Erfolg.
Wie hieß noch? — vage hoffend dachte er, würde ihm der Name eines anderen einfallen, kehrte auch der eigene zu ihm zurück, aber das noch hatte den Namen bereits entführt. Selbst der Haubenkopf der Frau, der ihn immer zu präzisen Wörtern angeregt hatte, Kopf, der sich unerklärlicherweise langsam hin und her wiegte und den er dabei mit einem Rest von Besinnungsgier betrachtete, versagte seinen Dienst.
Und doch, wenigstens ein Name kam ihm wieder in den Sinn: Goethe. Und schon wogten einige Zeilen an ihm vorüber:
— nicht mehr bleibest du umfangen
in der Finsternis Beschattung,
und dich reißet neu Verlangen
auf zu höherer Begattung –
Er, der bisher zusammengesunken am Bauch des Löwen gelehnt hatte, machte den Rücken los, setzte die Fußsohlen auf und kam auf die Knie zu sitzen, wo er aufwärts der Gelenke die Schenkel streckte, den Oberkörper hob und mit zitternden Armen die Weite berührte.
Auch der Löwe hatte sich erhoben. Sein Fell glänzte im Licht. Die Muskeln traten hervor, zeigten, wer der Herr war.
Königlich, königlich schollernden Klanges fuhr Blumenberg! aus dem Rachen des Löwen. War der Mann in der Höhle bisher nicht viel mehr gewesen als Luft an der Luft, schien auf den Namenszuruf hin eine andere Materie ihn zu befüllen. Lichtsendendes Blut zirkulierte in seinen Adern. Er strahlte und zitterte und hielt die schwankenden Arme weit ausgebreitet. Da hieb ihm der Löwe die Pranke vor die Brust und riß ihn in eine andere Welt.
Von Anfang an hat mir Bettina Blumenberg klug und freiherzig geholfen. Die fremde Sicht auf ihren Vater hat sie großzügig respektiert, mit Witz meine tastenden Versuche begleitet.
Gespräche und der Austausch von Briefen mit Michael Bernhart, Ursula Flügler, Friedhelm Herborth, Michel Krüger, Dietrich Leube, Ernst Osterkamp, Klaus Reichert, Claudia Schmölders, Hermann Wallmann und Uwe Wolff haben mich ermuntert. Einige von ihnen haben mir Materialien zur Verfügung gestellt, insbesondere Michael Bernhart und Uwe Wolff. Dank gebührt auch meiner Lektorin Julia Ketterer.
Nach korrekten Blumenbergzitaten wird man vergeblich suchen. Aber Halbsätze, Kurzprägungen, abgewandelte Gedankengänge, einzelne Wörter habe ich dem verehrten Philosophen entwendet. Wo immer er jetzt weilen möge: ich verneige mich vor ihm und bitte um Nachsicht.